Vermischtes

Umwelt Wildtiere wissen sich zu helfen, wenn sie krank sind – sie nutzen die Natur als Apotheke

Biber knabbern Rinde gegen Entzündungen

Archivartikel

Frankfurt.Der Biber liebt Mädesüß und die Rinde der Weiden. Die Wildstaude und der Weichholzbaum säumen Flüsse und Bäche, in denen die Tiere unterwegs sind. Beide Pflanzen enthalten Salicylsäure. „Sie wird im Biberfettgewebe anreichert und wirkt antientzündlich“, weiß Jenifer Calvi, Pressereferentin der Deutschen Wildtier Stiftung. Mädesüß und Weidenrinde war zu alten Zeiten auch bei Kräuterheilern und -heilerinnen beliebt, wenn es galt, Fieber zu senken oder Schmerzen zu dämpfen. Heute wird Acetylsalicylsäure synthetisch hergestellt und ist der Wirkstoff in Aspirin.

Dass es so etwas wie eine Selbstmedikation von Tieren gibt, zeigen viele Beispiele. Sie ist Gegenstand einer jungen Wissenschaft mit dem griechischen Namen Zoopharmakognosie. Das heißt so viel wie: Einsicht der Tiere in die Anwendung von Heilmitteln.

Beifuß gegen Wurmbefall

Der Begriff stammt vom Pflanzenbiochemiker John P. Berry, seinem Doktorvater Eloy Rodriguez und dem Anthropologen Richard W. Wrangham, die in den 90er Jahren Primaten in Uganda beobachteten. Schimpansen saugen gegen Wurmbefall das bittere Mark der Pflanze Vernonia amygdalina aus, das antibakteriell und antiparasitär wirkt – das hat vor 30 Jahren ein weiterer Pionier der Zoopharmakognosie herausgefunden, Michael Huffmann von der Uni Kyoto. Und die französische Tierärztin Sabrina Krief vom staatlichen Naturkundemuseum in Paris entdeckte im Kigale Nationalpark von Uganda, dass Schimpansen Blätter des Mahagoni-Gewächses Trichilia rubescens vermischt mit Erde fressen, was den Erreger der Malaria abtötet.

Moritz Franz-Gerstein, Tierarzt bei der Deutschen Wildtier Stiftung, kennt auch Beispiele unter heimischen Wildtieren: „Rehe fressen bei starkem Wurmbefall vermehrt Beifuß.“ Es regt die Verdauung an, enthält aber Inhaltsstoffe, die in größeren Mengen für den Menschen giftig sind. Auch mit dem noch giftigeren Rainfarn, als Spritzmittel gegen Läuse beliebt, werden Wiederkäuer ihre Würmer los. „Rainfarn ist auch bei Menschen als Wurmmittel bekannt, heißt regional Wurmkraut“, so Franz-Gerstein.

Vögel wissen sich ebenfalls zu helfen: Birkhühner, Rebhühner und Auerhühner nehmen Steinchen auf, um damit unverdauliche Teile ihrer Nahrung im Magen zu zermahlen. Leider erwischen sie dabei auch manchmal Schrotkügelchen. Wenn diese aus Blei sind, sterben die Hühnervögel. Papageien im Amazonasgebiet fressen Tonerde, um giftige Alkaloide zu binden.

Wissen wird weitergegeben

Mehr als 200 Vogelarten nutzen Ameisensäure, um sich vor Läusen zu schützen: Eichelhäher „baden“ in Ameisenhaufen, Elstern und Stare reiben sich Ameisen ins Gefieder. Gegen Parasiten hilft auch die Wilde Möhre: Der Europäische Star polstert mit Möhrenkraut seine Nester aus. „Das darin enthaltene Beta-Sitosterol vergrämt Milben, das ist wissenschaftlich belegt“, sagt Calvi.

Der Feldhase nutze gar eine ganze „Hasenapotheke“, mit Löwenzahn (Vitamin C), Fenchel (Eisen), Schafgarbe (Zink) und Barbarakraut (Folsäure), das die Häsin dabei unterstützt, häufig trächtig zu werden. „Zunächst läuft es über Versuch und Irrtum. Jungtiere übernehmen Wissen dann über soziales Lernen“, erklärt Konstantin Börner vom Leibniz Institut für Zoo- und Wildtierforschung Berlin. „Versuche an Hausschweinen legen aber den Verdacht nahe, dass ein angeborenes Wissen über bestimmte Heilpflanzen existiert.“

Ein anderer Versuch habe gezeigt, „dass Schafe gelernt hatten, einen Zusammenhang zwischen tanninhaltiger Nahrung und ihrem entwurmenden Effekt herzustellen“, so Börner. „Dies verdeutlicht, dass Tiere neben angeborenen Kenntnissen auch Techniken zur Selbstmedikation erlernen und gegebenenfalls auch weitergeben können.“ epd

Zum Thema