Vermischtes

Geschichte US-Soldat findet Instrument im Zweiten Weltkrieg – Enkel übergibt es an deutsche Familie

Akkordeon kehrt nach 70 Jahren zurück

Schleiden.Christel Nierhoff weiß auch nicht so recht, was sie sagen soll. Vor ihr liegt ein Akkordeon, das eine lange Reise hinter sich hat. In den 1940ern ist es in sieben Tagen über den Ozean gereist, mehr als 70 Jahre später in einem Flugzeug zurückgekehrt. Neben dem Akkordeon steht ein hochdekorierter Nato-General, der ihr dieses Instrument unbedingt vorbeibringen wollte. Christel Nierhoff, 87 Jahre alt, streicht mit ihren Händen über das Akkordeon. Dann findet sie ein Wort für all das: „Wahnsinn.“

Es ist Donnerstagmorgen, ein verregneter Novembertag im Rathaus im Eifel-Städtchen Schleiden, als eine Geschichte, die im Zweiten Weltkrieg ihren Anfang nahm, zu einem vorläufigen Ende gebracht wird. Der Bürgermeister hat in den „Pauluskeller“ geladen, auf dem Tisch stehen eine deutsche und eine US-amerikanische Flagge. Es ist die Geschichte von zwei Familien, eine Geschichte der Kriegswirren und eine Geschichte über die deutsch-amerikanische Freundschaft, die im Kleinen noch funktioniert. Es ist die Geschichte eines Akkordeons.

Einschussloch im Koffer zu sehen

Um sie zu verstehen, muss man beim US-amerikanischen General Scott A. Kindsvater anfangen, der im vollen Ornat und mit seinem Cousin Alan Kindsvater angereist ist. Der Großvater der beiden kämpfte im Zweiten Weltkrieg (1939 bis 1945) für die US-Amerikaner an der Westfront. Nach einem Gefecht entdeckte er bei einem toten deutschen Soldaten ein Akkordeon – und nahm es mit. Es war klein genug für seine Ausrüstung.

Viel gesprochen habe der Großvater nie über den Krieg, sagt Alan Kindsvater, das sei so gewesen in seiner Generation. Aber an Weihnachten, da habe der Opa das Instrument immer rausgeholt und angefangen zu erzählen. Er war verwundet worden. Im Akkordeon-Koffer sieht man tatsächlich ein Einschussloch. Die Quetschkommode – so die Legende – habe ihm das Leben gerettet. 2011 schließlich erbt General Scott A. Kindsvater, aktuell in Brüssel stationiert, das Akkordeon. Und eine Sache ließ ihn nicht mehr los – die noch leserliche Inschrift „M. Kupp, Schleiden/Eifel, Blumenthalerstr. 3“.

„Ich war noch relativ frisch im Amt, als mir jemand mit einer Nato-Adresse eine E-Mail schrieb. Ich dachte mir: Du meine Güte, was will denn die Nato von einem kleinen Dörfchen wie Schleiden?“, sagt Bürgermeister Ingo Pfennings (CDU). Es wurde um Amtshilfe gebeten: Ob man herausfinden könne, wer „M. Kupp“ ist oder war. Pfennings schmiss sofort seine Maschinerie an, was in seinem Fall vier Frauen im Archiv, Standes- und Ordnungsamt waren. Sie beugten sich über die Kupps der Stadt, landeten aber keinen Treffer. In seiner Not besann sich Pfennings auf die Vorzüge eines Ortes dieser Größe: Jeder kennt irgendwie jeden. Und der örtliche CDU-Fraktionsvorsitzende hieß – man ahnt es – Kupp. Jochen Kupp.

Um es abzukürzen: Jochen Kupp kannte Stefan Kupp, der wiederum ist der Bruder von Joachim Kupp. Und der erinnerte sich an eine Tante, die zeitlebens über den Verlust ihres kleinen Akkordeons geklagt hatte: Mia Kupp. Sie stammte aus einer Familie mit zehn Kindern – was nebenbei die große Verbreitung des Kupp-Clans erklärt –, war aber im Jahr 2011 gestorben. Eine Schwester lebte noch: Christel Nierhoff.

Zeitlebens über Verlust geklagt

Wie das Instrument von ihrer Schwester an die Front gelangte, das kann sich auch Nierhoff nicht erklären. Mia habe es einer Freundin verliehen, ab da verlor sich die Spur. Nun soll es einen Ehrenplatz bekommen. „Ich hätte nie gedacht, dass das noch mal auftaucht.“

Und die Kindsvaters? Der General trägt sich in das Goldene Buch der Stadt ein. Und schließt damit ein Kapitel der eigenen Familiengeschichte erstmal ab. Am Abend werde auf den Opa angestoßen, sagt Cousin Alan. Deutsch spreche man – trotz deutscher Vorfahren – zwar nicht. Aber ein Wort sei immerhin bekannt: „Prost!“ dpa

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