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„Man kann ihm nicht entkommen“

Nationaltheater: Gespräch mit Regisseurin Claudia Bauer, deren „Maria Stuart“-Inszenierung die Schillertage eröffnet

Mit der Eigenproduktion des Königinnendramas „Maria Stuart“ eröffnet das Mannheimer Nationaltheater am 20. Juni seine Schillertage. Wir trafen Regisseurin Claudia Bauer in der NTM-Theaterkantine zum Gespräch über ihre Inszenierung des Klassikers, der die letzten Tage im Leben der schottischen Königin Maria Stuart schildert. Das Interview wurde von der Regisseurin autorisiert.

Frau Bauer, Mannheims Schauspiel-Intendant Christian Holtzhauer hat im Festival-Programm formuliert: „Bis heute bildet (...) die Frage, wie wir uns durch die Beschäftigung mit Schiller zu unserer eigenen Zeit ins Verhältnis zu setzen vermögen, die programmatische Grundlage einer jeden Ausgabe der Internationalen Schillertage.“ Wie haben Sie sich für „Maria Stuart“ mit dieser Frage arrangiert?

Claudia Bauer: Wenn man ältere, die sogenannten klassischen Stücke macht, muss man sich ja immer die Frage stellen, wie ich das zur heutigen Zeit in Verbindung setze. Wen interessiert schon ein Kostümschinken, der eins zu eins die Probleme abbildet und behandelt, wie sie vor 200 Jahren waren? Deswegen ist Schiller da nur einer von vielen, bei dem man sich darüber Gedanken machen muss. Es ist aber eine sehr berechtigte Frage, weil Schiller sich tatsächlich sehr häufig mit Problemen seiner Zeit beschäftigt, in „Maria Stuart“ genauso wie in „Kabale und Liebe“. Wobei „Maria Stuart“ natürlich nicht seine Zeit ist, seine Zeit ist die Französische Revolution – und auch dort wurden gekrönten Häuptern die Köpfe abgeschlagen. Schiller daraus zu lösen ist tatsächlich nicht so einfach.

Wie sind Sie damit umgegangen?

Bauer: Man muss herausfiltern, was für uns heute lesbar, erkennbar, dechiffrierbar ist. Und das ist bei „Maria Stuart“ der Politthriller. Also die Intrige, die Lüge, das Hinterzimmer-Gemauschel, wo es letztlich um Leben und Tod geht. Da sitzen irgendwelche Politiker, entscheiden etwas, wägen ab – und plötzlich rollen Köpfe. Frauen in Führungspositionen ist natürlich auch ein interessantes Thema, aber das ist bei Schiller letztlich eigentlich nur ein Nebenthema. Das haben wir versucht, etwas mehr in den Vordergrund zu rücken.

Welcher Aspekt des Stücks hat Sie besonders gereizt?

Bauer: Ich fand es vor allem aufregend, diese beiden Lebensprinzipien gegeneinander zu setzen. Also Elisabeths Lebensprinzip der absoluten Triebkontrolle, dass sozusagen alles der Politik, ihrem Job, ihrem Führungsauftrag untergeordnet ist, während Maria Stuart die viel leidenschaftlichere, spielerischere, empathischere Person ist – die genau wegen dieser Leidenschaft, die sie eben nicht immer kontrolliert, auch untergeht. Die Kälte gewinnt.

Sie inszenieren mit acht Schauspielern – wie setzen Sie das Stück auf die Bühne?

Bauer: Schiller gibt es eigentlich schon vor: Es gibt zwei Mannschaften, Elisabeth und ihre Mitarbeiter und Staatsräte auf der einen Seite, und auf der anderen Maria Stuart und ihre Anhänger und Verbündeten. Und was das Ganze spannend macht, ist, dass es in jeder Gruppe Überläufer und Verräter gibt. Letztlich sind es zwei Mannschaften, die gegeneinander antreten und sich nicht sportlich, gerecht oder fair auseinandersetzen, sondern sich in jedem Bereich foulen, gegenseitig betrügen und belügen – wie es ja auch bei zwei Parteien in der Politik vorkommt. In meiner Inszenierung ist das Geschlecht der Figuren reine Behauptung: Es gibt vier Marias und vier Elisabeths, und beide werden von beiden Geschlechtern gespielt, ebenso die anderen Rollen. Und sie tragen etwas einheitliches – durchaus nicht unhistorisch. Was ich ja hasse, sind Klassiker in Straßenanzügen. Ich finde es viel interessanter, wenn die Menschen auf der Bühne nicht so aussehen wie bei Angela Merkel im Parlament.

Mit Ihrer Inszenierung werden die Schillertage in der Schillerstadt Mannheim eröffnet – gehen Sie damit ganz unbefangen um?

Bauer: Ich finde es eigentlich toll. Ich habe das Mannheimer Publikum vor einigen Jahren schon ein bisschen kennengelernt, ich habe hier ja „Tartuffe“ gemacht. Und was ich ganz großartig finde – nicht nur bei Schiller, aber da besonders – ist diese sehr aktive Anteilnahme an dem, was auf der Bühne passiert, was in der Pause und nach den Vorstellungen gesprochen wird. Dass die Leute hier wirklich diskutieren über das, was sie gesehen haben. Es würde mich sehr ehren, wenn der Mannheimer sagen würde, das ist auf der einen Seite eine überraschende „Maria Stuart“-Inszenierung, auf der anderen Seite aber eine, in die man eintauchen kann, in die man reingerissen wird, vielleicht bis zur letzten Sekunde atemlos bleibt.

Nach „Kabale und Liebe“, „Fiesco“ und „Die Jungfrau von Orleans“ ist es Ihre vierte Schiller-Regie. Wie fielen Ihre bisherigen Erfahrungen mit ihm, dem großen Klassiker, aus?

Bauer: Es gibt jedes Mal den harten Moment, dass man Schiller nicht entkommen kann, dass man weiß, ich bekomme diese Sprache geschenkt, und dafür MUSS ich diese Geschichte erzählen. Es gibt andere Autoren, bei denen kann man dann irgendein flächiges, postdramatisches Werk daraus machen. Bei Schiller muss die Story erzählt werden, und du kannst nur sehr wenig davon rausschmeißen, ohne den gesamten Abend in seine Einzelteile zu zerlegen. Was man natürlich nicht will, denn dann bleibt nicht viel übrig, denn: Schiller ist Story.