Vermischtes

Corona Leibwache der Queen bekommt nach monatelanger Schließung des Towers die Auswirkungen der Pandemie zu spüren

„Beefeaters“ mit Job-Sorgen

Archivartikel

London.Es gehört zu den Privilegien der „Beefeaters“ im Tower of London, dass sie sich – gesetzt den Fall, sie können ein „lobenswertes Benehmen“ vorweisen – keine Sorgen um ihren Job machen müssen. Das war seit ihrer Einsetzung unter König Heinrich VII. im Jahr 1485 so. Und die Position im erlauchten Kreis der 37 schien auch mehr als 500 Jahre später unter Königin Elizabeth II. sicher. Wandelnde Symbole britischer Geschichte feuert man nicht einfach wie einen arbeitsscheuen Mitarbeiter. Nun aber ist Corona. Und der Tower in größerer Bedrängnis als zu Zeiten von angriffslustigen Feindestruppen aus aller Welt.

Weil die Festung im Herzen Londons fast vier Monate lang Lockdown-bedingt schließen musste, drohen den Yeoman Warders, so ihr offizieller Name, betriebsbedingte Kündigungen. „Uns bricht es das Herz“, sagte John Barnes, Geschäftsführer der gemeinnützigen Organisation Historic Royal Palaces, die den Tower verwaltet. Doch es bleibe ihnen schlichtweg keine andere Wahl als Lohnkosten zu senken, um langfristig zu überleben. Die Einnahmen speisen sich zu 80 Prozent aus Ticketverkäufen, die aufgrund der Pandemie komplett ausfielen. Seit kurzem dürfen zwar wieder 1000 Besucher pro Tag auf das Gelände. Doch das genügt nicht, um die Finanzen stabil zu halten.

Gewöhnlich besichtigen täglich 12 000 Menschen den Tower, dessen Bau von Wilhelm dem Eroberer im Jahr 1078 in Auftrag gegeben wurde und der lange als Gefängnis und Hinrichtungsstätte diente. Anne Boleyn und Katherine Howard, zwei der sechs Ehefrauen von König Heinrich VIII. und des Ehebruchs bezichtigt, verloren hier im 16. Jahrhundert ihren Kopf. Gattin Nummer zwei, Boleyn, soll am Tag ihrer Hinrichtung erleichtert bemerkt haben, dass sie mit einem schmalen Hals gesegnet sei und dazu das Glück habe, durch das scharfe, schnelle Schwert zu sterben. Die Königin bestach trotz ihres bevorstehenden Todes mit Humor, womöglich Galgenhumor.

Staffage und Fotomotiv

Es sind diese Geschichten, die die Beefeaters sonst den Touristen erzählen. Irgendwo verortet zwischen Tradition und Folklore dienen die Yeoman Warders, die zeremonielle Leibwache der Queen, vor allem als Führer, Staffage und Fotomotiv. In ihren blauroten Uniformröcken mit der Krone auf der Brust bewachen sie die fast tausend Jahre alte Festung und alles, was innerhalb ihrer dicken Mauern liegt.

Vorneweg die Kronjuwelen, die hinter Panzerglas Prunk, Pracht und Pomp der Royals versinnbildlichen. Selten nur trägt Königin Elizabeth II. die kostbaren Stücke. Besucher finden an diesen Tagen ein Schild in der Vitrine vor mit dem Hinweis „In Gebrauch“. Das britische Understatement dringt bis in die Schatzkammer des Landes vor. Gleichwohl, so betonen die Yeoman Warders gern, schützen sie auch die Würde des Palasts, dieses „gelebten Museums“.

Die Beefeaters wohnen mit ihren Familien auf dem Tower-Gelände, eine kleine Dorfgemeinde mit Arzt und Vikar, in gewisser Weise eingemauert inmitten der Millionen-Metropole. Es gibt sogar einen Pub im privaten Tower-Bereich, in dem die Yeoman Warders die Pints eines eigens für sie gebrauten Biers zum Feierabend genießen können. Für die Aufnahme müssen sich die Männer und Frauen durch 22 Jahre Zugehörigkeit in der Armee Ihrer Majestät qualifizieren, obendrein tadelloses Betragen nachweisen.

Dieses Kriterium wurde notwendig, nachdem über die Jahrhunderte Sitten verfielen, zu viel gesoffen und gestritten wurde. Erst Arthur Wellesley, Duke of Wellington, sorgte 1826 wieder für Zucht und Ordnung, indem er „lobenswertes Benehmen“ als eine Voraussetzung für das Amt festsetzte. In Corona-Zeiten aber garantiert auch das leider keine Jobsicherheit mehr.

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