Veranstaltungen

„Wir müssen sie lebendig machen!“

Film: Interview mit Moderatorin Sandra Maischberger, die den „Ehrenmord“-Film „Nur eine Frau“ produziert hat

Sandra Maischberger ist als Talkshowmoderatorin der ARD nahezu allseits bekannt. Mit einer eigenen Firma produziert sie nicht nur ihre Sendung „Maischberger“, Reportagen und Doku-Stoffe, sondern legt jetzt den ersten Spielfilm vor. „Nur eine Frau“ dreht sich um den sogenannten „Ehrenmord“ an der jungen Kurdin Hatun Aynur Sürücü 2005. Am Samstag, 18. Mai, gastiert die 52-Jährige mit ihrem ersten Spielfilm auf ihrer Kinotournee in Mannheim und Frankenthal.

Frau Maischberger, mit „Nur eine Frau“ haben Sie sich auf neues Terrain begeben und erstmals einen Spielfilm fürs Kino produziert. Ihre „Vincent GmbH“ hat sonst eher einen Fokus auf Ihre Talkshows, dokumentarische Formate und historische Doku-Dramen. Wie kam es zur Verfilmung der Geschichte über den „Ehrenmord“ an Hatun Aynur Sürücü?

Sandra Maischberger: Das Thema fanden wir im Austausch mit dem rbb-Redakteur Rolf Bergmann 2016 bei der Suche nach zeitgenössischen Stoffen für Doku-Dramen. Der sogenannte „Ehrenmord“ an Hatun Aynur Sürücü war einer der ersten großen Fälle dieser Art und ist im Vergleich mit anderen extrem gut dokumentiert. Es gibt darüber zwei Dokumentarfilme, ein Buch, von Matthias Deiß und Jo Goll, diverse Reportagen und Berichterstattungen. Alle Menschen aus dem Umfeld des Opfers und auch die Kronzeugin waren interviewt worden.

Die Regie haben Sie Sherry Hormann anvertraut. Hatten Sie sie – auch explizit als Frau – gleich auf dem Schirm?

Maischberger: Dieser Film war für mich nur unter der Regie einer Frau denkbar. Mit Sherry bin ich befreundet und kenne sie und ihre Arbeit gut. Dem Drehbuchautor Florian Oeller und uns war aufgefallen, dass in den Dokumentationen über den Fall Hatun Aynur Sürücü immer nur die Männersichtweisen vermittelt wurden. Und das aus einem einfachen Grund: Die Männer haben überlebt und konnten ihre Fassung erzählen. Die junge, ermordete Frau selbst wurde so für mich in diesen Stoffen aber nie wirklich fassbar.

Sherry Hormann gilt seit „Wüstenblume“ als Spezialistin für die Verfilmung harter und schwieriger Frauenschicksale.

Maischberger: „Wüstenblume“ habe ich geliebt und auch „3096 Tage“ über Natascha Kampusch war ein grandioser Film. Ich schätze Sherrys speziellen Blick auf und in Frauen. Auch ihre Art, mir Frauenfiguren ans Herz wachsen zu lassen, die ich nie als kitschig oder aufdringlich-emotional empfinde, sondern als extrem präsent und auch radikal. Sie hat dieses große Herz, vertritt aber trotzdem in der Sache und in der Aussage eine klare Radikalität. Um die Hauptfigur Hatun Aynur erlebbar und spürbar zu machen, war ihr Ansatz: „Wir müssen sie lebendig machen!“ Und genau das haben wir dann auch getan.

„Nur eine Frau“ wurde dann aber kein Doku-Drama, sondern ein Spielfilm. Wie kam das?

