Vermischtes

Brauchtum Jedes Jahr im Herbst treiben Prominente und Ehrenbürger Schafe über London Bridge

Blöken für die Tradition

Archivartikel

London.Sie kommen mit ihrem Blöken kaum gegen den Stadtlärm an. Knapp 30 Schafe drängen sich über die London Bridge, nur durch einen Zaun getrennt vom Verkehrstreiben aus roten Doppeldeckerbussen und schwarzen Taxis. Die Hochhäuser des Finanzdistrikts funkeln in der Morgensonne, während Hirten die Tiere über die Themse von einer Seite auf die nächste treiben.

Es ist ein bizarres Schauspiel, aber Tradition – was sonst im geschichtsverliebten Königreich? Die Männer und Frauen in ihren Umhängen und Uniformen sowie schweren Ketten mit Wappenzeichen um den Hals dürfen sich „Freemen of the City of London“ nennen. Ihr Recht, Schafe über die Brücke zu führen, reicht ins 12. Jahrhundert zurück, als der Handel noch von den alten Zünften reguliert wurde und die Mitgliedschaft in einer der Gilden unverzichtbar war.

„Wolle bedeutete Reichtum“

Die City, das heutige Finanzzentrum Europas, stellte schon im Mittelalter das Herz des Handels in der Metropole dar. Und um ihre Tiere auf die Viehmärkte treiben zu können, ohne den Brückenzoll bezahlen zu müssen, konnten Gewerbetreibende ab 1237 das Zertifikat erstehen. Ursprünglich wurde mit dem ,,Freedom of the City“ ein Bürger von der Leibeigenschaft eines Feudalherrn freigesprochen, deshalb der Titel.

,,Wolle bedeutete damals Reichtum“, sagt Andrew Dawson über die Bedeutung des Industriezweigs. Der Brite stellt sich als Meister der Wollzunft vor und gehört zu den mittlerweile rund 17 000 ,,Freien Männern der Stadt London“. Das berechtigt ihn nicht nur zum Schafstreiben, sondern auch zum Tragen eines Schwerts in der Öffentlichkeit. Ein Überbleibsel, über das die Ehrenbürger heute schmunzeln.

Außerdem gehört, zumindest in der Theorie, zu den historischen Privilegien, dass die Träger des Titels nicht ins Gefängnis geworfen, sondern nach Hause gebracht werden, wenn man sie sturzbetrunken auffindet. Ein Recht für die Geschichtsbücher: Wurde ein Freeman zum Tode durch Erhängen verurteilt, nutzte man einen Strick aus Seide anstatt aus Hanf. Dawson lacht. ,,Es ist ein nettes Detail, oder?“ Der sogenannte Sheep Drive, also das Schafs-treiben, das einmal im Jahr stattfindet, soll an die wichtige Handelsgeschichte der Hauptstadt erinnern.

,,Wolle mag durch Aktien und Wertpapiere ersetzt worden sein, aber London ist noch immer das Handelszentrum der Welt“, sagt Dawson. Heute geht es vor allem darum, Spendengelder für Wohltätigkeitsorganisationen einzusammeln. Etwa 40 000 Pfund, umgerechnet rund 45 000 Euro, kamen 2017 durch das Tierspektakel zusammen.

Darüber hinaus, so erklärt es Andrew Dawson, „wollten wir den Brauch und die Tradition wiederbeleben“. Immerhin gibt es bis heute 110 Gilden in der Metropole. Es mache Freude, die Schafe vor hunderten Schaulustigen über die Brücke zu treiben und auf diese Weise „den Handel zu feiern“.

Wer heute ein Freeman werden will – die Ehrenauszeichnung können Männer und Frauen bekommen – muss nominiert und von einer der Zünfte akzeptiert werden. Zumeist handelt es sich um Prominente oder Bürger, die sich um die Stadt verdient gemacht haben. Die Schafe derweil kamen gestern aus der Grafschaft Berkshire und durften nach dem Stadtausflug am Abend wieder zurück in die ländliche Idylle.