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„Mit den ,Fridays for Future’-Märschen lassen sie uns wie Idioten aussehen“

Pop: Interview mit Mick Hucknall über das neue Simply-Red-Album, nachhaltige Tourneen und den Brexit

Die britische Band Simply Red hat mehr als 50 Million Tonträger verkauft. Dieser Erfolg ist vor allem Mick Hucknalls großartiger Soulstimme geschuldet. Dessen ist sich der britische Sänger durchaus bewusst, als er in einem Hamburger Hotel Interviews gibt. Er wirkt selbstbewusst, aber nicht arrogant – obwohl er seine blauen Augen hinter einer dunkel getönten Brille versteckt. Der 59-Jährige spricht mit großem Enthusiasmus über die neue Platte „Blue Eyed Soul“, die zwischen Funk und Soul changiert. Am 7. November 2020 stellt er sie zusammen mit den großen Simply-Red-Hits live in der Mannheimer SAP Arena vor.

Mister Hucknall, wollten Sie mit Ihrem Album „Blue Eyed Soul“ zu Ihren Wurzeln zurückkehren?

Mick Hucknall: Mit dieser Platte habe ich mich nicht rückwärts bewegt, sondern einen Schritt nach vorne gemacht. Meiner Ansicht nach waren Simply Red noch nie so funky. Wissen Sie, wie es dazu kam? Vor etwa einem Jahr sagte ein Freund zu mir: „Du bist ein großartiger Soulsänger.“ Das brachte mich dazu, darüber nachzudenken, wie mich die Menschen wahrnehmen. Ganz offensichtlich erwarten sie von mir Soul und Funk. Also schrieb ich Songs, die in diese Kategorie passten.

Wo haben Sie diese Stücke eingespielt?

Hucknall: In Mark Knopflers British Grove Studios in London. Im Prinzip haben wir eine Live-Aufnahme im Studio gemacht. Zunächst probten wir jeden einzelnen Song – von den Bläserpassagen über die Basslinien bis hin zu den Gitarrenriffs. Danach haben wir das jeweilige Stück in einem Take mitgeschnitten. Auch den Gesang.

Es fällt auf, dass die Bläser auf der neuen Platte sehr präsent sind.

Hucknall: Genau. Mein Saxofonist Ian Kirkham steht mir seit 1986 zur Seite. Kevin Robinson wiederum ist ein talentierter Trompeter, der noch weitere Instrumente spielt. Gerade diese beiden Musiker sind für Simply Red wichtig.

Halten Sie Simply Red wirklich für eine Band oder eher für Ihr Soloprojekt?

Hucknall: Die Frage ist doch: Wie definiert man das Bandkonzept? Viele orientieren sich an den Beatles. Sie erwarten mehrere Individuen, die eine persönliche Beziehung zueinander haben. Sie lieben sich, sie hassen sich, sie streiten sich. Das hat mich nie interessiert. Ich habe mich an Miles Davis oder Reggae-Künstlern orientiert, die nicht unbedingt eine feste Band hatten. Sie waren nicht auf Stabilität fixiert, sie wollten bloß mit guten Musikern arbeiten. Die einen kamen, die anderen gingen, alles war im Fluss. Dieses Prinzip verfolge ich ebenfalls. Wobei meine Band eigentlich seit 1998 in ihrer jetzigen Besetzung existiert. Lediglich der Schlagzeuger Roman Roth kam 2012 neu dazu.

Heißt das, nichts kann das Konstrukt Simply Red so schnell zerstören?

Hucknall: Wenn ich weg wäre, gäbe es diese Gruppe nicht mehr. Als Sänger und Songschreiber bin ich als Einziger unverzichtbar.

Haben Sie mit „Ring That Bell“ ein politisches Stück verfasst?

Hucknall: Diese Nummer richtet sich tatsächlich gegen diese Politiker, die unsere Zukunft verspielen. Sie ist allerdings nicht repräsentativ für das gesamte Album. Mein Langspieler bietet in erster Linie eine Flucht vor dem Brexit und diesen täglichen Trump-Dramen. Wenn die Leute meine Musik hören, sollen sie einfach eine gute Zeit haben.

Das Lied „Sweet Child“ haben Sie Ihrer Tochter gewidmet, oder?

Hucknall: Sie war zwar die Inspiration, aber dieser Titel ist für alle Kinder. Sie zeigen uns Erwachsenen gerade unsere Defizite auf, indem sie rufen: „Stopp! Wir brauchen eine Zukunft.“ Mit ihren „Fridays for Future“-Märschen lassen sie uns wie Idioten aussehen, sie beschämen uns. Wir müssen endlich aufhören, Kohlendioxid und Methangas in die Luft zu pumpen. Machen wir uns nichts vor: Es ist nicht fünf vor zwölf Uhr, sondern fünf nach zwölf.

Als Musiker fliegen Sie oft. Haben Sie deshalb ein schlechtes Gewissen?

Hucknall: Es kann wohl keiner von mir verlangen, dass ich meinen Beruf aufgebe. Hier sind die Fluggesellschaften in der Pflicht. Sie müssen endlich elektrische Motoren entwickeln.

Denken Sie ernsthaft, der Einzelne trägt überhaupt keine Verantwortung?