Maischberger: Als Dokumentaristin ließ ich mich von Sherry wie von einem Sherpa in diese Spielfilm-Welt entführen (lacht). Meinen Blick weitete Sie dann mit dem Film „Milk“ mit Sean Penn in der Hauptrolle, als Inspiration für die Verfilmung unseres Stoffes. So, als Spielfilm erzählt, hat Hatuns beziehungsweise Aynurs Geschichte auch eine ganz andere emotionale Kraft als ein Doku-Drama. Wir haben dann „subkutan“ etwas von der Realität dokumentarisch eingewoben, um daran zu erinnern, dass es um eine reale Geschichte und eine reale Person geht.

Nun sind Spielfilme deutlich teurer in der Herstellung als Doku-Dramen. Hat sich das Budget auf die Umsetzung ausgewirkt?

Maischberger: Wir hatten zwar ein stattliches „Doku-Drama“-Budget, aber eben keines, das einem Kinofilm angemessen war. Deshalb hatten wir für einen Spielfilm recht wenige Drehtage. Das hat mir Sorgen gemacht, denn ein unter großem Zeitdruck gedrehter Film könnte schnell flach wirken. Aber vom Sichten der ersten Filmausschnitte an war ich beeindruckt davon, wie blühend und stark unsere Schauspieler miteinander sind.

„Nur eine Frau“ hat stilistische Besonderheiten. Eine davon ist, dass Hatun Aynur ihre Geschichte aus dem Off erzählt und die Ereignisse kommentiert. Dann werden oft Set-Bilder des Starfotografen Mathias Bothor in Großformat eingebunden. Wie kam es dazu?

Maischberger: Sherry hatte schon seit langem die Idee, Momente in einem Film mit künstlerisch ausdrucksstarken Fotografien anzuhalten und zu intensivieren. Und zu unserem Materialmix aus Spielfilmszenen, dokumentarischem Material und Fotografien der realen Aynur passte das. Vom Ergebnis waren wir alle total angetan, was nicht wundert, denn Mathias Bothor ist ja ein Künstler!

Gab es besondere Herausforderungen beim Casting, der Auswahl der Schauspieler?

Maischberger: Fast der ganze Cast hat einen sogenannten Migrationshintergrund, sei es türkisch, kurdisch, iranisch, irakisch oder ägyptisch... Die meisten ganz junge Leute. Mit Simone Bär hatten wir eine herausragende Casterin, die in der Branche gut vernetzt ist und so Zugang zu Schauspielern mit dem gesuchten Profil fand, allen voran Amila Bagriacik, Rauand Taleb, Amar Arami und Meral Perin Mehmet Atesci, Armin Wahedi, Merve Aksoy, Samir Fuchs, Özgür Karadeniz, aber auch Lina Wendel und Jacob Matschenz…

Im Film wird gezeigt, wie Hatun Aynurs Brüder von dem eher sanft daherkommenden Imam auf dem „fruchtbaren“ Boden ihrer sehr patriarchalischen Grundhaltung und ihrer Scham radikalisiert werden.

Maischberger: Diesen Imam hat Samir Fuchs großartig gespielt! Sehr wichtig ist, dass im Film zwei Gebetsräume gezeigt werden: die ganz normale Moschee, wohin die Muslime zum Beten gehen, und dann gibt es noch diesen kleinen Raum, in dem eigentlich nicht die Religion im Vordergrund steht, sondern eine politische Indoktrinierung blüht. Genau diese Unterscheidung muss gemacht und gezeigt werden. In der eigentlichen Moschee durften wir drehen, weil die Szenen dort die ganz normale Ausübung der islamischen Religion zeigen. Cem Özdemir wohnte übrigens damals unweit der Wohnung der Sürücüs und hatte, wie er mir erzählte, sehr früh von einer solchen kleineren, radikalen Zelle im Kiez berichtet. Seine Warnung wurde aber damals leider nicht ernst genommen.

Der Themenkomplex in ihrem Film, der in Berlin spielt, ist sehr umfassend: Es geht um Zwangs-Verheiratungen, um soziale und familiäre Kompromisslosigkeit in patriarchalischen Parallelstrukturen und in der Eskalation des Ganzen, um den sogenannten „Ehrenmord“.

