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Zeitlose Tiefgründigkeit

Klassik: Die Deutsche Staatsphilharmonie widmet sich jetzt wieder den Modernen Zeiten

Metropolregion.Manches wird man Intendant Michael Kaufmann und Dirigent Karl-Heinz Steffens nach ihrem letzten Jahr bei der Deutschen Staatsphilharmonie vielleicht vorwerfen können. Nicht aber Mutlosigkeit. Denn mit "Modern Times" ist es den "Philosophen Klassischer Musik" nicht nur gelungen, den transepochalen Versuch einer musikalischen Moderne salonfähig zu machen: Sie haben es höchst beherzt getan - und liefern zur letzten gemeinsamen Auflage eine Art fünfsätziges Finale furioso, das von sich reden machen wird.

Modern Times 1. Standesgemäß, aber doch keineswegs konventionell beginnt das Festival am 15. September um 19.30 Uhr mit einem englischen Programm zwischen Britten und Vaughan Williams im Pfalzbau, den der ebenso junge wie hochdekorierte Taiwanese Ray Chen zu einer Art "London am Rhein" verwandeln soll.

Modern Times 2. Etwas (be)sinnlicher wird es dagegen am 22. September (20 Uhr) in der Weinheimer Peterskirche und am 24. September (19.30 Uhr) in der Friedenskirche Ludwigshafen, wenn Tenor Ian Bostridge jeweils mit Henry Purcells "Evening Hymn" ein Glanzstück traditioneller Nationalpoesie zum Klingen bringt, das ein kleines Ensemble mit Schönbergs 1. Kammersinfonie melodisch rahmt.

Modern Times 3. Seinen rechten Mut beweist das Festival am 23. September (19.30 Uhr) im Mannheimer Capitol, wo Igor Strawinskys postmoderne "Pulcinella"-Suite auf die progressiven Jazz-Anleihen in Erwin Schulhoffs "Hot Sonate" trifft, um in der "Geschichte vom Soldaten" zu gipfeln, wie sie Schauspielerin Cornelia Froboess vielstimmig zum Besten geben wird.

Modern Times 4. Doch vorbei ist die Reise hier noch lange nicht, sie wendet sich am 29. September (19.30 Uhr) in der Heidelberger Stadthalle nur nach innen. Denn was bei Strawinsky noch erkennbar militärische Macht ist, wird bei Bernd Alois Zimmermann und "Nobody knows the trouble I see" zur Episode inneren Aufruhrs, der Star-Trompeter Reinhold Friedrich gerecht zu werden hat. Wer den andachtsvollen Spirituals, die die Mannheimer Sängerin Janice Dixon zum Besten geben wird, innig folgt, wird dann auch die seelische Kraft haben, Luciano Berios expressiver Sinfonia für acht Singstimmen und Orchester zu folgen, für die die Staatsphilharmonie die Experten der Schola Heidelberg einlud. Einem Paradeklangkörper wie den New Yorker Phiharmonikern zum 125. Jubiläum auf den Leib komponiert, fordert dieses intertextuelle Meisterwerk früher Postmoderne zwischen Mahler und Beckett hier nicht nur Gesang, sondern zwischen Schrei und Geflüster bis an die Grenzen des Hörbaren ab, um Existenzielles zu schaffen, das bleibt.

Modern Times 5. Konsequent zu Ende gedacht, könnte man so auch den Schlussakt am 1. Oktober (19.30 Uhr) im Musensaal des Mannheimer Rosengartens begreifen, der zwischen HK Grubers mächtigem "Dancing in the Dark" und Alexander Skrjabins "Poème de l'Extase" den Anspruch einer zeitlosen Tiefgründigkeit erhebt, die bei aller Dissonanz fesselt, statt nur zu verstören. So verspricht "Modern Times" gerade in diesem Jahr ein geradezu beispielhaftes Plädoyer mutiger Progressivität zu werden. mer