Vermischtes

Gesellschaft Stimmung im Land laut Studie der R+V-Versicherung gut / Top-Ängste kreisen um Zuwanderung und Extremismus

Deutsche fürchten sich weniger

Archivartikel

Berlin/Heidelberg.Die Bundesbürger geben sich optimistischer und weniger von Ängsten geplagt als in den vergangenen Jahren. Das ist ein Hauptergebnis der Studie „Die Ängste der Deutschen“, die am Donnerstag in Berlin vorgestellt wurde. Seit 1992 gibt die R+V-Versicherung diese repräsentative Umfrage in Auftrag. Doch auch wenn die Stimmung so gut ist wie seit 25 Jahren nicht mehr, ist die Welt nicht in Ordnung. Die Top-Ängste kreisen weiterhin um Zuwanderung, Extremismus, überforderte Politiker sowie ganz neu: bezahlbares Wohnen.

Die Versicherung hat zwischen Mitte Mai und Ende Juli rund 2400 Menschen ab 14 Jahre in persönlichen Interviews repräsentativ befragen lassen. Für verschiedene Bereiche konnten sie auf einer Skala von eins bis sieben angeben, wie sehr ihnen ein Thema Sorgen bereitet. Im Langzeitvergleich sorgten sich auf dem „Angst-Index“ 39 Prozent der Befragten stark. Das ist der niedrigste Wert seit 1994. Vor drei Jahren waren es noch 52 Prozent.

Tiefer Riss zwischen Ost und West

Was macht am meisten Angst? „Politische Sorgen verdrängen seit vier Jahren fast alle anderen Ängste“, analysierte Politikwissenschaftler Manfred Schmidt von der Universität Heidelberg. Auch wenn das Ausmaß der Furcht vor Zuwanderung und einer gefährlicheren Welt durch US-Präsident Donald Trump vermutlich durch Gewöhnungseffekte gesunken sei, bleibe der Kernbestand der Top-Ängste spürbar hoch.

So fürchtete mehr als jeder zweite Befragte, dass der Staat mit vielen Flüchtlingen überfordert ist und es mehr soziale Spannungen durch diesen Zuzug gibt. „Das spiegelt die Sorge über die Distanz von Werten wider, gepaart mit der Angst vor mehr Kriminalität“, sagte Schmidt. Dass Trump so sorgenvoll betrachtet werde, überrascht ihn nicht. Mit seiner Amerika-first-Strategie attackiere der Präsident nicht nur Feinde, sondern auch Verbündete.

Bemerkenswert ist der tiefe Riss, der sich wieder zwischen Ost und West auftut. Nach Jahren der Annäherung geht die Schere beim Angstindex 2019 wieder um rund zehn Prozentpunkte auseinander. Während der Westen zusehends gelassener wird, dominieren in Ostdeutschland die Furcht vor Zuwanderung, wenig Vertrauen in Politik und Angst vor steigenden Kosten im Alltag.

Thema Wohnen im Mittelfeld

Schmidt wundert das nicht. „Jede Wahl im Osten ist wie ein Donnerschlag in Sachen Unzufriedenheit“, sagt er. „Und doch führen die etablierten Parteien fort, was sich als unzulänglich erwiesen hat.“ So retuschierten sie das Thema Zuwanderung weg und grenzten Rechtspopulisten aus, statt sie in Verantwortung einzubinden. Nur dann könne sich nach Schmidts Meinung zeigen, wer Problemlösungskraft besitze.

Die Ängste vor Extremismus und Terrorismus lagen mit den Plätzen fünf und neun weiter unter den Top-Sorgen. Dass die Furcht im Vergleich zu den Vorjahren sank, liege vermutlich daran, dass es nach 2016 in Berlin keinen großen Anschlag in Deutschland mehr gab.

Interessant lese sich in Sachen Extremismus das Spektrum: Die größten Ängste herrschten vor islamistischen Extremismus (38 Prozent), im Mittelfeld fand sich der Rechtsextremismus (25 Prozent) und weit abgeschlagen der Linksextremismus (vier Prozent). Gewalt durch Islamisten hält Schmidt für eine realistische Wahrnehmung. Die Gefahr durch Linksextremisten findet er jedoch deutlich unterschätzt.

Das Thema Wohnen wurde erstmals abgefragt und landete mit Platz sechs auf Anhieb im oberen Mittelfeld der Ängste: 45 Prozent sorgten sich um steigende Mieten und Immobilienpreise. Die Furcht vor dem Klimawandel schaffte es nicht in die zehn Top-Ängste, sondern landete mit 41 Prozent nur auf Platz 12. „Der Medienhype um die Fridays-for-Future-Bewegung kann hier nicht als Maßstab gewertet werden“, so Schmidt. Umweltthemen seien dennoch tief verankert in Deutschland.

Für Schmidt bleibt die Politikverdrossenheit eines der größten Probleme. „Jeder Dritte bewertete die Arbeit von Politikern mit den Schulnoten mangelhaft und ungenügend“, sagte er. „Wenn das die Noten meiner Kinder wären, würde ich mir ernsthafte Sorgen machen“, sagte Brigitte Römstedt, Leiterin der Umfrage bei der Versicherung.

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