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„Mein Gedächtnis ist wie ein Computer“

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Rock: Status-Quo-Frontmann Francis Rossi über sein Konzert am 5. Juni beim Zeltfestival, alte Zeiten und den Brexit

Wenn dieses Interview am 29. Mai erscheint, feiert Francis Rossi seinen 70. Geburtstag. Schon ab 3. Juni zieht es den seit mehr als 50 Jahren erfolgreichen Frontmann von Status Quo wieder auf die Straße: Nach dem Start der Sommertounee in Berlin ist die Boogie-Rock-Hitfabrik am 5. Juni beim Zeltfestival am Reitstadion zu hören. Am Telefon am frühen Vormittag ist Sir Francis schon zum Singen aufgelegt und plaudert über alte Zeiten, seine Autobiografie, das Mannheimer Konzert und die Europawahl.

Hallo Mister Rossi, …

Francis Rossi: (singt) Good Morning, good morning…

Für einen Rockstar sind Sie um zehn Uhr früh aber gut aufgelegt. Ist das immer so?

Rossi: Ja, ich stehe oft um halb acht auf, bin schon einige Bahnen geschwommen und habe eine Art Porridge gefrühstückt.

Also geht es Ihnen wie Sting, Coldplay und vielen jüngeren Kollegen: Yoga, grüner Tee oder rares Mineralwasser haben Sex und Drogen als Beigabe zum Rock ’n’ Roll abgelöst?

Rossi: Ach, Sie wissen doch, dass vieles davon ein reiner Mythos war. Jeder ist herzlich eingeladen, sein Wohnzimmer zu zertrümmern und den Fernseher aus dem Fenster zu schmeißen. Heute klänge so etwas höchstens lächerlich. Okay, ich denke auch manchmal: „Mensch Sting, nimm’ dich nicht so wichtig!“ Aber was er tut, ist ganz normal: Er versucht, am Leben zu bleiben.

Um Bühnenform zu behalten?

Rossi: Genau. Ich habe mich schon vor der letzten Tournee gefragt, wie ich das eigentlich schaffen soll. Denn die reine physische Anforderung der Liveshows kann dich echt fertig machen. Dann war’s total entspannt, und wir hatten Riesenspaß. Und das hängt mit einem einigermaßen gesunden Lebensstil zusammen. Das mag jetzt enttäuschend für viele klingen, die an der Vorstellung von uns als entfesselte Mittzwanziger hängen: Aber vieles davon war nur gespielt.

So offenherzig wie Sie sich in Interviews geben, so liest sich auch Ihre Autobiografie „Ich rede zu viel“. Haben sich da schon Kollegen, Freunde, Verwandte oder Ex-Frauen bei Ihnen beschwert?

Rossi: Nur meine Ex-Frau hat mir über einen unserer Söhne ausrichten lassen, dass sie etwas nicht mochte. Das fand ich albern, denn sie hat mich schon vor 40 Jahren verlassen. Aber sie gehört wohl zu den vielen Menschen, die ihr Leben im Nachhinein idealisieren – als wäre es eine Soap-Serie oder ein Film. Dabei führen die meisten doch ein ganz gewöhnliches Leben, auch meines war die meiste Zeit eher langweilig und normal. Das ist die eine Seite. Die andere ist für viele: „Wow, er ist in einer Rockband, bei Status Quo!“ Aber ich war nicht bei Pink Floyd oder den Beatles. Das ist alles relativ. Dabei fällt mir auf, dass mich viele Leute immer noch so sehen, wie es die PR-Maschinerie dargestellt hat – oder wie ich mit 25 vielleicht zu sein vorgegeben habe. Aber wir haben nicht mehr 1976. Und da war es sowieso nicht so fabelhaft, wie heute alle tun.

Inwiefern?

