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„Wir leben doch auf der Zugspitze“

Deutschpop: Interview mit Gregor Meyle über Gründe für seinen Optimismus, die Deutschpop-Welle und Schwabenrock

Delikat und detailverliebte musikalische Feinkost – das ist das Metier, mit dem der in Jagsthausen aufgewachsene Deutschpop-Songwriter Gregor Meyle zu einem der profiliertesten Deutschpop-Songwriter geworden ist. Zurzeit arbeitet er unter anderem mit dem Mannheimer Produzenten Matthias Grosch („Sing meinen Song“) an seinem sechsten Album, das stilistisch noch offener werden und Einflüsse aus aller Welt verarbeiten soll. Es entsteht auch während der aktuellen Sommertournee, auf der Meyle eins von insgesamt fünf Open Airs am Kloster Lorsch spielt, mit denen das Musiktheater Rex sein 20. Jubiläum feiert.

Herr Meyle, Sie sind länger im Geschäft als die meisten Kollegen, zählen jetzt aber zu einer fast unüberschaubar gewordenen Menge von erfolgreichen Deutschpopsängern. Könnte das wie früher bei der Neuen Deutschen Welle oder der ersten Erfolgsphase von Deutsch-Rap zu viel werden? Überreizt die Musikindustrie es wieder?

Meyle: Ich glaube nicht, dass die Industrie da so viel Einfluss hat. Die hat mir vor zwölf Jahren noch gesagt: „Vergiss es, auf Deutsch zu singen.“ Ich glaube, das regelt sich automatisch. Wenn du auf dem Markt mit Supertomaten stehst, dann rennen sie dir die Bude ein. Es wird auch immer einen geben, der dein Zeug aufkauft und es an einem besseren Platz teurer an den Mann bringt. Du musst trotzdem gucken, dass du dein Ding an den Start bekommst. Qualität kann man an den Texten festmachen. Auch weil zurzeit tatsächlich manches ziemlich ähnlich klingt, wohl auch, um sich an das Format im Radio anzupassen.

Wie gehen Sie damit um?

Meyle: Das käme für mich nie infrage, weil die Gefahr besteht, dass es schief geht. Und man etwas macht, dass es schon gab. Das Wichtigste ist für mich: Du musst lieben, was Du machst – schon während es entsteht. Ob das dann im Radio läuft, da hast du gar keinen Einfluss drauf. Meine Musik passt da eh nicht so ganz ins Format.

Warum eigentlich? Wird das begründet?

Meyle: Ich kann es gar nicht sagen. Ich höre aus Redaktionen nur, dass es nicht passt. Ich habe da schon länger aufgehört, drüber nachzudenken. Mein Glück ist, dass die Konzerte voll sind. Für mich liegt die Wahrheit, ob jemand etwas kann und Erfolg hat, im Konzert. Mit meinen wunderbaren Musikern, die ja fast die komplette „Sing meinen Song“-Band bilden und aus Ihrer Gegend kommen, funktioniert das. Deshalb dürfen wir 40 bis 50 Mal im Jahr auftreten.

Apropos: Am 16. August dürfen Sie am Kloster Lorsch spielen. Machen sie sich vorher schlau über derart geschichtsträchtige, spirituelle Orte?

Meyle: Tatsächlich werde ich oft schon lange vorher darauf angesprochen, bevor ich an solchen Orten auftrete. Auch im Fall von Lorsch. Es ist in Deutschland, ja in ganz Europa, der Knaller, wo man überall spielen kann. Von der 2000 Jahre Porta Nigra in Trier, das mal Regierungssitz des weströmischen Reiches war. Dazu der Sonnenuntergang, der Mond ist am Start, die Sterne – der Knaller! Zumal ich mich wahnsinnig für Geschichte interessiere. Also googele ich alles, zum Beispiel über das Kloster Lorsch. Als zweites checke ich, ob es eine Eisdiele gibt (lacht). Das ist bei der Sommertour elementar. Alle zwei Tage muss Spaghetti-Eis her.

Wo gibt’s das beste Spaghetti-Eis in Deutschland?

Meyle: Seltsamerweise ist der Osten da ganz weit vorn. Wobei es ja 1969 vom Mannheimer Dario Fontanella erfunden wurde.

Da wollte ich drauf raus ...

