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„Wir hatten Bock auf was Neues“

Deutschpop: AnnenMayKantereits Schlagzeuger Severin Kantereit über das Album „Schlagschatten“

„Marie“ geistert schon seit September durchs Internet: Dreieinhalb Millionen Mal klickten Nutzer den ersten Song des Albums „Schlagschatten“ auf der Videoplattform YouTube inzwischen an. AnnenMayKantereit bringen die Platte am Freitag, 7. Dezember, auf den Markt, Nummer zwei nach ihrem gefeierten Debüt „Alles nix Konkretes“. Markenzeichen der Kölner Indie-Band ist die wuchtig-raue Stimme ihres ansonsten eher zarten Sängers Henning May. Am Telefon spricht Schlagzeuger Severin Kantereit über die Erwartungshaltung der Fans, ein Spontankonzert in Istanbul – und die Herausforderung, einen politischen Song zu schreiben.

Herr Kantereit, ist Ihre Musik nachdenklicher geworden?

Severin Kantereit: Wir haben auch viel nachgedacht über dieses Album, vor allem inhaltlich viel ausprobiert. Das kann man schon so sagen. Wir waren diesmal fast ein Jahr zuhause in Köln, um daran zu arbeiten. Das war schon ganz anders als beim ersten Album, das ja eigentlich fast auf Tour entstanden ist. Aber ich würde jetzt nicht behaupten, dass das nicht auch nachdenklich ist. Wir haben uns jetzt einfach mehr Zeit gelassen – auch um über Texte zu reden und Songs fertig zu machen.

Auf die Frage, ob die Stücke im Kollektiv entstehen, sagte Ihr Bandkollege Malte Huck uns vor fast drei Jahren, dass sich diese Frage nach dem zweiten Album vielleicht besser beantworten lasse. Ist das der Fall?

Kantereit: Die Texte sind diesmal auf jeden Fall anders entstanden als beim ersten Album. Auch wenn das immer noch zum größten Teil Hennings Part ist. Bei uns hat jeder sein Spezialgebiet. Wir haben diesmal viel über Themengebiete gesprochen – ob wir die behandeln wollen oder eben nicht. Es gibt mehrere Lieder, deren Texte im Kollektiv entstanden sind. Henning führt die Arbeit dann zu Ende. „Weiße Wand“ hat er gemeinsam mit zwei Freunden geschrieben.

In dem Song geht es um die Privilegien, die Sie – als junge, weiße Männer – genießen. Sie haben sich als Band relativ lange politisch zurückgehalten und dafür durchaus auch Kritik geerntet.

Kantereit: Wir wurden nach dem ersten Album ein paar Mal gefragt: Warum seid ihr so unpolitisch? Es war für uns komisch, dass man das so auf uns projiziert, das von uns erwartet. Andererseits ist es nachvollziehbar – weil wir unsere Reichweite nutzen können.

Was hat Sie letztendlich dazu bewegt, doch einen politischen Song zu veröffentlichen?

Kantereit: Natürlich geht nicht an uns vorbei, was gerade alles passiert. Aber das war vorher auch schon so. Ich würde uns nicht als unpolitisch bezeichnen oder sagen, dass wir jetzt auf einmal politisch geworden sind, weil Leute sagen: „Ihr seid so unpolitisch, jetzt macht endlich mal was.“ Wir hatten nur vorher noch keinen Weg für uns gefunden, damit umzugehen. Nichts, das wir nach außen tragen wollten, wo wir voll hinterstehen konnten. Wir wollten nicht nur sagen: „Nazis raus“ oder „AfD ist scheiße“. Natürlich stehen wir dafür – aber es ist uns aus künstlerischer Sicht zu plakativ, zu einfach.

Stattdessen suchen Sie einen Zugang über Ihre eigene Lebensrealität.

Kantereit: Wir wollten nicht den Finger erheben und sagen: So wird’s gemacht. In dieser Position sehen wir uns nicht. Also haben wir textlich und musikalisch etwas zusammengebaut, mit dem wir von uns ausgehen, zum Nachdenken anregen und dazu, Dinge zu hinterfragen: etwa in welcher Gesellschaft wir aufgewachsen sind. Gerade wir, als vier weiße Jungs. Allein dadurch, dass wir hier in Deutschland geboren sind, haben wir schon so viele Privilegien. Darauf wollten wir hinweisen. Und auf die aktuelle politische Situation. Es war schwierig für uns, damit umzugehen – aber wir glauben, das mit „Weiße Wand“ für uns jetzt doch ganz gut hinbekommen zu haben.

Das Zusammenspiel ist sauberer geworden, die Instrumente klarer aufeinander abgestimmt. Wie kommt’s?

