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„Sie sind fitter als ich! Bei weitem!“

Rock: Tourmanager Dale Skjerseth über die Tournee der Rolling Stones, die Jagger und Co. am 30. Juni nach Stuttgart führt

Keiner kommt den Stones näher als Dale Skjerseth: Der leicht sonnenverbrannte Skandinavier mit tschechischen Wurzeln ist der sogenannte Production Manager der Band. Er stellt ihnen für jedes Konzert genau die Bühne vor die Nase, die sie sich wünschen, kümmert sich um die Behaglichkeit der Garderoben und den reibungslosen Ablauf der allabendlichen Rock-´n´-Roll-Messe. Sprich: Neben Frontmann Mick Jagger, Rhythmusgitarrenikone Keith Richards, Schlagzeuger Charlie Watts und Lead-Gitarrist Ronnie Wood ist der Tourmanager der wichtigste Mann auf der aktuellen „No Filter Tournee“, die die Stones am 30. Juni in die Stuttgarter Mercedes-Benz-Arena führt. Und im Gegensatz zu seinen Brötchengebern redet er auch über seinen Job als Mädchen für alles bei der größten Rockband der Welt.

Herr Skjerseth, zunächst einmal ein kurzer medizinischer Check: Wie fit sind die Stones?

Dale Skjerseth: Oh, sie sind fitter als ich! Bei weitem! (lacht) Und deshalb ist das auch nach wie vor kein Thema – also es gibt keine gesundheitlichen Bedenken oder Probleme irgendeiner Art. Im Gegenteil: Ich habe sogar das Gefühl, dass sie heute besser drauf sind als in den 90ern. Das ist wirklich so – ich schwöre. (lacht) Von daher sind sie nicht nur bereit für diese Tour, sie können es kaum erwarten, bis sie endlich wieder vor ihren Fans stehen.

Dann ist die Musik der Stones so etwas wie ein Jungbrunnen?

Skjerseth: Ja, aber mehr für sie als für mich – fürchte ich.

Wie lange arbeiten Sie schon für die Band?

Skjerseth: Seit 1994. Damals war ich noch der Bühnenmanager, also ich hatte längst nicht so viel Verantwortung wie heute. Aber nach und nach habe ich mich hochgearbeitet – was nicht zuletzt daran lag, dass die Jungs, die den Job vorher gemacht haben, irgendwann in Rente gegangen sind und ich quasi ihr Nachfolger wurde. Ich habe also einige Positionen in dieser Crew durchlaufen, und das bedeutet auch, dass ich weiß, wie sie funktioniert, wie sie tickt und wie man mit ihr umgeht.

Nämlich?

Skjerseth: Man lässt das Team einfach machen und quatscht ihm nicht zu viel rein, dann funktioniert es am besten. Einfach, weil jeder weiß, worin seine Aufgabe besteht – und wie er sie zu erledigen hat. Da reinzupfuschen, wäre ein Ausdruck von mangelndem Respekt und Vertrauen – also lasse ich sie einfach machen. Damit fahren wir alle am besten. Und meine persönliche Philosophie ist: So etwas wie Fehler gibt es nicht – und wenn doch, beseitige sie so schnell wie möglich! Und: Probleme, die sich nicht lösen lassen, gibt es ohnehin nicht – also immer mit der Ruhe und immer mit Verstand. Nur nichts überhasten.

Was ist das Besondere an dieser Tour beziehungsweise inwiefern unterscheidet sie sich von ihren Vorgängern?

Skjerseth: Eigentlich ist das Besondere allein die Tatsache, dass die Stones das wirklich noch einmal machen. Und mit ihnen unterwegs zu sein, ist ohnehin etwas Einmaliges. Ganz anders als mit anderen Bands – das ist wirklich so! Es ist etwas Großartiges, ein richtiger Kick. Im Grunde müsste ich sie dafür bezahlen, nicht sie mich. Zumal: Jede Tour, die wir unternehmen, ist anders – weil wir dafür etwas anderes zusammenstellen. Das gilt auch für diese – selbst wenn sie nur eine Fortsetzung der Konzertreise von 2017 ist.

Inwieweit hat sich die Bühnenproduktion der Band in den letzten 24 Jahren, die Sie dabei sind, verändert? Was ist anders im Vergleich zu früher?

Skjerseth: Es ist mehr fokussiert auf die Performance an sich, auf die Musik. Und nicht mehr so sehr auf die Spezialeffekte oder den Showteil. Klar, haben wir Video-Bildschirme, die gigantisch sind – so hoch wie ein Mehrfamilienhaus. Aber alles andere, wie die Beschaffenheit der Bühne, das Licht und die Pyrotechnik sind im Grund sehr minimalistisch und simpel. Und diesen Ansatz verfolgen wir seit 2012, als wir anfingen, das Drumherum deutlich zurückzuschrauben und andere Schwerpunkte zu setzen, nämlich hörbare. Die Band fand es wichtiger, das Optische auf ein Minimum zu reduzieren und sich stattdessen auf einen besseren Sound zu konzentrieren.