Rossi: Wie sah es denn damals aus in England? Überall wurde gestreikt, den Leuten ging es dreckig, auf den Straßen stapelte sich der Müll, man musste in die Zeitung schauen, wann es Strom gibt. Das haben nur alle vergessen. England schien im Sterben zu liegen. Dagegen fühlte es sich damals super an, in Deutschland zu sein: Ihr habt nach dem schrecklichen Krieg 1945 aus der Not eine Tugend gemacht, wart voller Drive und Energie.

Rod Stewarts Autobiografie hat bei ihm eine jahrelange Schreibblockade gelöst. Was hat die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit bei Ihnen bewirkt?

Rossi: Als ich Roddys neues Lied „Beautiful Morning“ hörte, habe ich ihm per SMS zu diesem wundervollen Song gratuliert. Bei mir war das keine so kathartische Erfahrung, denn ich hatte all das immer in meinem Kopf. Mein Gedächtnis ist ein Computer, alles ist darin wie in Ordnern abgelegt. In ganz plastischen Bildern. Ich musste es nur Ihrem Kollegen Mick Wall erzählen, der es dann in eine chronologische Ordnung gebracht hat. Aber tatsächlich haben wir einige neue Songs geschrieben.

Die Sie wann veröffentlichen? Das letzte richtige Quo-Studioalbum ist acht Jahre her.

Rossi: Mal sehen. Für Leute wie Sting, Rod oder uns fühlt es sich heute seltsam an, Platten zu veröffentlichen. Denn wir sind an Erfolg gewöhnt, der mehrere hunderttausend verkaufte Platten pro Woche bedeutet hat. Jetzt feiert man schon 10 000 – und wir nur so: „Das ist ein totaler Flop!“ Aber was sollen wir tun? Es sein lassen mit neuen Platten? Ich bin mir da unsicher. Aber deshalb konkurrieren wir auf Tour mit Bands aus allen Jahrzehnten, weil niemand richtig Platten verkauft. Und 45 Pfund für 4500 Streams von einem Song? Das ist doch zum Lachen.

Sie haben sich trotzdem den Traum einer Country-Pop-Platte als Duo verwirklicht.

Rossi: Ja. Hannah Rickard und ich machen auch noch weiter. Denn wir können es noch besser, finde ich. Vielleicht ist das ja gut für meine Karriere. Wobei: für welche Karriere? Ich werde verdammt noch mal 70 (lacht)! Ich hatte eine Karriere!

Ihre Stimme klingt dabei unglaublich jung. Wie kommt’s?

Rossi: Mich treibt immer die Sorge um, dass ich nach einer halben Woche auf Tour die Stimme verliere. Deshalb übe ich und singe mich ein (singt drei Tonleitern). Das habe ich früher nie getan – und es funktioniert. Vielleicht sollte ich mal zu einem Gesangslehrer gehen. Aber das mit 70?

Gibt es eines der Duo-Lieder in Mannheim zu …

Rossi: Nein! (lacht)

Also Status Quo pur?

Rossi: Klar, was sonst? Ich könnte jetzt sagen: „Kommt zur Show, es wird fantastisch, die Rock-Nacht des Jahres!“ Aber ich weiß das nicht. Klar ist: Wir tun alles, damit es das wird. Vielleicht wird es das perfekte Konzert, aber diesen Moment versuche ich zu erreichen, seit ich elf Jahre alt bin.

Bei unserem letzten Interview vor „Rock Meets Classic“ 2018 haben Sie Unverständnis für den Brexit geäußert. Waren Sie bei der Europawahl?

Rossi: Nein. Nigel Farage ist da ja mit seiner Brexit-Partei erfolgreich angetreten. Das bedeutet: Bei Neuwahlen wird er einer der Favoriten sein – so bekommen wir ein zweites Referendum, ohne dass wir es so nennen müssen. Denn wer auch immer sein Gegenkandidat ist, wird die Stimmen der Brexit-Gegner bekommen, die beim Referendum dachten, das könne gar nicht schief gehen. Das war ein Fehler, wie der ganze Brexit. Ich hoffe, er lässt sich so korrigieren – aber ich kann mich auch irren.