Vermischtes

Raumfahrt Rauch, Probleme mit dem WC – Raumfahrer mussten 2020 erfinderisch sein / Ein Leck stopften sie mit einem Teebeutel

Die große Pannenserie auf der Internationalen Raumstation

Archivartikel

Berlin.Niemand war an den Feiertagen so weit weg von Zuhause wie diese sieben Raumfahrer. Rund 400 Kilometer über der Erde feierten zwei Russen, vier Amerikaner und ein Japaner Weihnachten auf der Internationalen Raumstation (ISS) – mit Truthahn aus der Tüte und kleinen Geschenken ihrer Lieben am Boden, die diese Präsente Monate vorher mit Frachtkapseln nach oben geschickt hatten.

Traditionell hat die Besatzung am ersten Weihnachtstag frei. Nur etwas Sport mussten sie treiben, damit sich Muskeln und Knochen in der Schwerelosigkeit nicht zurückbilden. Die Feiertage im Weltall könnten so schön sein – doch ständige technische Schwierigkeiten haben das Potenzial, selbst hartgesottenen Allfliegern den Schweiß auf die Stirn zu treiben.

Zum bereits 21. Mal verbringen Raumfahrer an Bord der ISS das Jahresende im All. Wie viele Raumfahrer diese einzigartige Erfahrung noch machen, ist ungewiss. Die von 16 Staaten betriebene und aus mehreren Modulen bestehende Raumstation hat ihre besten Tage hinter sich, eine Pannenserie zerrt an den Nerven der Astronauten und des Bodenpersonals.

Im Oktober etwa stieg bei einem Experiment im russischen Teil leichter Rauch aus einem Gerät auf. Daraufhin wurde der Strom abgeschaltet. Auch mit der WC-Anlage – sie saugt Urin und Kot vom Körper weg in ein entsprechendes Aufbewahrungssystem gab es Probleme. Vor allem aber entweicht bereits seit Monaten immer wieder Sauerstoff aus der Station: Kosmonauten kämpfen im russischen Teil der ISS wegen eines Lecks um die Luftversorgung.

Sauerstoff fehlt

„Es ist alles unter Kontrolle“, beruhigte der Chef der russischen Raumfahrtbehörde Roskosmos, Dmitri Rogosin (57), die Öffentlichkeit zwar unlängst. „Es gibt noch Reserven.“ Im Februar fliege zudem ein neuer „Progress“-Raumfrachter mit Sauerstoffvorräten ins All. Die Besatzung sei nicht unmittelbar in Gefahr. Doch aus der Flugleitzentrale heißt es, die Zeit laufe ab, das Problem müsse gelöst werden.

Bereits im Herbst fand die Besatzung in einem Übergangsteil des „Swesda“-Moduls einen Riss. Die Raumfahrer griffen damals zu einem Trick und setzten einen Teebeutel ein, der sich in der Schwerelosigkeit auf die undichte Stelle zubewegte. Schließlich pappten die Kosmonauten Klebeband auf die etwa 4,5 Zentimeter lange Öffnung. Problem gelöst? Von wegen. Später stellte sich heraus, dass weiterhin Luft austrat. Auch ein folgender Außeneinsatz im Weltall im November brachte noch keine Aufklärung über die undichte Stelle.

Wissenschaftler und Tüftler brüten weiter über der Ursache. Womöglich wirken kleine Meteoriten auf die Station ein, vermutet Dmitri Rogosin. Das beschleunige vielleicht die „Ermüdungsprozesse“ des Metalls. Der Raumfahrtveteran Gennadi Padalka meint, die russische Ausrüstung der ISS habe ihre Haltbarkeitsdauer längst überschritten: „Alle Module des russischen Segments sind abgenutzt“, sagt der heute 62-Jährige, der den Rekord für die meisten im All verbrachten Tage hält. Eigentlich sei die Ausrüstung nur für eine Lebensdauer von 15 Jahren konzipiert gewesen. Tatsächlich wurden einige der Module noch zu Sowjetzeiten vor rund 30 Jahren produziert.

Neuer Außenposten geplant

Deshalb wird jetzt über einen neuen Außenposten der Menschheit nachgedacht. Rogosin prophezeit, dass die ISS noch bis 2024 sicher durchhalte. Vielleicht auch bis 2028. Bis dahin sei es zwar möglich, Wunden zu heilen. Es gehe aber dem Ende entgegen.

So wird der Saarländer Matthias Maurer (50) vielleicht der letzte Deutsche sein, der Weihnachten auf der ISS verbringt. Der Esa-Astronaut wird voraussichtlich Ende des kommenden Jahres zum Außenposten der Menschheit fliegen. Ein halbes Jahr lang soll er in dem „Megalabor“ leben, wie das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt jubelt. Im Moment bereitet er sich in den USA auf seine Reise vor. Die Nachrichten von der Pannenserie dürfte er gespannt verfolgen.

Zum Thema