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„Wir wollen ein Feuerwerk zünden“

SHOW: Jan Ammann bringt mit einem hochkartätigen Ensemble „Die größten Musical-Hits aller Zeiten“ nach Mannheim

Jan Ammann ist das, was man einen musikalischen Überzeugungstäter nennen würde. Denn obwohl der 1,93 Meter große Gentleman aus Billerbeck mit seinen 43 Jahren unter den jungen Wilden des Musical-Betriebs oft schon als Vaterfigur gesehen wird: Tausende Stunden auf den Bühnen der Welt haben aus dem Routinier einen Sänger von Erfahrung und Überzeugung gleichermaßen geformt. Man spürt es selbst am Telefon: Hier spricht ein Mann, den so schnell nichts ins Wanken bringt – und der vor klaren Worten nicht zurückschreckt.

Zumal wenn die eigene Kunst derart zum Genuss werden darf, wie bald auch in Mannheim. „Die größten Musical-Hits aller Zeiten“ heißt die neue Produktion, die am 10. März im Rosengarten gastiert – und sich dazu anschickt, eine Parade der eigenen Zunft zu werden. Denn das Format unter der Regie von Andreas Luketa will nicht einfach nur ein wildes Potpourri im Gros der zahllosen Musical-Shows bleiben, die landauf, landab seit Dekaden durch die Republik ziehen: Mit beschlagenen Szene-Protagonisten wie Alexander Klaws und Mark Seibert, Roberta Valentini und Sabrina Weckerlin will Ammann „ein Feuerwerk zünden“, das es in sich haben soll. Als gnadenloser König will er sein Publikum als „Ludwig²“ das Fürchten lehren, mit Roberta Valentini dem „Phantom der Oper“ huldigen, um „Die unstillbare Gier“ aus dem „Tanz der Vampire“ herauszukitzeln.

Debüt in „West Side Story“

Dabei begann für Ammann vor 30 Jahren alles viel kleiner. Viel bescheidener. Viel klassischer. Seinen ersten Gesangsunterricht erhält er, da ist Ammann kaum in der Schule – und doch sogleich entflammt: von den stimmlichen Ausdrucksformen, der vokalen Präsenz und der damit verbundenen Macht. Es sind prägende Jahre für Ammann, die aus dem beschaulichen Billerbeck hinaus in eine ebenso unentdeckte wie reizvolle Welt weisen. Seine erste Rolle als Tony in der „West Side Story“ auf der Freilichtbühne in Coesfeld markiert da nur den Weg zur Spitze des künstlerischen Eisbergs. Denn rasch schon sitzt der Bariton vor amerikanischen Koryphäen wie Douglas Yates, Neil Semer oder Norman Shetler und steht kurz vor dem internationalen Durchbruch als junger Opernstar – um sich in letzter Sekunde doch für das Musical zu entscheiden.

All die Meisterkurse in New York, Wien und München – scheinbar verlorene Zeit. So sehen es jedenfalls seine Mentoren. Für Ammann dagegen ist es der konsequente Weg aus einem Kosmos, der ihm mehr und mehr die kreative Luft abschnürte. Was der Sänger durchaus an prominenten Beispielen zu belegen weiß: „Die Fähigkeiten von Opernstars wie Jonas Kaufmann sind so speziell, dass er sich auf gleichem Niveau mit gar nichts anderem befassen kann – im Musical brauchst du aber genau diese Breite, und die habe ich lieben gelernt.“ Was der erfahrene Profi keineswegs despektierlich verstanden wissen will: „Ich besinne mich auf meine klassische Technik und bin stolz darauf, gesund zu singen“, wie der 43-Jährige betont – und weiß, wovon er spricht.

Denn so sehr er die schauspielerischen Freiheiten im Musical genießt, die ihm auf der Opernbühne so fehlten, so rasch sieht er die Karrieren zahlreicher Kollegen im Rausch des Beifalls zerbrechen. Ammann selbst wanderte gleich einige Jahre auf dem schmalen Grat zwischen gesundem Selbstbewusstsein und fataler Grandiosität.

Insgesamt sechs Jahre gibt er in der Stuttgarter Stage Entertainment-Produktion von „Tanz der Vampire“ den Grafen von Krolock, in gleich zwei großen Musicals verkörpert er den großen König Ludwig und als ausverkaufte Ränge bei den Festspielen in Bad Hersfeld Ammann 2008 in der Hauptrolle von „Jekyll & Hyde“ sehen, wählen ihn tausende von Gästen zum besten Darsteller der Spielzeit.

„Der Zuspruch, den du in diesem Metier bekommst, ist psychologisch immer schwer zu verkraften“, wie Ammann kritisch anmerkt – und dabei vor allem auf die Konkurrenz zu sprechen kommt, die jung aufstrebend und mit hohen Zielen antrete, in ihren Erfolgsabsichten aber auch vor sich selbst geschützt werden müsse, um in der Branche zu überleben. Besonders intensiv, so fasst es Ammann in Worte, werde es immer dann, wenn die Musical-Maschinerie mit wöchentlich bis zu acht Vorstellungen auf Vollbetrieb laufe: „Wenn es Freitag ist und du weißt, dass du die Hälfte der Vorstellungen für diese Woche noch vor dir hast, gehst du ans Limit.“

Es ist ein Limit körperlicher Natur, das Ammann nach Jahren im Geschäft zunehmend auch an den eigenen Knochen spürt. Als Silberrückengorilla Kerchak eilt er in „Tarzan“ über zwei Jahre hinweg in archaischer Manier täglich über die Bühne, springt, singt, tanzt, verausgabt sich bis aufs Letzte. Und sieht neben dem eigenen Schweiß der Erschöpfung bei Kollegen auch Tränen fließen. Tränen der Überforderung.

