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Traumwelt im Gespensterhaus

Klassik: Nationaltheater bringt Debussys rekonstruiertes Werk „House of Usher“ auf die Bühne

Mannheim.Als Claude Debussy im März 1918 starb, war die Überraschung groß: Was war aus seiner Oper „The Fall of the House of Usher“ (Der Untergang des Hauses Usher) geworden? Jahrelang, von 1908 bis 1917, hatte der französische Komponist daran gearbeitet, die Kurzgeschichte des amerikanischen Autoren Edgar Allan Poe über eine Familientragödie in einem gespenstischen Haus zu vertonen; immer wieder behauptete Debussy, er sei fertig, tatsächlich wurde später aber nur ein unfertiges Musikstück von nicht einmal einer halben Stunde gefunden. „Vielleicht meinte er das Libretto, seinen Text zur Oper, der war nämlich fertig. Oder er hat ein bisschen geflunkert“, sagt Jan Dvorak, Chefdramaturg am Mannheimer Nationaltheater.

Oper von 50 Minuten

Der britische Musikprofessor Robert Orledge hat die gefundenen Fragmente jedenfalls nach Abgleich mit Libretto und anderen Stücken von Debussy zu einer Oper vervollständigt. Und diese fünfzigminütige Oper nimmt das Nationaltheater Mannheim jetzt zur Grundlage, um aus ihr, weiteren Debussy-Werken und einer Bühnenwelt, die die mehrfach mit Preisen ausgezeichnete Regisseurin, Bühnen- und Kostümbildnerin Anna Viebrock geschaffen hat, einen fast zweistündigen Opernabend zu gestalten. Oder ist es eher ein Schauspielabend? Oder ein Kunstwerk, wie Dvorák meint?

Premiere hat „House of Usher“ am Freitag, 12. April, um 19 Uhr (Kurzeinführung im Oberen Foyer um 18.30 Uhr) – es ist das erste Mal, dass das rekonstruierte Werk von Debussy als szenische Darstellung zur Aufführung kommt.

Sessel aus Bayreuth

„Es geht nicht um die wiederholte Interpretation eines bestehenden Werkes, vielmehr entsteht auf der Bühne eine poetische Welt, eine eigene Realität, in der die Figuren zu leben scheinen“, erklärt Dramaturg Dvorák. Das Bühnenbild ist keine Kopie einer realen Landschaft oder eines echten Gebäudes – es wird selbst zur Wirklichkeit. „Es entsteht der Eindruck, als würde alles im Hier und Jetzt passieren.“ Viebrock erschaffe eine Traumwelt, in der die Schauspieler nicht nur eine Rolle spielen. Sie leben, arbeiten, schlafen dort, vor, aber auch hinter den Kulissen, und umgeben von jeder Menge Statisten, die, wie Dvorák betont, von großer Bedeutung sind, tragen sie zur Lebendigkeit des Stückes bei.

Und weil sich in dem Haus allerlei Gespenster aus der Vergangenheit tummeln, die die aktuellen Bewohner in den Wahnsinn zu treiben drohen, hat Viebrock Möbel aus anderen Aufführungen mit nach Mannheim gebracht, etwa Sessel aus Tristan und Isolde von den Bayreuther Festspielen. „Anna Viebrock interessiert, wie die Vergangenheit die Gegenwart beeinflusst, wie das Erbe in den Möbeln eines Hauses oder seinen Gemäuern weiter existiert und die jetzt Lebenden nicht in Ruhe lässt“, erklärt Dvorák, der das Stück für extrem spannend hält, nicht zuletzt, weil es keinem Genre eindeutig zuzuordnen ist: Nicht nur die Opernliebhaber werden angesprochen, sondern alle Kulturinteressierten: „House of Usher“ ist kein klassisches Stück, es ist ein Experiment. „Es ist wichtig“, so Dvorák, „die Publikumsrenner zu bedienen, es ist aber auch gut, Experimenten wie diesem Platz zu geben.“

Info: Premiere, Freitag, 12. April, 19 Uhr. Kurzeinführung um 18.30 Uhr im Oberen Foyer. Tickets: 0621-1680 150 (ab 19 Euro). In französischer Sprache mit deutschen Übertiteln. Weitere Termine im April: Mittwoch, 17.4. (19.30 Uhr), und Samstag, 20.4. (19 Uhr).