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„Wie steht es um den Spaßmanager?“

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Jazz: Trompeter Till Brönner über sein Weihnachtskonzert im Rosengarten, Kochen und die gesellschaftliche Stimmung

Vor zwölf Jahren ist „The Christmas Album“ erschienen – und ein Dauerbrenner unter den Platten des Jazz-Trompeters Till Brönner geworden. Warum er jetzt mit dem weihnachtlich geprägten Repertoire unter dem Titel „Better Than Christmas“ (Besser als Weihnachten) auf Tournee geht, erklärt der 48-Jährige im Telefoninterview mit dieser Zeitung. Am Donnerstag, 21. November, 20 Uhr, gastiert Brönner im Mannheimer Rosengarten.

Herr Brönner, Sie gehen als Jazzmusiker auf Weihnachtstournee. Lassen Sie mich mal ganz gehässig fragen: Was mögen Sie daran? Die Tatsache, dass Sie in der besten Garderobe auftreten können und ein garantiert positiv gestimmtes Publikum?

Till Brönner: Ich weiß gar nicht, warum man im Zusammenhang mit Jazz und Weihnachten so eine körperliche Abwehrreaktion an den Tag legen muss. Solche Aufnahmen sind ja sehr weit verbreitet, gerade auch in der Jazzhistorie. Das sind ja hochseriöse Angelegenheiten. Wenn man nicht den ganzen Tag mit der unerträglichen Leichtigkeit des Seins um die Ecke kommt, kann das eine durchaus spirituelle Angelegenheit sein. Und man kann davon ausgehen, dass, wenn ich an einem Abend zwei Stunden auf der Bühne stehe, nichts passiert, was ich nicht bin. Insofern ist die Frage, ob zwischen Brönner und Weihnachten eine Verwandtschaft herzustellen ist, mit einem klaren Ja zu beantworten. Aber eben nur für ein paar Tage. Insofern ist das, was wir da tun, eine hochexklusive Veranstaltung. Mein Anspruch dabei ist hoch.

Was reizt Sie aus der Sicht des Jazzmusikers am weihnachtlichen Repertoire?

Brönner: Unser Repertoire ist ein eher weltliches, amerikanisches. In Amerika ist ja Weihnachten noch weniger als hier ein christliches Fest. Weihnachten in Amerika ist immer das Weihnachten der verschiedenen Religionen und Kulturen. Das ist eine Welt, die eher mit Broadway zu tun hat. Und es gibt die gar nicht mal so sehr versteckte Angst der Menschen und Kulturinteressierten, dabei einem Kitschangriff zu erliegen. Aber da kann ich jeden beruhigen.

Auf Ihrem Weihnachtsalbum spielen Sie Standards wie „Moon River“ oder „Nature Boy“. Es werden bei Ihrem Konzert also nicht nur Weihnachtslieder erklingen, sondern auch Jazzklassiker?

Brönner: Wenn ich jetzt alles schon verbal ankündigen würde, dann wäre das schade. Es soll auch ein bisschen eine Überraschung werden. Aber die Tour heißt ja „Better Than Christmas“, das haben wir nicht von ungefähr so gewählt. Das Album ist mittlerweile mein erfolgreichstes und taucht ganzjährlich immer in den Charts auf. Da mag man sich fragen: Woran liegt denn das? Sind die Menschen das ganze Jahr über auf Weihnachten getrimmt? Der Erfolg kann auch daran liegen, dass es Songmaterial enthält, das ich nicht unbedingt mit dem Weihnachtsfest, aber mit der Zeit in Zusammenhang bringe, in der die ganze Welt sich mal zusperrt und ein bisschen in Besinnung versinkt. Und „Nature Boy“ oder „Moon River“, das ist eigentlich aus dem Film „Frühstück bei Tiffany“, der lief früher in ARD und ZDF immer zur Weihnachtszeit. Das bringe ich deswegen immer mit Weihnachten in Verbindung, weil es dieser wahnsinnig komplizierte, aber sehr süße Film mit Audrey Hepburn war. Das ist eine Kombination, die ich schon auf dem Album sehr passend fand.

