Vermischtes

Wissenschaft Nur drei Menschen weltweit haben seltenen genetischen Stoffwechseldefekt / Münsteraner Forscher wollen Gegenmittel entwickeln

20-Jähriger immun gegen Gift Rizin

Münster.Ein paar Milligramm Rizin – mehr braucht es nicht, um den stärksten Sportler zu töten. Jakob (Name geändert) würde eine Attacke überstehen. Aufgrund eines genetischen Stoffwechsel-Defekts ist der 20-Jährige dagegen immun. „Für die Forschung ist Jakob ein Glücksgriff“, sagt Professor Thorsten Marquardt, der am Uniklinikum Münster den Bereich Angeborene Stoffwechselerkrankungen leitet. Auch dank ihm versteht man den Aufnahmemechanismus des Gifts besser. Marquardt zufolge könne man so Gegengifte entwickeln.

Rizin gilt als eines der tödlichsten Gifte der Welt, ist im Kriegswaffenkontrollgesetz gelistet und ist ein Protein aus den Samen des Wunderbaums. „Symptome sind etwa Erbrechen, Durchfall, Kreislauf- und Nierenversagen“, erläutert der Toxikologe Markus Christmann von der Universitätsmedizin Mainz. Rizin blockiert ein Enzym im Körper. Bislang gibt es kein Gegengift.

Jakob kam mit 770 Gramm zu früh auf die Welt. „Mit ihm war immer was“, erinnert sich seine Mutter. Kurz nach der Geburt musste der Junge bereits mehrfach operiert werden. „Wir konnten uns nicht erklären, warum er immer wieder Fieber hat“, erinnert sich Marquardt. Ein junger Arzt sei auf die Spur gekommen. „Er biss sich daran fest, dass Jakob viel zu viele weiße Blutkörperchen hat“, erzählt Marquardt.

Körperliche Beeinträchtigung

Über Umwege kam der Arzt darauf, dass Jakob aufgrund eines genetischen Defekts keine Fucose produzieren kann – ein Zucker, den jeder Mensch im Körper hat. „Es gibt nur zwei weitere Menschen auf der Welt, von denen dieser Defekt bekannt ist“, sagt Marquardt. Heute führen sie ihm Fucose künstlich zu.

Wissenschaftler der Universität Wien hatten den Verdacht, dass durch zwei Gene des Menschen Rizin tödlich wirkt, eines ist bei Jakob defekt. Sie forderten eine Hautprobe von Jakob an. Der 20-Jährige ist durch seine Krankheit schwer beeinträchtigt. Als die Ärzte herausfanden, woran Jakob leidet, war seine Entwicklung bereits irreparabel beeinträchtigt. Seine Mutter sieht seine Immunität nüchtern. „Ich habe nichts davon“, sagt sie. „Ich freue mich, dass er noch lebt.“ dpa