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"Liebe, höchste Form der Humanität"

Das Interview: Dramatiker Noah Haidle über sein Stück am Nationaltheater und über Ulrike Folkerts - UA am Samstag

Mannheim.Mit "Für immer schön" erfährt ein weiteres Sozialdrama aus dem Mittleren Westen seine Uraufführung am Nationaltheater Mannheim. Die schwarze Komödie handelt vom Niedergang der Handelsvertreterin für Kosmetik, Cookie Close, gespielt von Ulrike Folkerts.

Herr Haidle, was bedeutet Schönheit für Sie?

Noah Haidle: Eine andere Frage bitte.

In einem Artikel über Ihr jüngstes Stück zitiert Ingoh Brux, Chefdramaturg des Nationaltheaters, Peter Sloterdijk: Der Philosoph behauptet, dass die alten Religionen heute durch Schönheitswahn und Körperkult ersetzt würden. Wollen Sie dazu etwas sagen?

Haidle: Das klingt sehr klug.

Wollen Sie diese Beschreibung des postmodernen Daseins nicht kommentieren?

Haidle: Auf keinen Fall! Ich bin nicht so klug.

Wie schätzen Sie sich selbst ein?

Haidle: Ich bin der ehrliche Typ. Ich bin alles, bloß nicht zynisch.

Was ist Ihnen wichtig?

Haidle: An erster Stelle Liebe, die höchste Form der Humanität. Dann kommt gleich die Kunst. Natürlich nehme ich auch das aktuelle politische Geschehen in Amerika ernst. Ich rege mich über Trump auf wie alle anderen. Aber ich würde nie über Trump schreiben.

Das ist schade. Mit Ihrem derzeitigen Erfolg könnten Sie mit Ihrer Kritik viele Menschen erreichen.

Haidle: Ich hasse es, wenn ich im Theater "unterrichtet" werde. Ich schreibe nichts Politisches, weil das eh schon viele tun. Mich interessiert es vielmehr, eine überhöhte Realität herzustellen. Ehrfurcht, Schönheit, Staunen. Das ist es, was ich im Bühnenraum herstellen will. Mich interessiert ausschließlich, darüber zu schreiben, was es bedeutet, Mensch zu sein.

Das stimmt, im Gegensatz dazu ändert sich das politische Geschehen ständig.

Haidle: Als ich diesen Sommer am NTM unterrichtete, erzählte ich meinen Schülern, dass das Wichtigste ist, über das zu schreiben, was du liebst. Vielleicht sind meine Stücke deshalb so beliebt hier. Aber danke für die Frage nach meiner Haltung zur Welt der Politik. Ich ziehe Fantasiewelten vor. Deshalb auch mein Ouroboros (Haidle deutet auf das Tattoo auf seinem rechten Oberarm. Es zeigt eine Schlange, die sich selbst frisst): Es bedeutet Ewigkeit und Vollkommenheit für mich.

Kehren wir zu Ihren Stücken zurück. Es ist sehr mutig, auf die Bühnen zu bringen, was man liebt. Sie stellen sich damit völlig bloß.

Haidle: Aber genau das heißt für mich authentisch sein. Und übrigens, es interessiert mich überhaupt nicht, was die Kritiker über mich und meine Theaterstücke schreiben.

Schade.

Haidle: Lassen Sie es mich so sagen: Ich will keine kritischen Stimmen in meinem Kopf herumschwirren haben. Gabriel García Márquez, ein großes Vorbild von mir, hatte genau die gleiche Einstellung.

Das hängt aber bestimmt damit zusammen, dass Sie sich diese Lässigkeit aufgrund Ihres Erfolgs erlauben können.

Haidle: Oh ja, aber auch ich hatte meine Höhen und Tiefen. Ich weiß, dass ich zurzeit sehr privilegiert bin. I am a very lucky guy! Ich fühle mich gesegnet. Ich schreibe ein paar Zeilen aufs Papier und da sind ein Haufen Leute, die sich unheimlich viel Mühe geben, das Geschriebene auf die Bühne zu kriegen. Das berührt mein Herz!

Und wie laufen die Proben?

Haidle: Mit Ulrike Folkerts? Sie ist bezaubernd und gleichzeitig sehr bescheiden. Das gefällt mir. Ich mag auch ihren Sinn für Humor. Sie scheint hier in Mannheim und Ludwigshafen sehr bekannt zu sein.

Das kann man sagen! Gefällt es Ihnen übrigens in Mannheim?

Haidle: Ja, ich gehe jeden Morgen am Neckar laufen. Das hilft mir, mich zu entspannen.

Sie wirken in der Tat sehr entspannt.

Haidle: Tue ich das? Danke. Ich halte es mit dem Zen-Buddhismus. Ich will mit dem Älterwerden sanfter werden, nicht härter.

In "Für immer schön" geht es nicht so entspannt zu. Als Ihre Heldin beispielsweise in einem Streit mit ihrer Konkurrentin aus der Kosmetikbranche das Gesicht mit einer Nagelfeile zerkratzt bekommt...

Haidle: ... ja, das ist eine lustige Szene! Sie zeigt aber die ganze Aggressivität der beiden Frauen. Ich möchte an dieser Stelle auf Tschechow verweisen: Wenn Du ein Requisit auf die Bühne bringst, musst Du es auch benutzen. Und übrigens, wie politisch ist Tschechow? Mir geht es darum, etwas Zeitloses, etwas Allgemeingültiges zu schreiben. Dabei sind die von mir geschaffenen Charaktere quasi "Verlängerungen" von mir. Zumindest fast alle. Die in meinem Drehbuch für "Stand Up Guys" sind es nicht. Da habe ich Mist produziert, weil ich den Markt bedient habe.

Wollen Sie mir etwas zu Ihrer jüngsten Heldin Cookie Close in "Für immer schön" erzählen?

Haidle: Nun, sie trägt einen witzigen Namen. Aber eigentlich befindet sie sich in einer tiefen spirituellen Krise. Sie versagt als Handelsvertreterin.

Gerade wie Willy Loman in "Tod eines Handelsreisenden" von Arthur Miller.

Haidle: Und genau wie er betrügt sie sich die ganze Zeit selbst. Das ist das tragikomische an ihrer Existenz. Aber sie ist nicht totzukriegen. Selbst als sie obdachlos und blind mit der Leiche ihrer Tochter durch die Vorortstraßen von Grand Rapids zieht. Am Ende schreibe ich ins Textbuch, dass sie "müde, matt, unter großen Schmerzen, aber unbesiegt" von der Bühne hinkt.

Der amerikanische Traum hat sich für Ihre Protagonistin also nicht erfüllt.

Haidle: Nennen Sie es das Misslingen des amerikanischen Traums, wenn Sie wollen.