Maischberger: Mir ist durch diese Arbeit noch eindrücklicher klargeworden, wie gegenwärtig das alles in Berlin, wo ich selbst lebe, immer noch ist. Klar ist aber auch, dass es sich um keine speziell muslimische Angelegenheit handelt.

Welchen Bezug haben Sie zur Figur Hatun Aynur?

Maischberger: Mir ist die Aynur sehr nah, weil sie etwas will, womit ich mich total identifizieren kann. Als Anfang 20-Jährige in Berlin will sie dazugehören. Sie möchte sich so kleiden, wie sie es will. Sie möchte ihre Musik hören. Sie möchte sich die Freunde und die Männer aussuchen, mit denen sie zusammen sein möchte. Und sie möchte sich als alleinerziehende Mutter gut um ihren Sohn kümmern. So, wie sie das für richtig hält. Wir reden ja immer über Parallelkulturen, Clanstrukturen und dergleichen: Was wir häufig übersehen, ist, wo das Gemeinsame ist. Ich habe sehr viele Gemeinsamkeiten mit dieser jungen Frau. Das ist mir nur sehr spät aufgefallen!

Was genau meinen Sie damit?

Maischberger: Wir haben uns lange nicht um Frauenrechte in migrantischen Milieus gekümmert, aus Angst, damit den Sarrazins dieser Welt in die Hände zu spielen. Ich habe erst spät begonnen, diese Haltung zu hinterfragen: Wir setzen uns doch ganz selbstverständlich für Gleichberechtigung ein, für „Equal Pay“ (Anm. d. Red.: gleiche Bezahlung), für „Pro Quote“ (Bewegung von Frauen in der Filmbranche für Chancengleichheit). Aber wir setzen uns nicht für das Selbstbestimmungsrecht dieser jungen Mädchen ein? Und warum nicht? Weil wir Angst haben, damit in einen kulturellen Konflikt hineinzugeraten. Aus Angst, den rechten Fremdenfeinden Argumente zu liefern. Aber das ist falsch, Ich finde es äußerst merkwürdig zu behaupten, dass das ein Thema der Rechten sein soll. Als ob die sich für Gleichberechtigung einsetzen würden.

Welches Bewusstsein wünschen Sie sich im Umgang mit all diesen Fragen?

Maischberger: Es ist wirklich wichtig zu wissen, dass wir zu einer Mitte gehören, die sich gegen Fanatiker und Fundamentalisten von beiden Seiten zur Wehr setzen muss. Die Muster sind ja gleich. Auch die rechtsradikalen Milieus sind abgeschottet in eigenen Parallelwelten oder sogar Parallelkulturen. Der NSU ist zum Beispiel so eine Parallelkultur! Wir nennen es nur nicht so. Wir machen es uns jedenfalls zu leicht, wenn wir nach Ethnien, Kulturen und nach Passzugehörigkeit unterscheiden.

Sie sind voller Leidenschaft bei der Sache dieses Films, machen sogar eine große Kino-Tour, um mit Zuschauern zu diskutieren. Fällt es Ihnen leicht, ihr Innerstes nach außen zu kehren, wenn Sie ein Thema persönlich so betroffen macht?

Maischberger: Position beziehe ich ja in ganz wenigen Fällen, weil ich mich als Moderatorin in meinen Fernsehdiskussionen zur Neutralität verpflichtet sehe. Aber dieses Thema und der Film sind mir sehr nahe geworden. Und ich merke, welche Scheuklappen ich zum Teil selbst hatte, mich mit bestimmten Dingen auseinanderzusetzen. Immer aus Angst vor dem falschen Applaus. Frauenrechte sind universelle Rechte. Ich habe viel zu lange das Feld anderen überlassen. Auf die Auseinandersetzungen rund um den Film freue ich mich.