Vermischtes

Paris Immobilienmarkt extrem angespannt / Wucherpreise für wenige Quadratmeter

Auf allen vieren durch die eigene Wohnung

Paris.„Es tut mir leid, Ihnen meine Wohnbedingungen zu zeigen.“ Anstatt anderen die Verantwortung für seine missliche Lage zu geben, entschuldigt sich José Lopez bei den Vertretern der französischen Stiftung Abbé Pierre, die ihn zuhause besuchen. Einen Hocker hat er hier, ein Tischchen, ein kleines Küchenmöbelstück mit Spüle. An den niedrigen Wänden stehen Bücher ordentlich aufgereiht, in einer Ecke hängen Jacken auf Kleiderbügeln. Jeder kostbare Zentimeter wird ausgenutzt.

Undichte Fensterklappe

So haust der Rentner auf ein paar Quadratmetern unter dem Dach eines Gebäudes im 14. Arrondissement (Bezirk) von Paris. Gerade einmal 0,9 Quadratmeter befinden sich oberhalb der Grenze von 1,8 Metern, unter der Wohnraum in Frankreich nicht als solcher gilt. Dafür bezahlte er in den vergangenen 23 Jahren eine Monatsmiete von 450 Euro – insgesamt 124 200 Euro, hat die Stiftung Abbé Pierre ausgerechnet, die José Lopez‘ Situation nun öffentlich machte. Diese ist nach dem früheren Kapuzinerpriester und Gründer der Wohltätigkeitsorganisation Emmaus benannt und kämpft gegen die Wohnungsnot in Frankreich, welche Paris als eine der teuersten Städte Europas besonders betrifft.

Anhand von Lopez‘ Beispiel prangert die Stiftung das Problem der illegalen Mini-Behausungen an. So klein sie auch sind, sie finden doch stets Absatz – zu angespannt ist der Immobilienmarkt in der Metropole. Größere Wohnungen teilen Mietwucherer auf, um maximalen Profit zu erzielen. „In Frankreich hat sich ein verdeckter Markt von Wohnungen in schlechtem Zustand entwickelt. Es fehlt an Sozialwohnungen“, sagt Christophe Robert, Generalbeauftragter der Stiftung Abbé Pierre. Auf 7000 schätzt diese die Zahl der Mikro-Unterkünfte in Paris.

Legal sind sie nicht: Eine „angemessene“ Wohnung hat laut französischem Recht eine Fläche von mindestens neun Quadratmetern mit einer Decke von wenigstens 2,20 Metern. Doch gerade Studenten, Rentner, Arbeitslose und Geringverdiener finden oft keine reguläre und bezahlbare Wohnung in Paris, wo der Quadratmeterpreis für Miete im Schnitt bei rund 35 Euro liegt, jeweils abhängig vom Stadtviertel. Viele akzeptieren lieber ein winziges Zimmerchen, als in einen abgelegenen, aber günstigeren Vorort zu ziehen. Der gebürtige Peruaner José Lopez, der bis zu seiner Rente als Bibliothekar arbeitete, leidet zudem an einer undichten Fensterklappe: „Wenn es zu regnen anfängt, lege ich den Spalt mit Tüchern aus, aber bei einem großen Gewitter ist der Boden überflutet.“ Nachdem er mehrmals die nass gewordene Matratze wechseln musste, schlief er einfach auf dem Boden in einem Schlafsack und auf Kissen: „Wie beim Campen.“ Eine Toilette befindet sich auf dem Gang, die er sich mit den anderen Bewohnern auf seiner Etage teilte; duschen konnte er früher an seinem Arbeitsplatz, später im öffentlichen Schwimmbad.

Würdiges Zuhause im Alter

Zuletzt habe er es nicht mehr ausgehalten, „auf allen vieren zu kriechen wie ein Hund, um meine Sachen zu finden oder die Mäuse zu jagen“. So wandte er sich an die Stiftung Abbé Pierre, die die Wohnung der Stadt Paris meldete. Eine Zivilklage wurde eingeleitet. Die Stadt könne etwas tun, verspricht der Zuständige für Wohnraum beim Rathaus, der Kommunist Ian Brossart: „Wir mobilisieren uns gemeinsam mit dem Staat, damit die Betroffenen eine Wohnung finden und erlauben uns, diese Gebäude und Wohnungen zu enteignen, um sie in Sozialwohnungen umzuwandeln.“ José Lopez zieht nun um. Zumindest er bekommt im Alter doch noch ein würdiges Zuhause.