Kantereit: Das haben wir uns nicht vorgenommen. Aber ich denke, das ist so, weil wir drei Jahre länger zusammen Musik machen. Ich glaube, dass wir besser geworden sind – und inzwischen genauer wissen, wie wir Musik machen wollen. Es gab auch einen neuen Ansatz: Wir haben zwar immer noch viel zusammen eingespielt wie beim ersten Album, aber wir haben auch herumexperimentiert.

Das hört man dem Album an. Es ist facettenreicher als sein Vorgänger – auch, was die technische Umsetzung angeht.

Kantereit: „Weiße Wand“ ist eigentlich komplett am Rechner entstanden. Wir haben etwas aufgenommen, dann etwas anderes darüber. Das war für uns neu und super spannend. Das Lied „Sieben Jahre“ zum Beispiel, das habe ich produziert: alles ganz klein am Laptop, die Gitarre mit dem iPhone aufgenommen. Wir versuchen, auch mal von konventionellen Aufnahmeprozessen wegzukommen und Neues auszuprobieren.

Die Platte ist ja auch nicht im Berliner Aufnahmestudio entstanden wie ihr Vorgänger, sondern in Spanien. Wie kam es dazu?

Kantereit: Wir hatten auch da Bock auf was Neues, auf was Aufregendes: Wir sind an einen Ort gegangen, wo vorher noch nie jemand Musik aufgenommen hat. Es gab also im Vorfeld viele Fragen: Wird dieser Raum überhaupt klingen? Sind die Nachbarn stressig und bereiten uns vielleicht Ärger? Aber wenn wir wieder ins Hansa-Studio gegangen wären: Man kommt dort an, man weiß, wie es aussieht, wie es riecht und auch, wie es ablaufen wird. Für uns war es ganz essenziell, etwas zu machen, bei dem wir viel ausprobieren, viel rumspielen können. Und aus unserer Sicht ist uns das auch ganz gut gelungen.

Wichtig ist nun, was die Fans sagen, die das Album ja mit einer gewissen Erwartungshaltung anhören. Werden manche nicht überrascht sein?

Kantereit: Das ist schon aufregend: Wir haben uns musikalisch und inhaltlich verändert. Da fragt man sich natürlich: Ist das jetzt noch cool für die, die das Alte gut finden? Und was ist mit denen, die vorher gesagt haben: „Das ist nicht ganz so mein Sound.“ Wie nehmen die das neue Album auf? Passt das noch zu uns? Da sind wir jetzt schon sehr gespannt auf die Reaktionen.

Sie bereiten Ihre Fans im Internet schon auf das neue Album vor, indem Sie vor dem Verkaufsstart nach und nach Songs in den sozialen Medien veröffentlichen.

Kantereit: Wir bringen nicht eine Single raus und warten dann drei Monate, bis das Album kommt, sondern wir präsentieren im einwöchigen Rhythmus die neuen Songs. So wollen wir dem Album die Möglichkeit geben, sich besser zu präsentieren. Und der großen Bandbreite Raum geben, sich zu entfalten. Wir geben schon sehr viel preis, damit die einzelnen Lieder eine viel größere Bühne haben. Denn es ist echt schwierig heute: Durch das Streaming werden viele Songs nur kurz angehört – und darüber wird manchmal ein ganzes Album beurteilt.

Früher haben schlimmstenfalls ein paar Musikjournalisten einen Verriss geschrieben – heute kommentiert jeder im Internet Ihre Songs. Was macht das mit jungen Musikern wie Ihnen?

Kantereit: Da geht jeder von uns anders mit um. Aber ich glaube, insgesamt lesen wir uns das gar nicht so wirklich durch, nehmen es nicht so ernst. Natürlich gibt es da Leute, die nicht gut finden, was wir machen. Ich kann mit guter Kritik auch sehr gut umgehen. Was ich komisch finde, ist Kritik, die persönlich angreift oder keinerlei Grundlage hat. Aber YouTube-Kommentare? Ich überfliege die mal kurz, gerade, wenn die Videos rauskommen, ist man ja schon ein bisschen neugierig, wie die Leute das finden. Oder bei „Weiße Wand“, da waren wir schon ein bisschen aufgeregt, wie die Reaktionen ausfallen werden.

Es gibt einige Lieder auf der Platte, die wenig gefällig sind, in die man sich erst reinhören muss. Hatten Sie Sorge, im Deutschpop-Mainstream unterzugehen?

