Vermischtes

Verkehr Zahlreiche Unfälle mit Leihfahrzeugen / Nutzung teilweise vorläufig ausgesetzt

„Anarchie“: E-Roller auf Pariser Straßen

Paris.Einer kommt wie ein geölter Blitz um die Kurve gedüst, die Vorfahrt missachtend und ohne Helm auf dem Kopf. Ein anderer fährt in entgegengesetzter Richtung auf dem ohnehin schmalen Radweg und drängt die Entgegenkommenden eng an den Rand. Und vor allem Jugendliche flitzen gerne zu zweit auf einem E-Roller durch Paris.

Seit mehr als einem Jahr überfluten diese die Stadt. Auf fast 15 000 schätzt das Rathaus die Zahl der Miet-Fahrzeuge, die ein Dutzend Anbieter verteilt haben; mehr und mehr Nutzer kaufen sich auch ihren eigenen elektrisch angetriebenen Flitzer. Bis Jahresende könnten es insgesamt 40 000 sein.

Allgegenwärtig sind sie längst in vielen französischen Städten – und ihre chaotische Anwendung hat immer wieder dramatische Folgen. Am vergangenen Freitag starb ein Mann, der nachts mit einem E-Roller auf einer Autobahn unterwegs war, als ein Motorradfahrer ihn umfuhr. Im Juni kam ein 25-Jähriger beim Zusammenstoß mit einem Lieferwagen ums Leben; im April überlebte ein Senior, der im Pariser Vorort Levallois-Perret einen Zebrastreifen überquerte, einen Unfall mit einem E-Roller nicht.

Acht Städte in der Hauptstadtregion setzten deren erlaubte Nutzung nun vorläufig aus, bis im September ein nationales Gesetz dazu in Kraft tritt. Unter anderem sieht es eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf 25 Kilometer pro Stunde vor, verbietet das Fahren auf Gehwegen und das regelwidrige Parken. Einem Zusammenschluss von betroffenen Opfern, den Verkehrsministerin Elisabeth Borne am Montag empfing, gehen diese Maßnahmen nicht weit genug. Sie verlangen, die Betreiber dazu zu verpflichten, eine Datenbank über Kunden zu führen, um diese identifizierbar zu machen.

2500 Parkplätze bereitgestellt

Außerdem müssten die Roller versichert werden, fordert unter anderem Jean-René Albertin, dessen Frau im Frühjahr in einem Park umgefahren wurde. Sie verletzte sich dabei so stark am Arm, dass sie bis nächstes Jahr ihren Beruf als Pianistin an der Pariser Oper aussetzen muss. „Es ist nicht hinnehmbar, dass bei Unfällen die Fahrer der E-Scooter fliehen, ohne Namen und Adresse zu hinterlassen“, sagt Albertin. Der Verein erwägt eine Klage gegen die Stadt Paris, die nicht ausreichend dafür sorge, dass die Straßenverkehrsordnung respektiert werde.

Bürgermeisterin Anne Hidalgo hat selbst bereits im Juni die „Anarchie“ auf den Straßen und Gehwegen der Hauptstadt beklagt und mehrere Regeln verkündet. Demnach wird die Nutzung der E-Roller auf Bürgersteigen mit einer Buße von 135 Euro und das regelwidrige Abstellen mit 35 Euro bestraft. Bis Jahresende stellt das Rathaus 2500 Parkplätze speziell für E-Roller bereit. Mittels einer Ausschreibung soll die Zahl der Firmen für deren Verleih mittelfristig auf zwei oder drei begrenzt werden.

Der schnelle Erfolg der Gefährte erfordere in der Tat eine Reglementierung, räumte Arthur Louis-Jaquet ein, Generaldirektor von Lime, einem der größten Betreiber von Miet-E-Rollern. „In kaum mehr als einem Jahr haben wir zwölf Millionen Nutzer allein in Paris bekommen, und sie wurden zu einem Massen-Transportmittel.“ Man müsse eine Organisation finden, damit sich die Roller weder mit langsameren Fußgängern ins Gehege kommen noch mit schnelleren 30-Tonnen-Bussen.

Irgendwann sollen sie dann ihren Platz zwischen allen anderen Verkehrsteilnehmern gefunden haben. So weit ist es aber längst noch nicht.

Zum Thema