Ich finde auch interessant, was Sie aus George Michaels Popsong „Last Christmas“ machen, den man als Jazzstück ja gar nicht kennt.

Brönner: Das ist das erfolgreichste Weihnachtslied aller Zeiten. Ich habe irgendwann aufgehört, mir Gedanken darüber zu machen, in welches Genre ich hineinpasse, solange ich mich selber nicht verändern muss. Das hat mit einem immer entspannteren Umgang mit der Frage zu tun: Wo taucht der Brönner auf? Also ich würde sicherlich nicht alles machen, was mir angetragen wird. Und wenn ich dann das Angebot erhalte, ein Weihnachtsalbum zu machen, was ja ein Konzeptalbum ist, und Konzeptalben waren immer schon voll mein Thema, dann ziehe ich das durch. Und zwar so, dass ich auf Improvisationen nicht verzichten muss.

Welche Bedeutung hat für Sie die besondere Stimmung, die bei Weihnachtskonzerten herrscht? Die Leute, die solche Konzerte besuchen, wollen ja einfach mal für zwei Stunden aus dem Alltag mit all seinen schlimmen Nachrichten wegkommen.

Brönner: Ich vermute, dass das mit ein Grund ist, weswegen Menschen in so ein Konzert gehen. Vielleicht steckt aber auch die Neugierde dahinter, wie Brönner damit umgeht. Erstaunlich ist ja, wie Weihnachten Jahr um Jahr immer aktuell bleibt. Weihnachten in einer Welt wie heute scheint auf eine Art absurd, weil um uns herum die Unsicherheit regiert, politisch alles schwierig wird, die Stimmung in unserem Land so schlecht ist wie nie zuvor, obwohl die Zahlen stimmen. Ich frage mich so ein bisschen: Wie steht es eigentlich um den Spaßmanager in diesem Land. Gibt’s den eigentlich irgendwo? Denn es sagen einfach zu wenig Leute, dass es uns tatsächlich noch recht gutgeht. Wahrscheinlich muss man auch die Medien ein bisschen mitverantwortlich dafür machen. Ich gehe aber auch auf eine Weihnachtstour, weil ich das Gefühl habe, dass ich mit diesem Thema auch einen großen Teil von Till Brönner zeigen kann. Ich sitze an Weihnachten mit Freunden zusammen, bei mir hängen nicht so viele weihnachtliche Symbole in der Wohnung rum. Ich habe vor einem Jahr das erste Mal einen Weihnachtsbaum bei mir gehabt. Ich glaube, ich kann meine Version von Weihnachten einem Teil meines Publikums nahebringen.

Werden Sie wieder einen Baum bei sich aufstellen?

Brönner: Ich habe mich noch nicht entschieden. Tatsächlich komme ich erst am 23. Dezember aus Japan zurück, wo wir auch mit diesem Programm auftreten, und muss mich dann erst einmal mit der Frage auseinandersetzen, ob ich so schnell auf ein Trautes-Heim-Glück-allein-Weihnachten umschalten kann. Ich habe meine Familie schon gewarnt, dass sie sich nicht sorgen müssen, wenn ich das Weihnachtsgeschenk bin, weil ich endlich wieder zu Hause bin. Und das haben sie auch sehr gut verstanden.

Wie feiern Sie ganz privat Weihnachten?

Brönner: Das ist gar nicht so privat. Ich bin großer Fan davon, dass man, wenn man nicht Kinder hat, die sich das ganze Jahr über auf Geschenke freuen, die Chance nützt, um enge Freunde einzuladen, mit ihnen zu kochen und einfach einen schönen Abend zu haben. Und die Zeit der Muße und Erholung genießt.

Kochen Sie selbst an Heiligabend?