Meyle: Das haben mir die Söhne Mannheims erzählt. Aber im Osten ist es wirklich noch besser: vor allem Zwickau, aber auch Erfurt – da habe ich auch schon mit Clueso drüber diskutiert. In seiner Heimatstadt gibt es echt eine der besten Eisdielen – aber keinen guten Kaffee (lacht).

In Ihrer Musiksendung „Meylensteine“ haben Sie andere Musiker getroffen, um mit Ihnen ihre Songs neu zu interpretieren. Das Spektrum reichte von den Sportfreunden Stiller über Laith Al-Deen oder die Söhne Mannheims bis Helene Fischer, mit der Sie auch beim letzten Echo ein Duett gesungen haben. Haben Sie keine stilistischen Berührungsängste?

Meyle: Naja, mit Gangsta-Rap à la Kollegah wäre das schwierig. Aber die Sendung lebt ja von Progressivität und spektakulären Konstellationen. Erstmal geht man natürlich mit Respekt aufeinander zu. Und Leuten wie Helene aber auch Howie Carpendale nähere ich mich mit Demut. Weil: Was soll ich denen noch erzählen? Aber die haben Bock, mit mir Musik zu machen. Also bringe ich alles in die Musik rein, auch viel Liebe und sehe die Songs nur als Songs. Dann versuche ich, meinen Stempel draufzusetzen. Helene und ich haben uns für den Echo ja auch keine Hit-Single ausgesucht, sondern ein starkes Lied wie „Lieb mich dann“, das gute Leute geschrieben haben. Und Götz Alsmann hat schnell zugesagt, uns am Piano zu begleiten. Dazu kommt: Ich habe im Musikgeschäft erstmal zwölf Jahre lang Dienstleistung für Künstler gemacht. Bis zu 16 Stunden am Tag.

Trotzdem versteht nicht jeder, dass Sie mit Schlagerstars singen ...

Meyle: Letztlich geht es doch um Empathie, egal, mit wem du singst Und das verstehen die Leute. Man darf das Publikum nicht unterschätzen und für dumm verkaufen. Ich stecke da viel rein, vor allem meinen Respekt vor der Lebensleistung der Kollegen. Die wissen das zu schätzen, und so entsteht etwas Schönes, mit dem ich in diesem Moment sehr happy bin. Da muss man einfach mal vorpreschen und es versuchen. Vielleicht geht es nach den ersten beiden Staffeln 2015 und 2017 ja im nächsten Jahr weiter.

Sie waren ja im Saal: Wie haben Sie den Echo-Skandal um den antisemitischen Text der Rapper Kollegah und Farid Bang verdaut, die dann auch noch ausgezeichnet wurden?

Meyle: Ich finde es gut, dass sich da relativ schnell etwas getan hat, nachdem alle möglichen Leute ihre Echos zurückgegeben haben. Bei mir hätte sich das nicht gelohnt: Ich habe ja nur einen (lacht). Tote-Hosen-Sänger Campino, der die beiden noch während der Preisverleihung kritisiert hat, ist mir am Tag danach am Flughafen begegnet. Da sah er echt nicht gut aus. Aber ich habe ihm gesagt: „Hey, das ist ein Bundesverdienstkreuz wert.“

Haben Sie sich nicht gewundert, dass die Echo-Macher das nicht im Vorfeld geregelt haben?

Meyle: Ich war vor Campinos Rede überhaupt nicht im Thema. Fakt ist, dass solche Texte überhaupt nicht gehen. Und dann auch noch der Live-Auftritt und die Auszeichnung ausgerechnet am Holocaust-Gedenktag. In Amerika wäre das Lied von Kollegah und Farid Bang bei einer TV-Übertragung ein einziger Piepton gewesen. Schwierig finde ich, dass die Kinder, die das aufsaugen, nicht hinter die Gangster-Fassade schauen. Mit solchen Vorbildern landest du doch im Extremfall im Jugendknast. Und so etwas überschattet dann, was wir inzwischen hierzulande für eine tolle Musiklandschaft haben. In der sich alle respektieren, auch generationsübergreifend. Da kann es nicht sein, dass Musik und Inhalte durch so etwas ihre Wertigkeit verlieren.

Was ja auch materiell ein Problem ist .

Meyle: Genau, das ist ja der Kontext. Heute teilen sich x Leute für keine zehn Euro ein Streaming-Abo. Wir sind früher 80 Kilometer durch die Gegend gefahren, um uns zwei Platten in der Lerche in Stuttgart zu kaufen. Da haben wir wochenlang drauf gespart.