Doch da ist auch noch das andere Limit, das für Ammann vielfach schwerer wiegt. Das mentale Limit. Die Einsamkeit nach den bejubelten Vorstellungen. Der zermürbende Behauptungskampf in immer wiederkehrenden Castings. Aber auch die Monotonie der zugewiesenen Rollen – samt aller dazugehöriger Klischees.

Die Show bleibt der Star

Denn auch, wenn Ammann mit Spitzenbesetzungen wie dem Ludwig oder dem vielbejubelten Maxim de Winter aus „Rebecca“ auf höchstem Niveau klagt: Die Jahre ungebrochen hoher Erwartung bei minimalen persönlichen Gestaltungsspielräumen beginnen selbst am beschlagenen Profi zu nagen: „Schwierig wird die Leidenschaft fürs Musical immer dann, wenn sie die persönliche Dimension erreicht, denn als Individuum musst du immer austauschbar bleiben, damit die Show der Star ist.“

Und so wird auch Ammann austauschbar. Auf der Bühne. In Vorsprechen. Für künftige Anfragen. Doch als Mensch akzeptiert er diese zerstörerischen Kräfte keineswegs. Denn bei aller Passion, die er für die Bühne hegt: Die Regeln seines Lebens will er sich nicht allein von den Granden seiner Branche und deren Entscheidungen ins Heft diktieren lassen. Stattdessen schafft er seine Zukunft progressiv schlichtweg selbst.

Gemeinsam mit den langjährigen Kollegen Mark Seibert, Christian Alexander Müller und Patrick Stanke gründet er die „Musical Tenors“, präsentiert mit „Lampenfieber“ eine erste CD zwischen Pop und Chanson – und beginnt die ersten Ergebnisse seines fotografischen Hobbys in Ausstellungen zu präsentieren. Manche würden es Emanzipation nennen, für Ammann ist es abermals dieser konsequente Weg aus der Bedrängnis in die Freiheit des eigenen Handelns. Des eigenen Fühlens. Der eigenen Wahrnehmung.

Denn der Sieger in diesem Kapitel heißt: Jan Ammann. Frei von allen Zwängen. Frei, sein eigenes Schicksal zu wählen. Und das gelingt. Als Schirmherr begleitet er den Verein „Neue Wege“, um der „angstgesteuerten, tief verunsicherten Jugend“, die auf kriminelle Pfade abgerutscht ist, eine Plattform zu bieten.

Als Kinderbotschafter

Seit Jahren unterstützt Ammann das humanitäre Kinderhilfsprojekt „World Vision“, dessen Einsatz in Asien, Lateinamerika und Afrika und übernimmt als Kinderbotschafter gleich für mehrere junge Menschen in Not Verantwortung. Welche Etappe aus seinem Leben man sich auch aussieht: Immer wirkt es, als habe er die eigenen Möglichkeiten präzise analysiert und das Beste aus ihnen herausgeholt, um seine Kräfte dorthin zu verteilen, wo sie am meisten gebraucht werden.

Das Dasein als Musical-Darsteller ist für den Mimen so noch immer gelebte Berufung – doch heute scheint es, als diktiere ein unabhängig gewordener Protagonist einem harten Wettbewerb seine ganz eigenen Regeln. Mit Qualität, Stimme und Persönlichkeit. Ammann – ein Sänger, der mit seinen Rollen spielt.

Vielleicht ist es genau diese über die Jahre gewonnene und achtsam perfektionierte Souveränität, mit der Ammann fast schon enthusiastisch auf die kommende Tournee vorausblickt. Einerseits, weil weder im Rosengarten noch sonst auf der Tournee ein allzu künstlicher Klang aus der Konserve das Publikum unterhalten soll. Unter der musikalischen Leitung von Mario Stork hat ein Instrumentalteam sowohl zu Stücken von Wolfgang Petry als auch zu denen aus dem „Dschungelbuch“ eigens für diese Tour neue Arrangements komponiert, die einen Abend sichtlich tragen sollen. Zum anderen wird auch optisch auf jede falsche Dekoration verzichtet, so dass „Die größten Musical-Hits aller Zeiten“ keine leere Floskel, sondern ein stimmkräftig erfülltes Versprechen werden sollen.

Es ist ein Konzept, das Ammann, aber auch vielen tausend Zuschauern genau aus diesem Grund gefallen dürfte. Weil sie sich auf das fokussiert, was ein Musical ausmachen sollte. Ammann nennt dieses besondere Etwas „bewegende Inspiration“, für das Publikum ist es das emotionale Zusammenspiel aus darstellerischem Potenzial und sängerischer Wucht. Einer Kraft, die sich in den humorvollen Duetten aus Disney’s „Frozen“ ebenso widerspiegeln soll wie im tiefen Ernst aus dem düsteren Musical „Ghost“.

„Erfahrene Rampensäue“

Das Vertrauen unter Kollegen und das tiefe, liebevolle Verhältnis zur eigenen Sache – daran lässt Ammann keine Zweifel – spielt für den Erfolg dabei eine entscheidende Rolle. Weil sich in Mannheim Sänger auf Augenhöhe begegnen, die ihr eigenes Tun auch mit einem emanzipierten Augenzwinkern betrachten können, am Ende aber mit darstellerischer Verve zu überzeugen verstehen.

Denn wenn Ammann im Duett mit Roberta Valentini, die im Mannheimer Capitol just als „Evita“ über die Bretter wandelte, die ganz großen Gefühle auf das Parkett zaubert, weiß er, dass sie beide die gleiche Sprache sprechen. „Wir sind alles erfahrene Rampensäue“, wie es der Star lachend zusammenfasst, „und genau das macht den Unterschied.“