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„Mannheim war gigantisch“

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Pop: Interview mit Sänger Hartmut Engler über den Tourstart in der SAP Arena und die Arbeit am neuen Pur-Album

Obwohl die Deutschpopband Pur und ihr Leutershausener Management Live Act Music nach 20-jähriger Zusammenarbeit getrennte Wege gehen, fühlen sich Hartmut Engler und Co. immer noch mit der Rhein-Neckar-Region verbunden. Nicht zuletzt deshalb starten die Schwaben am 30. November ihre Tournee in der Mannheimer SAP Arena. Im Interview spricht der 56-Jährige über Zukunftspläne und die gewachsene Konkurrenz im Deutschpop.

Herr Engler, wie geht es Pur?

Hartmut Engler: Uns geht es sehr gut, wir sind mitten in der Arbeit für unser neues Studioalbum. Die Songs sind so weit, dass wir mit dem Aufnehmen beginnen. Wir sind voller Vorfreude auf die Tour. Nachdem wir uns ein Jahr vergraben und uns Sachen ausgedacht haben, ist es für uns wichtig, nun raus zu gehen, zu sehen, ob es alles so klappt, wie wir uns das ausgedacht haben - und uns unseren Applaus abzuholen.

„Achtung“ ist nun drei Jahre alt. Was kann man schon zur nächsten Platte sagen?

Engler: Wir hatten vergangenes Jahr ein Großkonzert auf Schalke. Da war es für uns ein Muss, auch etwas ganz Neues zu spielen. „Weißt Du nicht?“ ist eine wunderschöne Ballade, die sehr gut ankam. Sie wird Teil des neuen Albums sein. Ansonsten üben wir uns noch etwas in Geheimniskrämerei, was den Albumtitel und die Inhalte angeht. Es wäre ein bisschen müßig, über Musik zu sprechen, wenn man sie noch nicht anhören kann.

Gibt es über die Tournee schon mehr zu erzählen?

Engler: Der Vorverkauf läuft hervorragend. Wir werden wieder eine Mittelbühne haben, die allerdings technisch ganz neu daherkommt, sehr ausgefeilt, gerade im Videobereich. Heben, Senken, Drehen: Die Bühnentechnik bietet viele Möglichkeiten. Da hat sich in den vergangenen Jahren sehr viel getan - und es ist erschwinglich, so dass man die Tickets nicht so teuer machen muss, wie es bei manchen Shows amerikanischer Stars der Fall ist. Es werden viele neue Titel zu hören sein. Aber eine neue Platte füllt ja nicht viel mehr als eine Stunde - und so gibt es die geballte Ladung „Pur Mix“ von A bis Z - von Abenteuerland über die Indianer, die Funkelblauen Augen bis Lena.

Wo entsteht das Album, auf Mallorca oder in Bietigheim-Bissingen?

Engler: Mallorca ist für mich nur da, um zu urlauben, da möchte ich gar nie arbeiten! Ich bewege mich gerade zwischen meinem Pavillon, den Pur-Fans liebevoll „Hirn-Häusle“ genannt haben, weil ich da immer „hirne“, also meine Texte schreibe, und dem Kellerstudio von Martin Ansel hin und her. Bei unserem Gitarristen und Produzenten singe ich im Moment jeden Tag Songs für das Album ein. In der Nähe liegt noch ein Tonstudio, wo wir die größeren Instrumente aufnehmen, zum Beispiel, wenn wir alle zusammen im Chor singen wollen oder Schlagzeugaufnahmen an der Reihe sind.

Der Tourneeauftakt ist am 30. November in der Mannheimer SAP-Arena. Ist das ein Zufall oder den guten Beziehungen in die Region geschuldet?

