Vermischtes

Kino Christoph Zeller spielte den Kai im bekannten DDR-Kinderfilm / Heute arbeitet er als Architekt in Mexiko-Stadt und Berlin

„Aus der Kiste“ in die weite Welt

Berlin/Mexiko-Stadt.Als Kind denkt Christoph Zeller, dass er nie nach England kommen wird. In das Land, aus dem seine Urgroßeltern stammten. „In der DDR war man eher realistisch, man träumte nicht.“ Dazu passt, dass „Kai aus der Kiste“ im DDR-Film von 1988 nicht vom armen Hinterhof-Jungen zum Aufsteiger wird – anders als im Kinderbuch, das als Vorlage diente. „Vom Tellerwäscher zum Millionär – das passte nicht ins System“, sagt Zeller. Stattdessen wurde Kai betrogen: vom reichen Amerikaner, für dessen Kaugummimarke er eifrig Werbung gemacht hatte.

Was Christoph Zeller und „Kai aus der Kiste“ gemeinsam haben? Zeller, der in den 80er Jahren in Potsdam zur Schule geht, spielt als Zwölfjähriger jenen „Kai aus der Kiste“. Einen pfiffigen Berliner Jungen, Anführer einer Bande, der sich in einer Kiste ins Hotel schmuggeln lässt und den amerikanischen Geschäftsmann dazu überredet, ihm eine Chance zu geben.

Schauspieler ist Christoph bis dato nicht. Aber er entdeckt einen Aufruf zum Vorsprechen in der Schule – und geht hin. Auf eigene Faust, nicht etwa, weil überambitionierte Eltern es so wollen. „Die haben mich dezent unterstützt, aber sicher nicht angetrieben“, erzählt der 44-Jährige. Er schafft es von Runde zu Runde, zu Probeaufnahmen mit anfangs einigen Hundert Kindern. Am Ende ist er einer von drei Kandidaten für die Hauptrolle.

Aus Christoph wird also Kai, das Leben für einige Wochen ein aufregendes Filmset. Manchmal kommt ein Taxi zur Schule, holt ihn ab: Dann steht Drehen auf dem Stundenplan statt Mathe und Deutsch wie bei den Mitschülern. „Ich war Feuer und Flamme und habe es doch alles ganz locker genommen“, erinnert sich Zeller. „Ehrlich gesagt habe ich den Text oft erst im Taxi zum Drehort gelernt.“ Er improvisierte lieber, reagierte spontan. „Als Kind spielt man sich ja eher selbst.“

Backpfeife von der „Mutter“

Nur einmal ist er dann doch nicht entspannt genug – als die Film-Mutter ihm eine Backpfeife gibt. Da trickst der Regisseur ihn aus, sagt: Wir drehen den Streit noch einmal – aber diesmal ohne die Backpfeife. „Die hab ich natürlich trotzdem gekriegt“, erzählt Zeller und lacht. Immerhin ist die Szene jetzt im Kasten.

Es ist eine spannende Zeit: die bekannten Schauspieler um ihn herum, die heruntergekommenen Berliner Hinterhöfe. Ein Nachtdreh in der Kanalisation – inklusive „kleinem Stunt“. Christoph schiebt den Gullideckel beiseite, streckt den Kopf raus und duckt sich sofort wieder weg, weil ein Auto kommt.

Als der Film erscheint, findet der Junge sich plötzlich überall wieder: auf Plakaten, auf dem Titel der Programmzeitschrift, im Fernsehinterview. „Das war komisch. Aber schön komisch“, erinnert er sich. Kinder erkennen ihn auf der Straße. In der Schule spricht er lieber nur dann über seine „Filmkarriere“, wenn er danach gefragt wird. „Ich wollte das nicht raushängen lassen.“ Aber bald schon ist das Thema für ihn ohnehin erledigt. „Mit 13, 14 findest du es nicht mehr so cool, wenn Elfjährige dich auf der Straße ansprechen.“

Das umgeschriebene Ende stört Christoph Zeller nicht: Kai und seine Schwester sitzen auf der Treppe, sie sind zwar enttäuscht, aber sie geben nicht auf. „Das gefällt mir eigentlich ganz gut, es bringt eine ernstere Ebene in den Film. Da können Gespräche anknüpfen.“ Denn seiner Meinung nach unterschätzen Erwachsene Kinder allzu oft.

Christoph Zellers Schauspielkarriere ist eher kurz. Er spielt zwar noch Theater und tritt in wenigen Kurzfilmen auf. Aber zunächst entscheidet er sich für ein Studium der Kulturwissenschaften. „Ich habe allerdings schnell gemerkt, dass ich nicht die Arbeit anderer auswerten, sondern selbst kreativ sein will.“

Er schaut sich weiter um. An der Hochschule der Künste ist gerade Architektur ausgeschrieben. Zeller bewirbt sich und wird angenommen. Ein Zufall – aber ein goldrichtiger: „Ich habe es seit dem ersten Tag geliebt – und nie bereut.“ Heute betreibt er gemeinsam mit seiner Frau Ingrid Moye, die aus Mexiko stammt, ein Architektur-Büro in Mexiko-Stadt und ein zweites, kleineres in Berlin: Zeller & Moye, Sie entwerfen Wohnhäuser und Bürokomplexe, Hotels und Geschäfte. Gerade arbeiten sie unter anderem an einem Projekt im Nordirak, einer Gedenkstätte für Menschen, die Ende der 80er Jahre Giftgasattacken gegen Kurden zum Opfer gefallen sind, und einem Ort der Begegnung für die Überlebenden.

Beruflich an vielen Orten

Christoph Zeller ist noch jung, als sich alles ändert. Kann die Welt plötzlich doch sehen. Natürlich reist er auch nach England, in das Land seiner Urgroßeltern. Er lebt dort und arbeitet für das Schweizer Architekturbüro Herzog & de Meuron: unter anderem als Projektleiter für einen Erweiterungsbau der Kunstgalerie Tate Modern in London. „Ich lebe auf zwei Kontinenten. Ich arbeite international. Ich bin viel unterwegs – und fühle mich überall angekommen“, sagt Christoph Zeller. „Für diejenigen, die es immer konnten, ist diese Freiheit, herumzukommen, vielleicht gar nicht so wichtig. Für mich ist sie das schon.“

Zum Thema