Inwiefern?

Skjerseth: Es geht um eine Abbildung dessen, was auf der Bühne passiert. Also, dass die Leute nachvollziehen können, wer was spielt. Insofern ist die Show, die man heute auf den Videoleinwänden verfolgen kann, lediglich die Performance – und nichts anderes. Sie zeigt, wo der Sound, den man hört, herkommt. Aber sie lenken eben nicht davon ab. Das ist der Unterschied.

Also keine aufblasbaren Monstrositäten mehr?

Skjerseth: Nein, nichts zum Aufblasen. Das haben wir hinter uns. Es ist wirklich alles sehr bodenständig. Aber: Es ist immer noch eine große Produktion, keine Frage. Wir haben 26 Trucks für zwei Bühnen. Eine davon ist uns immer voraus. Sie ist bereits ein paar Tage vor der nächsten Show am entsprechenden Spielort. Und wir haben unseren eigenen Strom und alles, was wir so brauchen. Wir sind völlig autark und eine sehr strukturierte Organisation. Zum Vergleich: 2005 hatten wir noch 52 Trucks – wir haben den Fuhrpark also um die Hälfte reduziert. Was die Sache übersichtlicher macht – und besser für die Umwelt.

Was war die größte Herausforderung, mit der Sie im Zusammenhang mit den Stones je zu kämpfen hatten?

Skjerseth: Oh, es ist immer eine Herausforderung, so eine Show beziehungsweise eine Tour zu planen und umzusetzen. Das ist nie einfach, sondern es bedarf einer Menge Geduld, Know-how und Erfahrung, um das erst einmal ins Rollen zu bringen. Deswegen muss ich dafür sorgen, dass ich die richtigen Leute engagiere und in den entsprechenden Positionen einsetze. Da steht die Band 100-prozentig hinter mir – ich habe quasi freie Hand, um alles an den Ort zu bringen, wo es gebraucht wird. Was schon schwierig sein kann, wenn es sich zum Beispiel um Kuba handelt.

Dort wurde am 25. März 2016 vor 450 000 Zuschauern der Konzertfilm „Havana Moon“ gedreht. Was war so schwierig an der Produktion des ersten Stones-Konzerts auf Kuba?

Skjerseth: Zum Beispiel, dass es dort kein Internet gibt. Und keiner Englisch spricht beziehungsweise nur einen spanischen Dialekt, den keiner aus unserer Crew versteht. Außerdem ist die dortige Infrastruktur so schlecht, dass wir wirklich alles mitbringen mussten – einschließlich der Toiletten für den Backstage-Bereich. Da ist der Aufwand enorm – um es vorsichtig zu formulieren. Genau wie bei dem Auftritt am Strand von Rio, vor ein paar Jahren. Aber: Es macht auch Spaß, diese riesigen Sachen aus dem Boden zu stampfen. Gerade in dem Bewusstsein, dass das vorher und nachher nie wieder jemand getan hat.

Und was ist das Besondere an den Stones – gerade im Vergleich zu Bands wie AC/DC oder Guns N´Roses, mit denen Sie ja auch schon gearbeitet haben?

Skjerseth: Na, ist es nicht etwas Einmaliges, dass eine Band schon so lange dabei ist – und das immer noch mit solcher Leidenschaft angeht? Mit so viel Gusto? Sie sind echte Überzeugungstäter. Sprich: Sie lieben, was sie tun. Und ich denke, das hört man auch. Also sie rattern nicht nur ihr Programm runter, sondern sie haben Spaß dabei. Und das ist viel ausgeprägter und offensichtlicher als bei anderen Bands, mit denen ich schon gearbeitet habe.

Also geht bei den Stones gar nichts schief? Ist alles wirklich so perfekt, so harmonisch und so eingespielt?

Skjerseth: Natürlich laufen auch mal Dinge falsch. Aber die Kunst ist eben, das so zu kaschieren, dass es nicht alle mitkriegen. Genau das ist mein Job. Und da bin ich wie ein guter Koch – wenn etwas mal nicht so gut ist, tue ich alles, um es irgendwie zu retten. Meistens gelingt mir das auch – in 99,9 Prozent aller Fälle.

Was macht die Band in den Stunden vor dem Auftritt?

Skjerseth: Sie bereitet sich intensiv vor. Sie wählt die Klamotten für die Bühne aus, kümmert sich um Haar und Make-up und spielt sich warm. Also nichts Außergewöhnliches. Und sie bereitet sich mental vor – die Jungs hängen zusammen ab, reden, haben Spaß und grooven sich ein. Wir haben Backstage einen netten Proberaum, den sie jederzeit nutzen können.

Was ist mit dem legendären Billardtisch?

Skjerseth: Den gibt es nicht mehr. Und wir haben auch keine Lounge mit speziellen Möbeln mehr. Darüber liest man zwar ständig, aber das haben wir schon vor Jahren aufgegeben, um weniger Ballast zu haben. Das zeigt, dass sich auch die Stones verändern.

Wie sieht es hinter der Bühne aus?