Engler: Natürlich richtet sich so ein Tourablauf nach der Verfügbarkeit der Hallen. Die Strecken zwischen den Auftritten sollen zudem für alle Beteiligten sinnvoll gestaltet sein. Nach Mannheim können wir noch von zu Hause aus starten. Aber wir haben natürlich auch noch das fulminante Konzert in der SAP Arena in Erinnerung auf der „Achtung“-Tour. Das war gigantisch, das war absolut eines der beeindruckendsten Konzerte für uns. Wir haben ja auch einen Award für die meisten Besucher in der Halle bekommen. Da wir nun wieder die Bühne in der Mitte haben werden, können wir die Kapazität optimal ausnutzen. Im Moment sieht es auch so aus, dass Mannheim demnächst in die Ausverkauft-Phase geht.

35 Jahre schreiben Pur ja schon Popgeschichte. Am Anfang mit Grönemeyer, den Toten Hosen, den Ärzten und Peter Maffay noch alleine, inzwischen von vielen Deutschpop-Künstlern begleitet. Ist das Geschäft schwerer geworden, oder kann man sagen, der Markt ist ebenfalls gewachsen?

Engler: Junge Künstler haben es heute extrem schwer, sich am Markt so zu etablieren, wie wir das noch konnten. Bei der Vielzahl der Medien und der Schnelllebigkeit, die auch durch die Fülle an Castingshows dokumentiert wird, ist der Popstar von heute schon morgen wieder vergessen. Dieser Zeitgeist spielt einer Kontinuität entgegen. Die großen Bands hingegen sind über viele Jahre hinweg präsent, liefern auf hohem Niveau gleichbleibend gute Qualität ab. In diese Position kommen die jüngeren Bands nur noch ganz schwer. Jungen Menschen heute zu raten, einen ähnlichen Weg einzuschlagen wie wir, ist aus meiner Sicht ganz schwer.

Sie unterstützen junge Bands?

Engler: Wir versuchen, einigen eine Plattform zu geben. Aber wir sind auch keine Plattenfirma. Musik muss einfach bezahlt werden. Dieses Thema ist in den vergangenen Jahren verschlafen worden. Die junge Generation ist damit aufgewachsen, dass Musik frei verfügbar ist, dass Musik nur ein paar Cent kostet. Da geht langfristig die Qualität verloren. Man kann dann nicht mehr so sorgfältig Musik machen. Auf der anderen Seite ist es heute auch möglich, ganz ohne Plattenfirma bekannt zu werden- auf einer ganz anderen Ebene. Jeder kann daheim am Computer Musik machen auf einem guten Niveau - das wäre früher nie möglich gewesen. Es gibt beide Seiten.

Im Winter hat Helene Fischer an fünf Abenden in einer Woche die SAP Arena gefüllt. Schlager ist extrem erfolgreich. Nun die Frage an den Textschreiber von Pur: Wie schwer fällt es angesichts dieses Booms, sich abzugrenzen?

Engler: Ich weiß gar nicht, ob man sich abgrenzen muss. Wir haben für uns eine Schublade gefunden, sie aufgemacht – und da ist Pur drin.

Das heißt, Schlager ist auch mit drin?

Engler: Wir fühlen uns von Anfang an als Pop-Rock-Dance. Wenn jetzt irgendjemand der Meinung ist, dass wir auch Schlager in unserem Songmaterial haben, dann ist das so. Ob man beim einen oder anderen Song mitschunkeln kann oder der Party-Hit-Mix bei jeder großen Party in Deutschland erklingt – man hat das als Musiker nicht alles ganz unter Kontrolle. Der Mix zwischen den Genres ist absolut erfreulich. In der Musikszene gibt es Toleranz. Seit „Sing meinen Song“ ist das für mich auch ein ganz großes Thema. Xavier Naidoo geht da immer schön voran und hat da überhaupt keine Berührungsängste. Ich finde, das ist ein gutes Beispiel. Letztendlich machen wir, was uns und dem Publikum gut gefällt – und ich wünsche allen anderen auch ihren Erfolg. Aber der Zeitgeist wird uns jetzt nicht dazu bringen, auf dem nächsten Album tendenziell mehr nach Schlager zu klingen.