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Lieber harte Kritik als Ignoranz

Das Interview: Hans-Karsten Raecke über Neue Musik und die Klangwerkstatt Musiktage

Mannheim.Der Musiker und Komponist Hans-Karsten Raecke kann sicher nicht anders, als mit seiner Musik auch Politik zu machen. Wenn er mit seiner Meinung aneckt und Menschen mobilisiert, ist ihm das gerade recht.

Herr Raecke, sehen Sie sich als Komponist in einer Linie mit Luther und Lenin?

Hans-Karsten Raecke: (lacht) Ich bin weder ein Lenin- noch ein Lutherfan. Sie beziehen sich auf mein musikalisches Theaterstück. Die beiden Herren kriegen ordentlich auf die Nase. Das Werk besteht zu 80 Prozent aus Zitaten. Es kommt ein Alien, der sich für die Erde interessiert, und stellt Fragen. Warum sind 500 Jahren nach der Reformation und 100 Jahre nach der Revolution immer noch Revolutionen nötig? Und er holt die beiden auf die Bühne, dadurch entsteht ein hochinteressanter politischer Schlagabtausch, und durch die Zeitdiversion bekommt das auch einen kabarettistischen Aspekt.

26. Musiktage in Mannheim, das bedeutet eine mittlerweile etablierte Tradition. Was hat sich seit 1991 verändert?

Raecke: Das Publikum geht zurück. Nicht nur deutschlandweit! Die Bildung junger Menschen, die Bedeutung von Kunst wird nicht mehr richtig gepflegt. Die fehlende Präsenz neuer Musik hängt einerseits von Bildung und Ausbildung ab, aber andererseits hat die Unterhaltungskunst ganz enorm an Bedeutung gewonnen, durch die Medien, vor allem durch das Fernsehen. Und durch die vielen Veranstaltungen für Pop, Rock und Techno.

Warum findet der Mensch Kunst weniger wichtig?

Raecke: Der Mensch findet die Kunst latent wichtig. Aber wenn etwas wichtig ist, dann muss auch auf die gesamte Problematik, die Bedeutung, die Kunst hat, aufmerksam gemacht werden. Und die Ablenkung ist größer geworden. In der DDR wurde Kunst von staatlicher Seite aus eine größere Bedeutung zugemessen. Zwar im Sinne des Sozialismus, aber auch Parteifunktionäre haben gesagt: Das ist ein Künstler, ich muss das respektieren. Macht er etwas Parteiliches, ist das gut. Wenn nicht, müssen wir ihn kritisieren. Und glauben Sie mir: Ein Künstler wird lieber kritisiert, auch hart, als dass er gar nicht wahrgenommen wird.

Inwiefern ist Neue Musik geeignet, um eine politische Meinung auszudrücken?

Raecke: Kunst soll was bewirken. Ich glaube, es ist ein Fehler, wenn Komponisten sich ausschließlich in einer technisch komplizierten Sprache ausdrücken! Das Gewicht der Tonalität, die Naturgesetzmäßigkeit der Obertonreihe, die Ausprägungen der harmonischen Konstanten sind so stark, dass man immer wieder darauf zurückkommt. Es ist nur die Frage, wie sehr man das betont.

Warum entwickeln Sie neue Musikinstrumente?

Raecke: Ich glaube, dass der Fokus in der Zukunft auf neuer Ensemble-Arbeit liegen wird, oder dem Versuch, Klangforschung über Neuentwicklung von Instrumenten weiterzubringen. Die Entwicklung der Form ist in der Musik ungeahnte Wege gegangen, aber der Klang ist ziemlich konservativ geblieben. Zum Beispiel ist das Orchester für mich ein sehr konservativer Klangbereich. Da ist nicht viel Neues passiert. Es ist ausgequetscht wie eine Zitrone. Wir wissen seit Jahrzehnten, wie eine Klarinette klingt. Es gab seitens des Klangs wenig Innovation, abgesehen von der elektronischen Musik. Das konnte ich auf dem Warschauer Herbst viele Jahre beobachten: Viele Werke sind spannend, aber wenn ich meinen Gefühlshaushalt anschaue, hätte ich sie nicht zweimal angehört. Viele dieser Stücke sind unglaublich gut komponiert, aber emotional manchmal sehr dünn. Sie werden auf klassischen Instrumenten gespielt. Und die große Informationsdichte der Struktur schränkt die emotionale Ausbreitung zusätzlich ein.