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Gesundheit Jahrestagung Adipositas in Wiesbaden / Arzt fordert mehr Therapie bei extremem Übergewicht von Minderjährigen

„Die Kinder haben keine Schuld“

Wiesbaden.Manche extrem dicken Kinder und Jugendliche haben bereits eine Herzmuskelverdickung oder andere Symptome, wie sie sonst erst im Alter ab 50 Jahren vorkommen. Gerade für diese Altersgruppe gebe es aber Versorgungslücken in der Therapie, warnte Kinderarzt Martin Wabitsch von der Universitätsklinik Ulm. Er ist Präsident der gestern gestarteten Jahrestagung der Deutschen Adipositas Gesellschaft in Wiesbaden. „Sowohl Kniegelenk als auch Hüftgelenk bilden früh Verschleißerscheinungen“, sagte Wabitsch.

Auch Fettleber oder eine Verfettung der Bauchspeicheldrüse „wie bei erwachsenen Patienten im Alter von 50 oder 60 Jahren“ seien bei jungen Patienten anzutreffen. „Die sind früh krank und häufig untertherapiert, denn Kinder- und Jugendärzte setzen zum Beispiel selten Blutdrucksenker ein“, sagte Wabitsch. „Da wird oft über viele Jahre etwas versäumt.“

„Zudem gehen Übergewicht und Adipositas mit einem hohen Leidensdruck einher“, ergänzte Wabitsch. Bereits im Kindesalter würden Menschen mit Übergewicht stigmatisiert. Dabei sei das Körpergewicht in der frühen Kindheit zunächst genetisch bedingt und werde dann etwa vom Angebot an Lebensmitteln beeinflusst.

Nach einer Untersuchung des Robert Koch-Instituts haben rund 26 Prozent der Fünf- bis Siebzehnjährigen in Deutschland Übergewicht, etwa neun Prozent sind von Adipositas und damit von extremem Übergewicht betroffen. Wer bereits im Jugendalter einen Body-Mass-Index von mehr als 30 habe, sei medizinisch nur noch schwer zu erreichen, warnte Wabitsch. „Nur ein kleiner Prozentsatz sucht aktiv nach einer Behandlung.“ Wenn Jugendliche nach Diätprogrammen mit frustrierendem Ausgang zum Ergebnis kämen, „das bringt ja alles nichts“, gingen sie oft gar nicht mehr zum Arzt.

„Gerade diejenigen, die früh im Leben adipös sind, haben später schlechtere Karten“, so Wabitsch. „Unsere Daten zeigen, dass Jugendliche mit Adipositas durch konventionelle Programme nicht abnehmen können.“ Falsch sei es, den Kindern die Schuld an ihrem Zustand zuzuschreiben: „Nicht die Kinder sind schuld, sondern die Biologie und die Lebensbedingungen.“ dpa