Hucknall: In erster Linie sind meiner Ansicht nach die Regierungen die Schuldigen. Schließlich wurden sie gewählt, damit sie etwas für unsere Gesellschaft und unser Land tun. Für mich ist es nicht akzeptabel, dass sich Politiker immer wieder aus der Verantwortung stehlen wollen. Sie sollen gefälligst ihren Job machen, statt alles auf die Bürger ab zu schieben. Das gilt ebenso für Großkonzerne, sie müssen sich für Veränderungen einsetzen. In der Autoindustrie zum Beispiel passiert das ja bereits. Es gibt Hybridautos.

Trotzdem kann doch auch jede Privatperson etwas für den Umweltschutz tun. Oder muss es sogar . . .

Hucknall: Da haben Sie recht. Ich selbst baue mein eigenes Gemüse an und achte darauf, dass Lebensmittel nicht einfach weggeworfen werden. Zudem recycele ich konsequent Plastik. Nur reicht das allein eben nicht. Wir brauchen großflächigere Lösungen.

Die fördert der Brexit nicht unbedingt . . .

Hucknall: Er ist eine Katastrophe. Sicher muss sich die Europäische Gemeinschaft reformieren, das steht außer Zweifel. Dazu können wir Briten allerdings nur etwas beitragen, wenn wir in der EU bleiben. Schauen Sie sich die ganzen Brexiteers einmal an: Das sind vor allem alte weiße Männer, die frustriert sind. Ihnen habe ich das Lied „Take A Good Look At Yourself“ gewidmet. Ich frage mich: Warum sind diese Menschen so wütend? War ihr Leben eine einzige Enttäuschung? Haben sie eine schlimme Scheidung hinter sich? Stecken sie in einer finanziellen Krise? Weshalb wollen sie Mauern bauen und Grenzen schließen? Ich glaube, diese Leute schauen zu sehr nach innen. Sie sollten ihren Blick mehr nach außen richten und mit der Welt interagieren. Schließlich brauchen wir eine globale Wirtschaft.

Sprich: Politiker sollten nicht so stark auf sich selbst fokussiert sein?

Hucknall: Sie sagen es. Ich plädiere dafür: Hört endlich auf, andere für euer Unglück verantwortlich zu machen. Ihr habt eure Entscheidungen höchstpersönlich getroffen, nun müsst ihr auch mit den Konsequenzen leben.

Wie zufrieden sind Sie denn mit Ihrem eigenen Leben?

Hucknall: Ich kann mich nicht beklagen. Mein Job erfüllt mich, ich habe eine wunderbare Familie. Wenn ich mal sterbe, kann ich sagen: Ich weiß, was es bedeutet, zu lieben und geliebt zu werden.

Gab diese Erkenntnis die Initialzündung für die Nummer „Complete Love“?

Hucknall: Die Basis für diesen Titel ist Nat King Coles Klassiker „Nature Boy“. Da heißt es in einer Zeile: „The greatest thing you’ll ever learn is just to love and to be loved in return“ (Das Größte, was du jemals lernen wirst, ist einfach zu lieben und zurückgeliebt zu werden.“ Wer wüsste besser als ich, wie viel Wahrheit in diesem Satz steckt? Ich bin ohne meine Mutter aufgewachsen, mein Vater hat mich alleine großgezogen. So gesehen lernte ich ein richtiges Familienleben erst als Erwachsener kennen.

Wie war es für Sie, als Junge nur Ihren Vater an Ihrer Seite zu haben?

Hucknall: Mein Dad hat alles für mich getan. Er machte mir Frühstück, er bereitete das Abendbrot zu, er wusch die Wäsche, im Haus reparierte er ganz viel selbst. 16 Jahre war er wirklich für mich da. Ich habe von ihm gelernt, was es bedeutet, ein guter Vater zu sein. Deshalb dachte ich etwa zwei Jahre nach der Geburt meiner Tochter ernsthaft darüber nach, mich aus dem Musikgeschäft zurückzuziehen. Ich wollte mich einfach um mein Kind kümmern.

Das hört sich nach einer kompletten Kehrtwendung an . . .

Hucknall: Der Alltag eines Popstars sieht zugegebenermaßen anders aus als der eines Familienvaters. Es dauerte eine Weile, bis ich mich an meinen neuen Lebensstil gewöhnt hatte. Doch inzwischen habe ich begriffen, dass meine Frau und meine Tochter das Beste sind, was mir jemals passiert ist. Insofern hätte ich gar nicht weitermachen können wie bisher. Zu meinem Beruf gehört es, dauernd zu reisen, Konzerte zu geben, im Studio zu sein, für Promotion zur Verfügung zu stehen. Wer das konsequent durchzieht, ist nie zuhause. So gesehen darf man sich dann nicht wundern, wenn einem die eigenen Kinder im Erwachsenenalter Vorwürfe machen. Nach dem Motto: Mein Vater ist zwar weltberühmt, aber er war nie für mich da, weil er hauptsächlich sein Publikum unterhalten hat. In diese missliche Lage möchte ich jedenfalls niemals kommen.

Trotzdem veröffentlichen Sie noch Platten und geben wieder Konzerte.

Hucknall: Aber nicht mehr so exzessiv wie früher. 2020 mache ich keine Welttournee, sondern eine Europatournee. Das bedeutet, ich bin nicht allzu weit weg von Großbritannien. Meine Frau und meine Tochter können mich besuchen kommen, ich kann zwischendurch nach Hause fahren. Dementsprechend werde nie lange von meiner Familie getrennt sein.

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