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Rock auf Russisch

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Rock: Das Piligrim-Festival in der SAP Arena holt die 1980er Jahre der Sowjetunion ins Heute

Mannheim.Ohne einen Mitgliedsausweis ging hier nichts. Ein Stück Papier, das einen berechtigte – natürlich nach einer strengen Prüfung der Partei –, Rock zu hören. Die Kommunisten der Sowjetunion hatten zwar auch noch kurz vor dem Zerfall ihres Landes stoisch behauptet: „Mit Rockmusik ist bei uns alles in Ordnung, es gibt sie nämlich nicht.“

Doch bereits im März 1981 hatten sie einen Rockclub in Leningrad erlaubt, dem heutigen St. Petersburg. Einen Club voller Reglements. Denn wenn schon austicken, dann doch bitte sehr unter unserer Beobachtung, so die Vorgehensweise damaliger sowjetischer Behörden. Der Eintritt war stets umsonst, ohne eine gründliche Überprüfung des Geheimdienstes KGB aber – sowohl der Bands als auch des Publikums – geschah in der Leningrader Rubinstein-Straße 13 wenig.

Die zuweilen verträumten Rocker von Piknik könnten sicher auch heute noch von den Mitgliedsausweisen und Berichten an die Partei erzählen, von der Rubinsteinstraße und der kreativen Lebenskunst. Doch Leningrad der 1980er Jahre ist längst passé, wenn auch prägend für die Bands, die am 4. Mai in der SAP Arena sowjetisch-russischen Rock auf die Bühne bringen – vor allem für die, die des Russischen mächtig sind.

Sieben Stunden lang sollen die Fans eine „Reise in die Heimat“ erleben, „ohne Grenzen zu überqueren“, wie es bei Piligrim Events heißt, dem Veranstalter aus dem baden-württembergischen Markdorf. Mehrmals brachte er in den vergangenen fünf Jahren russisch-sprachige Bands nach Deutschland, das Rockfest ist das erste seiner Art – und 2019 nur in Mannheim zuGast .

Die Experimentier-Rocker von Piknik sind genauso dabei wie die Melancholiker von Splin, die zuweilen als die Hauptrocker Russlands gelten. Auch sie formierten sich noch im damaligen Leningrad, nahmen die ersten Lieder mit Tonbandgerät und Mikro in einer Studentenbude auf. Mittlerweile haben Splin 14 Alben produziert, noch heute laufen ihre Lieder im Radio – und in so mancherlei russischen Filmen.

Bi-2 zeigen, dass es sowjetischen Rock auch außerhalb Leningrads gab. Schura und Ljowa, die Sänger, lernten sich in einem Minsker Theaterstudio in Belarus kennen, wollten eigentlich absurdes Theater aufführen – und landeten bei Rock. In den 1990ern reisten sie quer durch die Welt, kamen später nach Russland, wo sie auch heute noch große Konzerthallen füllen.

Staatlich verfolgt

Bei einer Rock-Versammlung dieser Art, die vor allem auf die 1980er setzt – Jahre, in denen Rockmusik staatlich verfolgt wurde und die Kreativität durch die Verbote gedieh –, dürfen auch Nautilus Pompilius nicht fehlen, die einstigen poppigen New Waver aus Swerdlowsk, dem heutigen Jekaterinburg. In Mannheim stellt der frühere Frontman Wjatscheslaw Butussow eine Art Festivalprogramm von „Nau“ vor. Zwar fehlen auf der Liste Juri Schewtschuk und seine durch kraftvollen Rock und Blues geprägte DDT. Die Sängerin von DDT – die stimmgewaltige Aljona – ist allerdings mit dabei. Den Leningrader Geist hat sie ebenfalls aufgesogen, mag sie auch erst zwei Jahre nach der Legalisierung des Rocks im Land geboren sein.

Info: Samstag, 4. Mai, 17 Uhr, SAP Arena. Einlass 16 Uhr. Karten ab 71,65 Euro unter Telefon 0621/18190333.