Vermischtes

Medizin Krankenkassen legen neue Statistik zu ärztlichen Irrtümern vor

„Die Dunkelziffer bei Fehlern ist hoch“

Berlin.Die Zahl ärztlicher Behandlungsfehler ist nach einer Statistik des Medizinischen Dienstes des Spitzenverbandes der Krankenkassen (MDS) im Jahr 2018 gestiegen. Laut Experten mangelt es an einer nationalen Strategie zur Fehlervermeidung. Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Thema:

Was ist ein Behandlungsfehler?

Ein Behandlungsfehler kann vorliegen, wenn die Behandlung nicht den aktuellen medizinischen Standards entspricht, ein gebotener medizinischer Eingriff unterlassen oder eine unnötige Behandlung durchgeführt wurde. In der MDS-Statistik wird zum Beispiel von einem Patienten mit einer Darmspiegelung berichtet, aus der sich der Verdacht auf einen Tumor ergab. Doch prüfte der Arzt das nicht genauer. Stattdessen wurde dem Patienten ein Teil des Darms entfernt. Bei der anschließenden Gewebeuntersuchung zeigte sich, dass kein Tumor vorlag. Fazit: Die Operation war unnötig. Dem Patienten stand Schadenersatz zu.

Wie viele Fehler wurden festgestellt?

2018 gingen die Gutachter der Krankenkassen auf Initiative der Betroffenen 14 133 Verdachtsfällen nach. In 3497 Fällen wurden Fehler aufgedeckt. Das waren 160 mehr als im Jahr davor. In jedem fünften Fall (2799) wurde festgestellt, dass der Fehler tatsächlich auch die Ursache für einen eingetretenen Schaden war. Das ist entscheidend, denn nur dann bestehen auch Chancen für einen Schadenersatz. Um das herauszufinden, erstellt der Medizinische Dienst ein Gutachten, für das er im Schnitt etwa drei Monate Zeit braucht. Versicherte müssen dafür nichts bezahlen.

Wo liegen die Fehlerschwerpunkte?

Zwei Drittel der Vorwürfe betrafen die stationäre Versorgung. Das verwundert nicht, denn nach einer Operation lässt sich leichter erkennen, ob etwas schief gelaufen ist, als zum Beispiel bei einer Behandlung mit falschen Medikamenten. Die Orthopädie und Unfallchirurgie bildeten daher auch den Schwerpunkt der Beanstandungen. Hier gingen die Gutachter allein 4349 Vorwürfen nach. „Eine Häufung von Vorwürfen sagt aber nichts über die Fehlerquote oder Sicherheit im jeweiligen Fachbereich aus“, hieß es beim MDS. Das zeigt auch der Blick in die Statistik: Im Pflegebereich kam es nur zu knapp 800 Beanstandungen (zum Beispiel wegen Wundliegens), aber immerhin die Hälfte davon war berechtigt. Dagegen erwies sich im Bereich der Orthopädie und Unfallchirurgie nur jeder vierte beanstandete Fall als wirklich fehlerbehaftet.

Sind die Daten repräsentativ?

Nein. „Die Dunkelziffer ist hoch“, meinte MDS-Vize-Geschäftsführer Stefan Gronemeyer. Zum einen werden Behandlungsfehler oft nicht erkannt. Zum anderen können sich Geschädigte auch an die Ärztekammern wenden. Nach ihren kürzlich veröffentlichten Daten wurden im Vorjahr 1499 ärztliche Fehler anerkannt. Zusammen mit der aktuellen Zahl des MDS wären das knapp 5000. Der MDS geht davon aus, dass auf jeden festgestellten Behandlungsfehler etwa 30 unentdeckte kommen. In Deutschland gibt es allerdings etwa 20 Millionen Krankenhausbehandlungen und rund eine Milliarde Praxisbesuche pro Jahr. Das relativiert die Fehlerzahlen.

Was fordern die Krankenkassen?

Gefordert werden eine nationale Liste mit schweren und vermeidbaren Fehlern wie etwa die Verwechslung einer Körperseite und mehr Verantwortliche für Patientensicherheit in allen Gesundheitsbereichen. Für eine „Sicherheitskultur“ im Sinne der Patienten bleibe noch viel zu tun, so MDS-Vize Gronemeyer.