Vermischtes

Modellprojekt Autos sind auf einem 500-Meter-Abschnitt bis Ende Januar tabu / Flaniermeile soll Geschäfte ankurbeln / IHK kritisiert „unvernünftige Planung“

Berliner Friedrichstraße wird zum Experiment

Archivartikel

Berlin.Grüne Allee statt grauer Betonschick, Fahrräder statt Blechlawine: Die Friedrichstraße, eine der bekanntesten Straßen in Berlins Mitte, wird zum Experimentierfeld. Auf einem 500 Meter langen Abschnitt zwischen Französischer und Leipziger Straße, an dem auch das Luxus-Kaufhaus Galeries Lafayette liegt, sind Autos für fünf Monate bis Ende Januar tabu. Stattdessen sollen Menschen auf einer neugestalteten Flaniermeile erleben können, wie sich Großstadt ohne Verkehrslärm und Benzingeruch anfühlt.

Das in Berlin einzigartige Modellprojekt, das am heutigen Samstag startet, könnte zum Vorbild werden für andere Stadtteile oder Kommunen. Es könnte ein Baustein sein für eine ökologische Verkehrswende, die der rot-rot-grüne Senat seit einigen Jahren propagiert. Kernpunkte dabei: weniger Platz für Autos, mehr Platz und damit mehr Sicherheit für Radfahrer und Fußgänger, ein besserer ÖPNV, sauberere Luft und mehr Lebensqualität.

Und die Hauptstadt steht mit dem Bemühen, den öffentlichen Raum ein stückweit neu aufzuteilen, nicht allein. Hamburgs Prachtboulevard an der Binnenalster etwa, der Jungfernstieg, soll zum Weihnachtsgeschäft weitgehend autofrei und ab 2021 komplett umgebaut werden. Und in München wird über eine autofreie Altstadt diskutiert. Im Fall der Berliner Friedrichstraße kommt ein weiterer Aspekt dazu. Seit geraumer Zeit läuft es nicht mehr so wie früher, etliche Geschäfte haben geschlossen, Räume stehen leer, Händler beklagen Umsatzrückgänge. Die Corona-Krise hat den Trend verschärft.

Der Bürgermeister des Stadtbezirks Mitte, Stephan von Dassel, glaubt, dass der Modellversuch neue Impulse setzen kann, wenn sich Anrainer kreativ einbringen. „So kann eine Attraktivität entstehen, die die Friedrichstraße wieder zu einer Top-Adresse macht“, meint der Grüne.

Belieferung über Nebenstraßen

65 Bäume sollen der Friedrichstraße „Alleecharakter“ verleihen, Sitzgelegenheiten mit Open-Air-Gastronomie zum Verweilen einladen. Veranstaltungen und Designmärkte sind auch geplant. Radfahrer bekommen eine vier Meter breite Durchfahrt, für Fußgänger soll genügend Platz zum Flanieren sein. Die Belieferung der Geschäfte soll über Nebenstraßen abgewickelt werden.

Für Kritiker klingt das wenig überzeugend. Der Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK) Berlin, Jan Eder, spricht von einem Schnellschuss ohne vernünftige Planung und ohne Beteiligung der Akteure vor Ort. „Leidtragende sind Händler und Gewerbetreibende.“ So sieht das auch der Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes Berlin-Brandenburg, Niels Busch-Petersen. Er bezweifelt, dass ein Radschnellweg auf der Friedrichstraße gemütliches Bummeln ermöglicht.

Der Verkehrsclub Deutschland sieht das anders. „Es wäre wünschenswert, wenn durch diesen Modellversuch Ängste vor wirtschaftlichen Nachteilen von autofreien Straßen und Zonen etwas abgebaut würden“, sagt Sprecherin Anne Fröhlich. dpa

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