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Wider das blinde Vertrauen

Musiktheater: Alexander Soddy dirigiert, Roger Vontobel deutet Mannheims neuen „Fidelio“

Mannheim.Der letzte „Fidelio“ brachte Unfrieden: Bei der Premierenfeier im November 2004 wurde der damals amtierende Generalintendant Ulrich Schwab etwas ungehalten. Zuvor war die Beethoven-Premiere mit unerwartet heftigen „Aufhören“- und „Shut-up“-Rufen bedacht worden. Schwab fand das „erschreckend“ und warf den Störern eine „fast faschistoide Haltung“ vor, weil sie es nicht zulassen würden, dass im Theater auch andere Meinungen artikuliert würden. „Jeder, der einigermaßen zu Lesen im Stande ist, wusste, dass er hier keinen ,Fidelio’ sehen kann wie anderswo“, hatte Schwab damals erklärt. Vielmehr sei es darum gegangen, eine „Utopie gegen die Gewalt“ zu zeigen.

„Eine Veranstaltung dann so zu stören, erinnert schrecklich an die Zeiten, die wir vor 60 Jahren erlebt haben“, hatte Schwab unter dem Beifall vieler Gäste und Theatermitarbeiter geäußert. Andere aber sollen auch entsetzt gewesen sein und hielten das Wort „faschistoide“ für deutlich übertrieben.

Beethovens Freiheitsoper „Fidelio“ war keine szenische Aufführung, sondern eine Reminiszenz an eine Live-Übertragung der NBC New York 1944 unter dem Dirigat des Italieners Arturo Toscanini. Verlesene Briefzitate von ihm und immer wieder eingespielte Tondokumente der NBC über den Krieg in Europa riefen heftigen Unmut bei einem Teil des Publikums hervor. Als Bühnenbild war der Original-Konzertsaal des Rockefeller-Centers in Manhattan nachgebaut worden, aus dem die Übertragung stattgefunden hatte.

Meisterwerk mit Makel

Vor diesem Hintergrund kommt der Neuinszenierung des Werkes durch Roger Vontobel (Premiere: 9. Dezember) eine besondere Bedeutung zu. Vontobel hatte in Mannheim zuletzt ja auch „Aida“ gezeigt, von der neben exzellenten musikalischen Leistungen inszenatorisch vor allem das dominante Bühnengerüst Palle Christensens in Erinnerung blieb. Diesmal soll es aber anders sein, was das Team zeigt. Zwar sei das Bühnenbild wieder „sehr imposant“, wie Mannheims Generalmusikdirektor Alexander Soddy dieser Zeitung sagte: „aber nicht so unruhig wie bei ,Aida’“. Soddy glaubt, dass der neue „Fidelio“ gut ankommen könnte.

Für ihn, der die Produktion musikalisch leitet, ist Beethovens einzige Oper ein absolutes Meisterwerk. Es sei ja keine leichte und unproblematische Oper. Aber Soddy sagt, „Fidelio“ sei „eben wie alle Meisterwerke nicht perfekt“. Es sei schwer herauszufinden, was Beethoven genau meinte, was er sagen wollte. Soddy: „Bei ,Fidelio’ löst man im Grunde alle Probleme durch dramatische Lösungen, was mir sagt: Das ist große Musik.“

Die Arbeit mit dem Orchester sei da mitunter schon mühsam, so Soddy, „weil wir uns oft fragen: Wie lang ist dieses Viertel? Wie forte ist dieses Forte?“ Auch dass Leonore quasi immer leise singt, findet er schwierig, „denn es geht ja trotzdem um höchste Intensität“. Soddy will eben ein Piano voller Energie.

Diese Leonore ist mit einer Gastsängerin besetzt: Annette Seiltgen. Ihr gelingt es also, als „Fidelio“ verkleidet, das Vertrauen des Kerkermeister Rocco (Sebatian Pilgrim) zu erlangen und auf diese Weise den sadistisch veranlagten Gouverneur Don Pizarro (Thomas Jesatko) so zu bedrohen, dass sie am Ende ihren geliebten Mann Florestan (Will Hartmann) aus dem Gefängnis befreien kann.

Be-Freiung und Freiheit stehen also im Mittelpunkt. Beethoven glühte für die Sache der Aufklärung. Nach dem Scheitern der Revolution begann ein Zeitalter der Geheimpolizei und Staatsgefängnisse, von Folter, Verrat und Aufopferung. Kein Wunder, dass er hier eine Parabel über den Missbrauch politischer Ideen vorlegte.