Vermischtes

Artenschutz Immer mehr junge Menschen in Städten werden Imker / Insektenfreundliche Pflanzen verstärkt nachgefragt

Bienen im Höhenflug

Archivartikel

Berlin.Die Biene befindet sich auf einem Höhenflug. Als Botschafterin für mehr Artenvielfalt hat sie gerade bayerischen Umweltschützern zum Erfolg verholfen. Gartenbesitzer greifen häufiger zu bienenfreundlichen Blühpflanzen. Und bundesweit wächst die Zahl der Imker.

„Es gibt eine lange Kulturgeschichte im Zusammenleben von Menschen und Bienen, weil Imkerei schon eine sehr alte Praxis ist“, sagt Soziologe Stephan Lorenz von der Uni Jena, der zu dem Thema forscht. Da die staatenbildenden Bienen wie Menschen soziale Wesen seien, eigneten sie sich gut für verschiedene Deutungen. „Die Menschen finden sich sozusagen in dem sozialen Leben der Bienen wieder.“ Im Lauf der Zeit wandeln sich zwar die Deutungen, können aber immer wieder aktualisiert werden: „Das ist eine gute Grundlage dafür, populär zu sein.“

Honigsammler als Trendtier

So schwirrt die Biene derzeit durch die Presse. In den sozialen Medien führen diverse Hashtags zu ihr, Initiativen fördern das Imkern in der Stadt, der Roman „Die Geschichte der Bienen“ von Maja Lunde avancierte zum Bestseller, und in mancher Wohnung werden Bienen zur Deko – passend zum Trend, sich die Natur in die vier Wände zu holen.

Seien es Grünpflanzen oder ein Geschirrtuch mit Bienenaufdruck: „Es ist auch ein Ausdruck dessen, dass wir erkennen: Natur ist wichtig für mich“, meint Erdmann Kilian, der Sprecher der Konsumgütermesse Ambiente in Frankfurt. Die Biene eignet sich aus seiner Sicht durchaus zu einer Art Trendtier: „Sie ist ein schönes, ikonographisches Tier, das wir aus der Kindheit – siehe Biene Maja – oder morgens in Form eines Honigbrotes auf dem Frühstückstisch wiedererkennen.“

Auch die Gärtner bemerken eine wachsende Nachfrage nach bienenfreundlichen Angeboten. „Die Menschen sind bei dem Thema sehr aufmerksam“, sagt Olaf Beier, Vorstandsmitglied im Bundesverband der Einzelhandelsgärtner. Er geht davon aus, dass die Nachfrage weiter steigen wird. Den Bienen-Boom bestätigen auch Imker: Noch vor zehn Jahren hatte der Deutsche Imkerbund (DIB) nur etwa 80 000 Mitglieder. Seitdem steigt die Zahl – insbesondere der Imkerinnen – an. 2018 gab es einen Zuwachs von 5,4 Prozent auf über 120 000 Mitglieder. Der Trend zur Bienenhaltung in den Städten lockt gerade junge Leute, die der Imkerei ein hippes Image verleihen. Diese Entwicklung tut auch den Bienenvölkern gut: Der DIB schätzt ihre Zahl bundesweit auf rund 900 000 – 2008 waren es 694 000.

Die Imker sehen, neben Werbe- und Nachwuchskampagnen, mehrere Gründe dafür: Meldungen über das Bienensterben bewegten die Menschen, selbst aktiv zu werden, sagt DIB-Sprecherin Petra Friedrich. Zudem sei das Interesse an der Natur gestiegen. Eine Umfrage unter Neu-Imkern zu deren Motiven ergab demnach: „Fast immer ist der Grund, dass sie etwas für die Natur und die Bestäubung tun möchten.“

Wilde Arten gefährdet

Was Experten schon länger wissen, rückt mehr und mehr ins Bewusstsein der Öffentlichkeit: Die Zahl der Insekten schrumpft dramatisch. Bei den Bienen sind weniger die als Nutztiere gehaltenen Honigbienen betroffen als ihre wilden Verwandten: Rund die Hälfte der Wildbienen-Arten gelten als gefährdet.

Das ist nicht nur fatal für die Artenvielfalt, sondern eine Bedrohung für uns Menschen: Für den Anbau vieler Obst- oder Gemüsearten sind wir auf die Bestäubungsleistung von Insekten angewiesen. Was passiert, wenn diese fehlt, zeigt sich in manchen Regionen Chinas: Dortwerden Obstbäume von Hand bestäuben.

Die Nachrichten über das Bienen- und Insektensterben sieht Soziologe Lorenz auch als einen Auslöser für den Trend, sich verstärkt den Bienen zuzuwenden: „Das Schicksal der Menschheit wird an das Schicksal der Bienen geknüpft.“ Und das mobilisiert die Menschen, wie das Beispiel Bayern zeigt: Unter dem Motto „Rettet die Bienen“ beteiligten sich vor kurzem 18,4 Prozent der Wahlberechtigten an einem Volksbegehren zum Schutz der Artenvielfalt – ein Rekord.