Vermischtes

Monarchie Erstmals gibt japanischer Kaiser Amt zu Lebzeiten ab / Ansprache vor 155 000 Zuschauern

Akihito hält letzte Neujahrsrede

Archivartikel

Tokio.Japans Kaiser Akihito hat vor rund 155 000 Menschen zum letzten Mal in seiner Rolle als Monarch Neujahrsgrüße an sein Volk gerichtet. „Ich hoffe, dieses Jahr wird ein gutes Jahr für so viele Menschen wie möglich“, sprach der 85 Jahre alte Monarch vom Balkon seines Palastes im Herzen Tokios herab. Noch nie in seiner 30-jährigen Amtszeit waren zu seinem traditionellen Neujahrsauftritt so viele Menschen zum Palast geströmt. Am 30. April wird er abdanken. Akihito ist der erste Kaiser der ältesten Erbmonarchie der Welt seit rund 200 Jahren, der zu Lebzeiten den Thron für seinen Nachfolger freimacht. Am 1. Mai wird sein ältester Sohn, Kronprinz Naruhito (58), den Chrysanthementhron besteigen.

Bewegend wie noch nie

Zusammen mit seiner Frau Michiko, ihrem Sohn Naruhito und anderen Mitgliedern seiner Familie zeigte sich Akihito am Neujahrstag sechs Mal auf dem verglasten Balkon seines Chowa-Den-Palastes. Er bete zu Beginn des Jahres für Frieden und Glück für sein Land und für die Menschen in aller Welt, sagte Akihito vor einem Meer aus kleinen Nationalfähnchen. Viele Japaner in der Menge ließen ihren Kaiser mit „Banzai“-Rufen hoch leben. Der japanische Hochruf soll Glück für zehntausend Jahre bringen. Andere riefen laut „Danke, Ihre Majestät“.

Der Andrang war so groß, dass das Haushofamt entschied, den Monarchen und seine Familie nicht wie in den vergangenen Jahren üblich fünf Mal über den Tag verteilt auf dem Balkon auftreten zu lassen, sondern sechs Mal. Nach Schätzungen des Haushofamtes strömten 154 800 Menschen bei strahlendem Sonnenschein seit den frühen Morgenstunden zum Palast.

Dem normalen Volk bieten sich lediglich zwei Gelegenheiten im Jahr, dem Palast so nahe zu kommen, um den Kaiser zu sehen: zu Neujahr am 2. Januar und zu Akihitos Geburtstag am 23. Dezember.

Ein 76 Jahre alter Japaner erzählte Reportern, er komme seit Jahrzehnten schon zu Neujahr, um den Monarchen zu grüßen – doch noch nie sei es so bewegend gewesen wie in diesem Jahr. Dass Japan heute in Frieden existiere, sei den Bemühungen des Monarchen zu verdanken.

Kaiser Akihito, dessen Regentschaft den Namen Heisei („Frieden schaffen“) trägt, ist der erste Monarch, der sein Amt nicht mehr als Gott antrat. Sein 1989 gestorbener Vater Kaiser Hirohito, der posthum Showa-Tenno genannt wird, hatte am 1. Januar 1946 in seiner sogenannten Menschlichkeitserklärung der Göttlichkeit des Kaisers entsagt. In seinem Namen war Japan in den Zweiten Weltkrieg gezogen.

Verfechter des Friedens

Laut der Nachkriegsverfassung muss sich Akihito zwar auf die Rolle als Symbol der Einheit der Nation beschränken. Regierungsbefugnisse sind dem Kaiser genommen. Dennoch verstand er es, sich als überzeugter Verfechter der pazifistischen Nachkriegsverfassung zu beweisen – indem er indirekt Kritik an denen übte, die versuchen, Japans Kriegsvergangenheit zu rechtfertigen. Dazu zählen Kritiker der Regierung des rechtskonservativen Ministerpräsidenten Shinzo Abe.

„Es ist wichtig, dass wir die zahllosen Menschenleben nicht vergessen, die im Zweiten Weltkrieg verloren gingen, und dass Frieden und Wohlstand des Nachkriegsjapans auf den vielfachen Entbehrungen und unermüdlichen Anstrengungen des japanischen Volkes aufbauten“, sagte Kaiser Akihito kürzlich

Im Sommer vergangenen Jahres hatte der Monarch in einer seltenen Video-Botschaft zu erkennen gegeben, angesichts seiner nachlassenden Kräfte abdanken zu wollen. Das Parlament erlaubte ihm dies später per Sondergesetz.

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