Brönner: Ja ja, ich koche gerne selbst. Kochen und Film sind mittlerweile meine Leidenschaft geworden, neben der Fotografie, die für mich ja auch schon zum Beruf geworden ist. Bei Kochen und Film kann ich in eine Welt abtauchen, die gänzlich unöffentlich ist, und das teile ich bestimmt mit vielen Menschen.

Was kochen Sie denn gerne: deutsche Küche, asiatisch oder italienisch?

Brönner: Ich bin als jemand, der in Italien aufgewachsen ist, sehr nah an der italienischen Küche dran. Und ich bin ein großer Fan von Rohstoffen, und von Selbstgemachtem. Ich habe in letzter Zeit das Brotbacken für mich entdeckt. Das Backen mit Sauerteig ist für jemand wie mich, der viel auf Tournee ist, ein fast unlösbares Unterfangen, weil man den Teig schön frisch und triebstark halten muss. Das muss also jemand in meiner Abwesenheit für mich machen. Und ich finde es ganz hervorragend, ein Menü zusammenzustellen, das so ein Glücklich-Essen ist. Das interessiert mich viel mehr als Sterneküche, von der ich in meinem Leben tatsächlich genug vorgesetzt bekommen habe. Ich finde das zwar sehr beeindruckend, aber für mich ist es nicht sehr relevant. Mich reizt eher jemand, der weiß, wo er die besten Kartoffeln herkriegt.

Wissen Sie schon, was Sie dieses Mal zum Fest kochen?

Brönner: Nein. Das hängt auch damit zusammen, wie lange ich in der Küche stehen kann. Ich fürchte, dieses Jahr bin ich angewiesen auf die Menschen um mich herum. Möglicherweise auch auf meine Eltern, die sind ja auch dafür verantwortlich, dass ich zu Weihnachten überhaupt einen positiven Bezug habe. Denn es gibt ganz viele Menschen, die mit Weihnachten die schlimmste Zeit des ganzen Jahres verbinden. Kinder, die in zerrütteten Familien aufgewachsen sind, fürchten diese Zeit. Die fragen sich: Bin ich bei Papa, bin ich bei Mama, wer zankt sich? Das kennen viele Menschen. Ich bin immer happy, wenn das Fest friedlich und unkompliziert verläuft. Ich glaube, damit ist sehr viel erreicht.

Gehört bei Ihnen auch der Besuch der Christmette dazu?

Brönner: Ich gehe momentan nicht mehr in die Kirche. Das wird sich möglicherweise irgendwann wieder einstellen. Ich bin katholisch aufgewachsen, aber der Umgang mit einigen Fragen der letzten Jahre hat mich doch ziemlich ernüchtert zurückgelassen. Zurzeit habe ich das Gefühl, dass die Message, die die beiden christlichen Kirchen in unseren Breitengraden verbreiten, eine ist, für die man nicht unbedingt eine Christmette braucht. Es geht doch darum, diese Message zu leben, da stehen Nächstenliebe und Güte an oberster Stelle, und das versuche ich eher im Privatleben zu leben, als dass ich dafür eine Christmette bräuchte.

Lassen Sie uns jetzt über das musikalische Menü Ihrer Konzerte sprechen. . .

Brönner: Da möchte ich inhaltlich noch nichts dazu sagen. Das soll eine Überraschung bleiben.

Okay, dann reden wir über die Besetzung: Ist das Ensemble speziell für diese Tournee zusammengestellt worden?

Brönner: Ja, die ist für dieses Projekt neu zusammengestellt. Frank McComb ist als Gast dabei, der alle Vocal-Parts übernehmen wird. Er wird als Sänger und Pianist dem Ganzen eine besondere Note verleihen. Er ist so etwas wie die heutige Antwort auf Donny Hathaway. Er hat bei Branford Marsalis in der Band Buckshot LeFonque gespielt und ist gegenwärtig eine der R&B-Stimmen. Man wird das bei dieser Show erleben. Ich freue mich sehr darauf. Und mit diesem Mann ist sehr viel Interaktion auf der Bühne programmiert.