Kantereit: Natürlich macht man sich darüber Gedanken. Aber wir haben uns relativ wenig davon beeinflussen lassen, ob etwas zu radiotauglich ist oder eben zu wenig. Ob das eher ein Lied sein soll für Leute, die gerne Radiohead hören, weil deren Musik sehr vertrackt ist und schwieriger zugänglich. Weil wir unterschiedliche Geschmäcker haben, haben wir das gemacht, worauf wir Lust hatten und uns zu viert einigen konnten. Aber ich glaube, wir alle sind so, dass wir Alben gerne hören, zu denen man sich erst einmal einen Zugang verschaffen muss. Etwa indem man sie mehrfach hört, immer wieder neue Dinge entdeckt. Ich mag das bei anderen Bands sehr gerne, wenn irgendwann der Aha-Moment einsetzt.

Sie sind nach wie vor beim Branchenriesen Universal unter Vertrag.

Kantereit: Wir sind mit denen total happy. So ein großes Label ist natürlich ein riesiger Apparat. Einer, der viel träger ist, als es manchmal nötig wäre, weil man heute so schnell arbeiten kann. Aber mit unserem Album hatte Universal eigentlich nichts zu tun. Sie haben es zum ersten Mal gehört, als es schon fertig war – und auf dem Weg zum Presswerk.

Was bedeutet, dass die Verantwortlichen vom Label keinen Einfluss auf Ihre Arbeit nehmen?

Kantereit: Für uns war klar, dass wir nur zu einem Label gehen, bei dem wir vorgeben dürfen, wie es läuft: Wir haben alles in der Hand, wir suchen uns alles selbst aus. Keiner kommt und schaut über die Songs und fordert: „Da muss aber noch ein Refrain rein.“ Das Label sagt stattdessen: „Jungs, ihr macht das so, wie ihr es macht, am besten.“ Nach Spanien zu gehen, um dort das Album aufzunehmen – das war unsere Idee.

Auch Ihre Videos haben einen besonderen Stil – läuft noch immer viel in Eigeninitiative?

Kantereit: . . . wir sind mit relativ wenigen Leuten nach Spanien gefahren. Mit denen haben wir in zwei Monaten alles gemacht: das Album aufgenommen, die Videos gedreht, Pressefotos gemacht, das Cover entworfen. Das war viel Arbeit. Aber es war toll, das mit Freunden und so einem kleinen Team leisten zu können.

Wie gelingt es Ihnen, in all dem Trubel um die Band noch Sie selbst zu sein?

Kantereit: Natürlich ist viel um einen herum. Erwartungen an die Musik. Aber auch ganz banal im alltäglichen Leben: Man wird doch öfters auf der Straße angesprochen. Man wird – von Freunden und von Fremden – immer direkt nach der Band gefragt. Das ist schon anstrengend. Ich bin ja auch noch eine andere Person als nur die, die in dieser Band spielt. Manchmal bleibt man schon lieber zu Hause und geht kein Bier mehr trinken.

Sie spielen Ende Januar in der Alten Feuerwache in Mannheim, obwohl Sie längst größere Konzerthallen füllen.

Kantereit: Wir haben Bock auf kleine Läden – aber wir wissen natürlich, dass die Nachfrage nach Tickets groß ist. Wir machen jetzt erst eine Clubtour an kleineren Veranstaltungsorten wie der Feuerwache. Danach gehen wir auf größere Tour. Für den Start haben wir uns Locations ausgesucht, die uns sehr gut gefallen haben. Läden, in die 500 bis 1000 Menschen reinpassen. Es ist ein ganz anderes Erlebnis, als in Hallen aufzutreten – wobei ich jetzt nicht sagen will, es ist schlechter oder besser. Wir wollen auf keines von beidem verzichten, deswegen die Kombination.

Die anstehende Tour führt durch Deutschland, nach Österreich und in die Schweiz. Wie steht es um Ambitionen außerhalb des deutschsprachigen Raums?

Kantereit: Nachdem wir in Spanien fertig waren, sind wir spontan nach Istanbul geflogen und haben dort ein ganz kleines Konzert gegeben. Wir wollten einfach mal sehen, was in anderen Ländern geht. Über die sozialen Medien kann man nachschauen, wo welche Follower und Likes herkommen. Wir haben mal herumgestöbert: Wo leben die Leute, die uns hören? Da ist auffällig, dass auch viele Leute aus Russland darunter sind, und es gibt sehr viele türkisch- und englischsprachige Kommentare.

Was hat Sie in Istanbul erwartet?

Kantereit: Nur der Club hatte die Veranstaltung bekannt gemacht, nicht wir über unsere Kanäle. Gegen Abend wurde es immer voller, auf einmal standen 2000 Leute vor dem Laden, in den eigentlich nur 100 reinpassen, sogar die Straße musste gesperrt werden. Das war für uns schon krass zu sehen. Das ist ein Abenteuer, so etwas müssen wir ausprobieren.