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Von Räubern, Kanzlern und Mitwissern

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Schauspiel: Intendant Christian Holtzhauer eröffnet die Spielzeit am Wochenende mit Premieren und einer Vernissage

Mannheim.„Vielfalt, Offenheit und Durchlässigkeit“ sollen die zentralen Begriffe der neuen Intendanz von Christian Holtzhauer am Schauspiel des Mannheimer Nationaltheaters (NTM) sein. Künstlerisch vielfältig aufgestellt präsentiert sich auch das Premierenwochenende, mit dem Holtzhauers Intendanz am Freitag und Samstag, 28. und 29. September, am Nationaltheater eröffnet wird.

Dabei ist ein in besonderer Weise mit dem Mannheimer Theater verbundenes Drama, das am Freitag den Schauspielauftakt bildet: Friedrich Schillers „Die Räuber“, das 1782 in der damaligen kurfürstlichen Residenzstadt uraufgeführt worden war, erfährt in der Regie von Christian Weise am Freitag, 19.30 Uhr, im Schauspielhaus eine Neuinszenierung. Weise, in dessen Aufführung die Figuren uralt sind, sich in einem Dschungel verirrt haben – vielleicht auf der Suche nach einer verloren gegangenen Identität – und dort „Die Räuber“ spielen, stellt sich mit der Produktion zugleich als neuer Hausregisseur am NTM vor (siehe Interview nebenan).

Einlass alle 15 Minuten

Am selben Tag präsentiert sich auch das Mannheimer Stadtensemble den Besuchern, das als Nachfolger der bisherigen Bürgerbühne unter der künstlerischen Leitung von Beata Anna Schmutz zum „Volksfest“ auf dem Theatervorplatz einlädt.

Den Hintergrund bildet die „Mannheimer Mess“, die als Fest zur Feier der Stadtgründung in der kollektiven Erinnerung der Bevölkerung verankert ist: Die Inszenierung des Stadtensembles untersucht daher den Jahrmarkt als Ort städtischer Identitätsbildung und lädt ihre Besucher zu einer eigenen Variante des Fests ein. Der Einlass zu dem Theaterparcours erfolgt ab 16 Uhr alle 15 Minuten – für jeweils drei Zuschauer ab 14 Jahren.

Außerdem findet am Freitag um 18 Uhr die Vernissage zur Ausstellung „21 – Erinnerungen ans Erwachsenwerden“ des Schweizer Erinnerungssammlers Mats Staub in Anwesenheit des Videokünstlers statt. In seiner Videoinstallation konfrontiert er Menschen verschiedenen Alters mit Tonaufzeichnungen ihrer eigenen Erinnerungen an ihr 21. Lebensjahr. Anlässlich der Eröffnung der Spielzeit ist die beständig wachsende Sammlung von Videoporträts erstmals in Mannheim zu sehen – erweitert um Erinnerungen von hiesigen Bürger. Die Ausstellung ist bis zum 28. Oktober jeweils vor und nach den Vorstellungen im Unteren Foyer des Nationaltheaters zu sehen.

Einen Tag später, am Samstag, 29. September, steht eine Arbeit der neuen Hausautorin des Nationaltheaters, Enis Maci, als deutsche Erstaufführung auf dem Spielplan – „Mitwisser“, das um 17 Uhr in der Regie von Nick Hartnagel im Werkhaus Premiere feiert.

Dem Stück zugrunde liegen drei Orte und drei Verbrechen: Im amerikanischen Port St. Lucie gerät die Party von Tyler Hadley außer Kontrolle, im türkischen Koruyaka nimmt Nevin Yildirim das Gesetz in die eigene Hand und in den Parallelgesellschaften des Ruhrpotts radikalisiert sich Nils Donath. Enis Macis Kartographie einer globalisierten Gegenwart richtet hierbei den Blick auf den Nährboden der Gewalt: die Mitwisser.

„Vielleicht ist das Theater ja auch wie ein Teilchenbeschleuniger“, so Maci im Gespräch mit dem NTM-Theatermagazin auf die Frage, ob sich das Theater besonders für die Auseinandersetzung mit Fragen nach Schuld, Ehre, Ehrbarkeit und gesellschaftlicher Verantwortung eigne. „Da werden in einem künstlichen Raum Partikel gegeneinander geschleudert, in der Hoffnung, dass etwas entsteht, das weltverändernd ist, das eine Tür ins Ungeahnte öffnet.“

Zentrales aus Kohls Leben

Am selben Abend, 20 Uhr, wird mit „Der Elefantengeist“ ein Auftragswerk des Schweizer Autors Lukas Bärfuss über Helmut Kohl im Schauspielhaus uraufgeführt; die Regie führt Sandra Strunz. Zum Stück: Sechzehn lange Jahre prägte Kohl als Kanzler die Politik der Bundesrepublik; die Inszenierung setzt sich mit der Frage auseinander, wie künftige Generationen auf den großen Staatsmann und „Kanzler der Einheit“ zurückblicken werden.

In seinem Auftragswerk für das Nationaltheater macht Lukas Bärfuss Schlüsselmomente aus Kohls Leben und Wirken zum Ausgangspunkt einer Expedition in eine versunken anmutende Zeit. „Wir versuchen, in eine Auseinandersetzung zu kommen mit seiner Persönlichkeit. Mit seinen Entscheidungen, mit seiner Zeit, mit den Fragen, die ihn und sein politisches Umfeld beschäftigt haben. Darum muss es gehen“, sagte der Autor im Interview mit dieser Zeitung.

Wer die Autoren von „Mitwisser“ und „Der Elefantengeist“ leibhaftig im Gespräch erleben will, hat dazu tags darauf, am Sonntag, 30. September, Gelegenheit: Um 11 Uhr diskutieren Enis Maci und Lukas Bärfuss im Theatercafé zum Auftakt einer neuen Reihe zur „Dramatik der Wirklichkeit“ mit Fabian Burstein, Leiter des Kulturbüros Ludwigshafen, über das Verhältnis von Kunst und Realität.

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