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Mehr als nur Hitlertainment

Schauspiel: Heidelberg zeigt die Farce „Mein Kampf“ von Tabori – Premiere am 11. Dezember

Heidelberg.Es war das auflagenstärkste Buch der Nazi-Zeit, als auch Brautpaare Adolf Hitlers „Mein Kampf“ im Standesamt überreicht bekamen. In Goldschnittausgabe. Gelesen haben es die meisten nicht, schade, denn eigentlich steht alles drin, was der „Führer“ mit all denen vorhatte, die er als Volksfeinde, Schädlinge und sonst was ausgrenzte. Nach Kriegsende verschwand das Machwerk auf wundersame Weise aus den meisten Regalen. Verkauft wird es bis heute recht gut, komischerweise vor allem in Indien, aber auch im englischsprachigen Raum.

Dort hält Random House die Rechte schon seit den späten 1920er Jahren. Der Verlag will die Erlöse guten Zwecken zueignen und hat Probleme, das Geld loszuwerden. Am Heidelberger Theater hat die 1987 in Wien uraufgeführte Farce „Mein Kampf“ von George Tabori am 11. Dezember Premiere. Das Stück behandelt die Jahre des jungen Hitler vor dem ersten Weltkrieg, ein gescheiterter Künstler, der in einem Wiener Männerwohnheim vom Juden Schlomo Herzl unter die Fittiche genommen wird.

Regie führt der 1987 in Stuttgart geborene Nick Hartnagel. Ob er es sich angetan hat, die Kampfschrift „Mein Kampf“ (732 Seiten) zur Vorbereitung auf das Tabori-Stück zu lesen? Hartnagel dazu: „Ich hatte mir ursprünglich vorgenommen, es dezidiert NICHT zu lesen. Aber im Laufe der Probenarbeit schielt man dann doch immer wieder rein, einfach aus Neugierde. Aber es ist eine äußerst mühsame Lektüre.“ Tabori nennt sein Stück eine „Farce“. Aber in Hitlers „Mein Kampf“ steht schon alles drin, was kommen wird.

Wie erschreckend ist das, kann angesichts der Biografie – Taboris Vater kam in Auschwitz um – nur eine Farce das „Vorspiel“ in Wien einfangen? Hartnagel: „Das ist das entscheidende Thema unseres Abends. Wie nähert man sich auf der Bühne einem Verbrechen, das in seiner bürokratischen Kälte bis heute unbegreifbar bleibt? Und lässt sich der junge Hitler auch als unschuldiger Bauerntölpel denken? Tabori versucht, den Faschismus und die eiserne Ikone Hitler mit Humor zu unterwandern. Ein Kitzeln der Geschichte. Hätte dieses Leben auch einen anderen Verlauf nehmen können? Taboris „Mein Kampf“ ist ein Versuch, dem Massenmörder Hitler näherzukommen, indem wir ihm an einem wunden Punkt seiner Biografie begegnen – bei der Zurückweisung an der Wiener Kunstakademie“.

Neben Tabori haben auch andere versucht, dem Menschenverächter Hitler satirisch beizukommen. Helmut Qualtinger etwa und zuletzt Timur Vermes mit seinem Bestseller „Er ist wieder da“. Was hält Nick Hartnagel von diesem Buch, entlarvt es Hitler oder das Volk, das ihm folgte? Dazu der Regisseur: „Mir persönlich wird da die Verbindung von Popkultur zu Faschismus ein wenig zu schnell gezogen. Wenn wir als Gesellschaft etwas lernen wollen von der deutschen Geschichte, müssen wir uns sehr genau mit den Strukturen von bürokratisierter Gewalt und der Psychologie von Mitwisserschaft auseinandersetzen. Die sehr erfolgreiche Popfigur Hitler mit rollendem ,R’ und Liebe zu Hunden hat für mich keinen politischen Wert mehr. Die neuen Rechten distanzieren sich ja ganz bewusst von Hitler und platter Nazisymbolik und sehen sich in der Tradition von Stauffenberg. Diese Wendung dürfen wir nicht verschlafen – und auch unser Theaterabend thematisiert dies ausdrücklich und erschöpft sich nicht in Hitlertainment.“

Nick Hartnagel war zuletzt zweimal zu Gast beim „Heidelberger Stückemarkt“: 2014 mit der Uraufführung von Johannes Schrettles „Die Kunden werden unruhig“ und 2015 mit „zu jung zu alt zu deutsch“ von Dirk Laucke.

Info: Termine 11. Dezember, 20 Uhr (Premiere), 12., 14. und 28 Dezember, 15., 16., 25. und 26. Januar, 9. und 12. Februar sowie 11. und 12. März immer um 20 Uhr im Zwinger 1.

Info und Karten: 06221/58 20 000.

Im Netz: theaterheidelberg.de