Skjerseth: Jedes Bandmitglied hat seinen eigenen Raum, um sich zurückziehen zu können. Und der ist nach ihren individuellen Wünschen eingerichtet. Also egal, was es ist – wir haben es immer dabei. Aber: Es ist längst nicht so aufwendig, wie man vermutet. Ihnen geht es in erster Linie darum, ein bisschen Privatsphäre zu haben und sich nicht die ganze Zeit in einem völlig überlaufenen Bereich aufhalten zu müssen.

Stimmt es, dass die Band es sich nicht nehmen lässt, ihren Soundcheck immer noch selbst zu bestreiten, was heutzutage alles andere als üblich ist?

Skjerseth: Yep, das ist ihnen wichtig. Und sie nutzen das nicht nur, um die Anlage und das Equipment zu testen, sondern auch, um immer neue Songs auszuprobieren, die sie vielleicht irgendwann ins Set integrieren wollen. Das ist so etwas wie ihr Ritual, und dafür nehmen sie sich Zeit.

Wie viel?

Skjerseth: Normalerweise sind sie fünf Stunden vor Beginn der Show vor Ort. Das ist ihnen wichtig. Und sie mögen es nicht, unter Zeitdruck zu stehen oder gedrängelt zu werden. Das ist nicht ihr Ding, und das schätze ich an ihnen, weil es meinen Job ebenfalls leichter macht. Im Sinne von: Ich kann mich auf sie verlassen und muss mir keine Sorgen machen – ganz im Gegensatz zu anderen Künstlern, die ich kenne.

Eine Anspielung auf Guns N´Roses?

Skjerseth: Dazu werde ich jetzt nichts sagen… (lacht) Aber es stimmt: Die sind schon ein bisschen chaotischer, um es milde zu formulieren.

Wann steht die Setliste der Band – wie spontan sind Mick, Keith & Co.?

Skjerseth: Die Show hat schon eine feste Struktur. Es kann höchstens sein, dass sie am Anfang oder am Ende etwas ändern und ein paar Sachen in der Mitte umstellen. Das kommt vor. Und zwar regelmäßig. Wobei sie aber immer die Sachen beibehalten, von denen sie wissen, dass die Leute sie unbedingt hören wollen. Da sind sie ziemlich verantwortungsvolle Dienstleister.

Wie lange werden die Stones das Ihrer Meinung nach noch machen? Und ist die Mär von der letzten Tour mittlerweile so etwas wie ein Running Gag?

Skjerseth: Nein, das ist kein Witz. Und: Sie selbst haben nie gesagt, dass sie aufhören – nicht ein einziges Mal. Das sind nichts weiter als Gerüchte und Vermutungen, die von außen an die Band herangetragen werden. Und ich glaube auch nicht, dass es je soweit kommen wird. Denn sie haben eine tolle Zeit. Sie touren, wenn sie touren wollen. Sie spielen nur zwei Shows pro Woche und bis zu 14 Gigs im Rahmen einer Tour. Dann fahren sie nach Hause zu ihren Familien, ehe sie sich ein paar Monate später wieder treffen. Das können sie meinetwegen so lange so handhaben, wie sie wollen und wie sie gesund bleiben.

Demnach machen sie weiter, bis man sie im Sarg von der Bühne trägt – in der Manier der alten Blues-Musiker?

Skjerseth: Das würde ich so unterschreiben. Aber selbst, wenn sie irgendwann nicht mehr können oder aus irgendeinem Grund aufhören müssen: Die Musik der Stones wird ewig weiterleben. Denn sie macht Spaß und sorgt für gute Laune. Ich höre sie sogar im Büro und auch privat – obwohl ich mich jeden Tag beruflich damit befasse. Das sagt doch alles. Ich denke, dass sie längst unsterblich sind und so lange weitermachen werden, wie sie nur können. Ich wüsste nicht, was sie daran hindern sollte. Wenn man sich das Publikum anschaut, dann sind da Großeltern mit ihren Enkeln – und allem dazwischen. Es ist eine generationsübergreifende Sache, und es ist nicht reine Nostalgie, sondern immer noch aktuelle, zeitgemäße Rockmusik.

Wie viel Sex und Drogen sind beim Rock ’n’ Roll der Stones heute noch im Spiel?

Skjerseth: Na, was meinen sie? Ich glaube nicht, dass sie noch irgendwelchen Blödsinn machen – oder zumindest habe ich sie noch nie dabei überrascht. Die Zeiten dürften endgültig vorbei sein.

Zum Schluss noch eine Frage zu den Ticketpreisen, die auch für diese Tour astronomisch sind: Wo liegt die Schmerzgrenze?

Skjerseth: Sorry, aber das ist nicht mein Terrain. Alles, was ich dazu sagen kann, ist, dass es sich um Angebot und Nachfrage handelt: Wenn die Stones nicht gut wären, also wenn sie das Geld nicht wert wären, wären die Stadien bestimmt nicht so voll, wie sie das aktuell sind. Sie müssen also etwas richtig machen.