Vermischtes

Nostalgie Zum Jubiläum des mechanischen Rondells haben Schausteller nur wenig Grund zum Feiern

400 Jahre Karussell und kein Volksfest in Sicht

Köln/Burgthann.Kinderaugen leuchten, Haare fliegen im Wind, dazu ein bisschen Dideldum-Musik – seit 400 Jahren drehen Karussells ihre Runden. Mögen auf den großen Volksfesten heutzutage zwar rasante Super-Bahnen als Attraktionen gelten – das klassische Karussell darf auch dort nicht fehlen und zieht vor allem kleine Kinder magisch an.

„Die Schausteller haben die technischen Möglichkeiten immer sofort aufgegriffen“, sagt Susanne Köpp-Fredebeul, die ein Buch über die Geschichte der Karussells geschrieben hat. Auch die Sitzgelegenheiten änderten sich je nach Trend: Waren erst mal lange Zeit Pferdchen angesagt, kamen später Autos, Lokomotiven oder Comicfiguren dazu. Das weltweit älteste erhaltene feststehende Karussell aus dem Jahr 1780 steht im Staatspark Hanau-Wilhelmsbad und wurde nach einer aufwendigen Restaurierung 2016 wieder in Betrieb genommen.

Auf den heutigen Kirmesplätzen fällt das gemütliche Kinderkarussell zwischen all den rasanten Fahrgeschäften fast aus dem Rahmen. Gänzlich unbeeindruckt vom „Höher und Schneller“ rundherum dreht es sich weiter treu und beständig im Kreis – und findet noch immer seine Fans.

Doch in diesem Jahr ist alles anders. Wegen der Corona-Krise gibt es keine Kirmes, Karussells stehen genauso still wie Achterbahnen oder Autoscooter. Volksfeste sind bis mindestens 31. August verboten. Das Münchner Oktoberfest ist abgesagt. Auch andere Jahrmärkte, die für den Herbst geplant waren, sind vorsorglich schon mal abgeblasen worden. Eine Katastrophe für die Schausteller.

Hoffen auf staatliche Hilfe

Johannes Braun steht auf seinem Hof in Burgthann bei Nürnberg und glättet mit Schleifpapier vorsichtig ein paar Kratzer an einem kleinen weißen Pferd. Später will er es noch mit Klarlack bearbeiten, damit es wieder im vollen Glanz seine Runden auf dem Kinderkarussell drehen kann. „Wir nutzen jetzt die Zeit, um solche Kleinigkeiten zu machen“, sagt Braun und seufzt. Wäre nicht die Corona-Pandemie, wäre er jetzt ganz woanders, ständig unterwegs von einem Volksfest zum anderen.

„Heute würde ich den Autoscooter wieder aufbauen“, sagt Braun und blickt wehmütig auf die ganzen Fahrzeuge, die unbenutzt herumstehen: Der Autoscooter, das Karussell, zwei Spielbuden, ein Süßwarenstand, mehrere Lastwagen und der 16 Meter lange Wohnwagen, in dem die Familie während der Monate auf Achse lebt. „Das ist das erste Mal in meinen 39 Jahren, dass ich hier sitze. Das ist schwer“, sagt Braun, der den Familienbetrieb in siebter Generation mit seiner Mutter führt.

„Ohne staatliche Hilfe werden einige unserer gut 5000 Betriebe diese Krise nicht überleben“, meint der Präsident des Deutschen Schaustellerbunds (DSB), Albert Ritter. Ihre letzten Einnahmen hatten die Schausteller bei den Weihnachtsmärkten. In der folgenden Winterpause haben viele kräftig investiert, um ihre Fahrgeschäfte wieder fit für den Frühling zu machen. Die Rücklagen sind aufgebraucht. Um Ostern herum geht normalerweise die Saison wieder los.

Der DSB fordert neben Nothilfen nun einen Rettungsschirm für die Branche. „Kredite helfen uns nicht weiter“, sagt Ritter. Denn die müssen irgendwann zurückgezahlt werden. Doch der verloren gegangene Umsatz sei nicht nachholbar. „Wir sind auch systemrelevant“, meint der DSB-Präsident. „Spaß und Freude sind für die Menschen wichtig.“ Schausteller zu sein, das sei für ihn mehr als nur ein Beruf, sagt Johannes Braun. „Die Begegnung mit den Menschen, die Kinderaugen leuchten zu sehen“ – all das fehle ihm. Er hat Nothilfe beantragt und die Hälfte inzwischen ausgezahlt bekommen. Doch mit der gesamten Summe könne er sich nicht einmal einen Monat über Wasser halten, sagt er. dpa

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