Sie meinen das damals größte Platten-, Radio- und Fotohaus in Süddeutschland, das 2004 schließen musste. Drei Jahre nach dem Mannheimer Medienhaus Prinz. Die Entwicklung ist unumkehrbar, oder?

Meyle: Ich fürchte ja. Streaming und Downloads sind ja auch einfach praktisch – und keine 80 Kilometer entfernt. Heute kannst du dir beim Autofahren eine Platte runterladen. Das ist total schön und angenehm, schadet aber der Wertigkeit. Jeder, auch die, die wie Mark Forster ganz oben stehen, hat ganz regulär seine Arbeit gemacht und will seine Brötchen verdienen. Das ist ein Spiegel einer nachkommenden Gesellschaft, zu der ich ganz ehrlich sagen muss: Der geht’s zu gut.

Gleichzeitig hat man mit Blick auf manche Debatten und den Raum greifenden Populismus den Eindruck, die Republik stünde am Abgrund.

Meyle: Wie wäre das denn erst, wenn wir in Italien leben würden? Oder in Griechenland? Wenn man über den Tellerrand schaut, ist klar: Wir leben in einem ganz, ganz tollen Land. Mit Meinungs- und Pressefreiheit. Mit einer viel besseren Medienlandschaft als in den USA. Hier gibt es noch Meinungsvielfalt, man leistet sich auch einen Jan Böhmermann. Auch, wenn er immer wieder auf die deutsche Popszene einprügelt, finde ich ihn erfrischend.

Ihr Konzert 2016 im Schwetzinger Schlosspark stand unter dem Motto: „Behalt Dein Lächeln im Gesicht“. Wenn Sie an neuem Material arbeiten – wie erhalten Sie sich das Lächeln in diesen extrem schlecht gelaunten Zeiten?

Meyle: Das gelingt mir jeden Tag. Ich habe eine tolle Familie. Meine kleine Tochter muss mich nur einmal angucken, dann bin ich der glücklichste Mensch der Welt. Daneben ist Musik das Größte, und es gibt ganz, ganz viele Kleinigkeiten, die toll sind. Wir leben hier doch auf der Zugspitze der Gesellschaftsformen auf der ganzen Welt. Man muss schauen, dass man seinen Frieden macht und im Umfeld Gutes tut. Und die Musik, die ich schreibe, muss nicht unbedingt politisch auf ein Thema zielen. Aber sie steht für etwas – für Hoffnung, Liebe und Nächstenliebe. Und dafür, die Kirche im Dorf zu lassen und zu vermitteln: „Hey, uns geht’s gar nicht scheiße, sondern extrem gut.“

Sie stammen aus dem schwäbischen Backnang. Wer ist der größte Sohn Ihrer Heimatstadt: Fußballtrainer Ralf Rangnick, Schwabenrocker Wolle Kriwanek – oder schon Sie selbst?

Meyle: (lacht) Ich hab’s mit Fußball nicht so. Aber Ralf Rangnick war wohl mal auf einem meiner Konzerte. Mein Vater ist mit Wolle Kriwanek zur Schule gegangen. Schon vor der Grundschule habe ich mit meinem Opa eine Gitarre gebaut und bin damit zum Wolle gegangen. Das war ein ganz toller Mensch, der zu früh gegangen ist. Da fällt mir ein: Ich muss unbedingt mal einen schwäbischen Song aufnehmen. Man müsste Hartmut Engler und den Rest der Schwaben einfach mal zusammenbringen. Xavier kann ja auch unheimlich gut schwäbeln. Das würde er wahrscheinlich auch machen. Aber es gibt noch ein paar andere Projekte vorher.

Zum Beispiel?

Meyle: Eine Kinder- und eine Orchesterplatte.

Im April ist Xavier Naidoos Bassist Robbee Mariano im Alter von nur 47 Jahren gestorben, den Sie auch gut kannten. Können Sie das schon begreifen?

Meyle: Ach, das ist einfach sehr traurig, der Robbee war auch ein ganz toller Mensch. Das war Wahnsinn, wie schnell das zu Ende ging. So ähnlich wie 2016 beim überraschenden Tod von Roger Cicero. Wir sind ja alle in einem Alter, wo man denkt: „Mensch, das kann doch noch nicht sein!“ Da kann man nur sagen: Carpe diem – nutze den Tag.