Vermischtes

Architektur Im Innenhof der Nationalbibliothek wächst ein wilder Garten

Der verborgene Wald mitten in Paris

Paris.Cicero hätte hier sein Glück gefunden. „Wenn du einen Garten und eine Bibliothek hast, wird es dir an nichts fehlen“, schrieb der römische Konsul in einem seiner Briefe an seinen Freund Varro. Mehr als 2000 Jahre später haben die Besucher der französischen Nationalbibliothek François Mitterrand, kurz BNF, beides: Millionen Bücher um sie herum – und einen üppigen Garten vor ihren Augen. Betreten können sie ihn nicht. Meterhohe Glasscheiben eröffnen ihnen aber von allen Lesesälen aus einen Blick auf den dschungelhaften Wald von mehr als einem Hektar Größe im Herzen der Bibliothek im Südosten von Paris.

Zutrittsverbot als Schutz

„Es ist natürlich frustrierend, diese Pracht zu sehen und sie nicht betreten zu dürfen“, sagt Marie James, die Bibliotheksführungen anbietet, schmunzelnd. Das Zutrittsverbot diene dem Schutz des Ökosystems, zudem will man verhindern, dass Besucher an ihren Schuhen oder der Kleidung Pollen an den Ort tragen, in dem wertvolle, alte Bücher lagern. Nur an einem Wochenende im Juni, dieses Jahr am 7. und 8., darf die Öffentlichkeit den Rundweg um die Waldfläche betreten. „Im letzten Jahr kamen rund 1000 Leute, das Interesse ist riesig“, sagt James.

Die Idee vom Garten als zentralem, meditativen Ruhepol wie in einem Kloster, mit seinen vier turmhohen Eckpfeilern, stammt vom Architekten Dominique Perrault. Auch dank ihr stach der damals 36-Jährige bei der internationalen Ausschreibung mit 230 Bewerbern heraus, die 1989 unter Präsident François Mitterrand lanciert wurde. Perrault spielte auch mit Wandmalereien auf Bäume an. Sie sind in einem prächtigen Saal in einem älteren Standort der Nationalbibliothek im Zentrum von Paris zu sehen.

Die dortigen Bedingungen der Konservierung galten allerdings als unzureichend, auch wurden die Räumlichkeiten allmählich zu eng. Denn einem Gesetz aus der Zeit von König Franz I. gemäß muss der Staat von jedem in Frankreich gedruckten Buch ein Exemplar besitzen: Inzwischen sind es 40 Millionen Bücher auf vier Gebäude verteilt, davon die Hälfte in der BNF mit vier Büchertürmen und den Regalen mit einer Gesamtlänge von 400 Kilometern. Um also vor allem die Bibliothek in der Rue Richelieu zu entlasten, kündigte Präsident Mitterrand kurz nach seiner Wiederwahl in der Fernsehansprache am Nationalfeiertag, dem 14. Juli 1988, den Bau „einer der größten und modernsten Bibliotheken der Welt“ am Ufer der Seine an.

Es sollte das letzte Architekturprojekt unter dem sozialistischen Staatschef werden, einem Liebhaber von Kunst und Literatur, auf den unter anderem die Bastille-Oper und die Glaspyramide am Louvre zurückgehen. Da seine Krebserkrankung bekannt war, wurden die Arbeiten des Gebäudes aus Metall, Beton und Glas beschleunigt, damit er am 30. März 1995 „seine“ Bibliothek einweihen konnte. Nach Mitterrand benannt wurde sie aber erst nach seinem Tod 1996 und unter seinem Nachfolger Jacques Chirac.

Da man von Beginn an ausgewachsene Bäume sehen und nicht warten wollte, bis die neu gepflanzten wuchsen, wurden 126 Kiefern aus der Normandie umgesiedelt. „Sie sind schmal und haben wenig Blätterwerk, um nicht zu viel Schatten zu werfen“, sagt James. Inzwischen sind auch die gepflanzten Bäume groß; zwischen Weißbuchen und Birken ranken sich Farn und Buschwerk, Lebensraum für Vögel, Insekten und Schmetterlinge.

Oase im städtischen Trubel

Völlig sich selbst wird die Natur allerdings nicht überlassen: Weil im Sommer, wenn die Sonne auf die Glaswände brennt, große Hitze herrscht, sind Wassersprenger aufgestellt. Damit Efeu und Brombeer-Gestrüpp nicht Überhand nehmen, dürfen in diesem Jahr zum zweiten Mal in Folge Ziegen im Wald weiden. Und als zu viele Tauben kamen, siedelte man ein Sperber-Pärchen an, das das Problem regelte und inzwischen Nachwuchs bekommen hat.

Die einzigen, die regelmäßigen Zugang zum Wald haben, sind zwei Gärtner. Nach einem großen Sturm, der viele Bäume umriss, befestigten sie diese mit Kabeln. Auch räumen sie regelmäßig die Pizzakartons und Getränkedosen weg, die vom Vorplatz nach unten geworfen werden von Unbedachten, die nichts zu wissen scheinen von dieser Oase mitten im lauten Paris.