Singen Sie nicht auch selbst?

Brönner: Das weiß ich noch nicht genau.

Wird auch eine Sängerin mit dabei sein oder ist das Ganze ein reiner Männerclub?

Brönner: Es hat sich diesmal einfach so ergeben, dass nur Männer dabei sind. Aber ein Männerclub? Nein. Auf unserer DVD hatten wir eine Sängerin mit dabei. Und wer mich kennt, weiß, dass ich da alles andere als abgeneigt bin. Frauen haben dem Jazz am Ende des Tages den eigentlichen Erfolg beschert, den er heute noch hat. Das muss man sagen.

Am Saxofon ist Mark Wyand, ein Mann, der leider nicht so bekannt ist, wie er sein sollte.

Brönner: Ja das stimmt. Er ist ein wunderbarer Visionär und Klangzauberer.

Er ist ein Musiker, der aus der Tradition kommt, aber auch modern spielen kann. Er hat ja Stücke von John Coltrane und Ornette Coleman aufgenommen, aber auch Standards und Jazzklassiker.

Brönner: Absolut. Er ist ein wunderbarer Instrumentalist.

Am längsten ist wohl der Mann am Bass dabei: Christian von Kaphengst?

Brönner: Ja genau, den kenne ich, seitdem ich 15 bin. Er hat übrigens auch das Weihnachtsalbum mitproduziert. Der ist also bei diesem Thema so mit drin wir kein Zweiter. Christian von Kaphengst wird auch musikalischer Leiter bei dieser Tour sein. Damit ich mich ein bisschen darum kümmern kann, dass vorne die Conférence funktioniert.

Sie werden also moderieren?

Brönner: Ich habe mir vorgenommen, das Ganze wie eine Reise durch mein eigenes, privates Weihnachten zu gestalten. Da kann es sein, dass ich einige Wortbeiträge beisteuere. Aber keine Gedichte, davor muss keiner Angst haben.

Wird es bei dem Konzert auch eine Dekoration geben?

Brönner: (atmet tief durch) Das wollen wir alles noch der Überraschung überlassen. Irgendwie muss doch Weihnachten auch ein Geschenk sein, das man aufmacht, ohne zu wissen, was drin ist. Aber die ganz große Lametta-Show wird es nicht werden, das wäre zu kitschig. Ich würde gerne glaubwürdig auf die Bühne kommen und sie auch glaubwürdig wieder verlassen.

Gibt es einen Grund, dass die Tour in Mannheim startet?

Brönner: Es gibt dafür keinen emotionalen Grund, außer dass ich Mannheim sehr schätze. Aber tatsächlich sind bis zu einer gewissen Größenordnung nicht alle Hallen zu jeder Zeit verfügbar. Und so startet die Tour in Mannheim.

Sie wissen wahrscheinlich, dass es in Mannheim seit gut einem Jahr das Ella & Louis, einen tollen Jazzclub, gibt. . .

Brönner: Natürlich!

. . . den ja ein Trompetenkollege leitet, Thomas Siffling. Es wäre natürlich schön, wenn Sie nach dem Konzert so ganz zufällig mit der Trompete im Arm vom Mozartsaal des Rosengartens hinunter in den Ella & Louis-Club kommen würden.

Brönner: Es kann gut sein, das wir da an dem Abend vorbeischauen. Thomas Siffling ist ja ein Paradebeispiel dafür, dass aus Mannheim ein sehr zielgerichtetes Programm kommen kann. Er ist ein toller Kollege, ganz umtriebig. Gut, dass es den Mann gibt.

Mit ihm könnten Sie sich auch mal zusammenschließen, wenn es um das Thema Essen geht. Er hat schon mal ein Kochbuch mit Rezepten veröffentlicht.

Brönner: Ach, das ist ja lustig. Das muss ich wirklich mal machen. Gut, dass ich das weiß.

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