Vermischtes

Brauchtum Junge Mexikaner zelebrieren jahrhundertealtes Fruchtbarkeitsritual / Artistik in bis zu 40 Metern Höhe kann tödlich enden

Die Luft-Tänzer von Papantla

Papantla.Heriberto spreizt seine Flügel und legt den Kopf in den Nacken. Ein letzter Blick in Richtung Sonne, und er lässt sich rückwärts über den Holzbalken in fast 20 Metern Höhe fallen – um die Taille nur ein gelbes Seil als Sicherung. Der 29-Jährige aus der mexikanischen Stadt Puebla ist ein Volador, ein fliegender Tänzer. Das präkolumbianische Fruchtbarkeits-Ritual der Totonaken sollte einst eine gute Ernte bescheren und Mutter Natur friedlich stimmen. Bis heute wird in dem lateinamerikanischen Land die Tradition der Voladores von Generation zu Generation weitergegeben.

„Ich bin stolz“

Heriberto ist einer von vier Luft-Tänzern, die in Vogel-Kostümen an dem Pfahl in Papantla im Bundesstaat Veracruz baumeln. Während er kopfüber am Seil hängt, dreht sich die Plattform am Ende des Pfahls, und die Voladores nähern sich kreisend dem Erdboden. Als sein Kopf knapp über dem Gras schwingt, zieht sich der 29-Jährige mit einer schnellen Bewegung nach oben und landet laufend auf dem Boden. Schwarze Leder-Stiefeletten mit Absatz geben den Fliegern die nötige Bodenhaftung.

„Ich bin stolz, ein Repräsentant dieser Tradition zu sein“, sagt er nach seinem Luft-Tanz. Bereits mit fünf Jahren hat er Unterricht als Volador genommen. Fast seine ganze Familie ist in Voladores-Gruppen aktiv. „Unsere Kostüme sind den ursprünglichen Verkleidungen nachempfunden“, erklärt er. Die Tänzer sollen Adler, Eulen oder den in Lateinamerika verbreiteten Quetzal-Vogel darstellen.

Nach der spanischen Eroberung Mexikos wurde zudem eine Voladores-Tracht bestehend aus einer roten Hose, einem weißen Hemd und einer Kopfbedeckung mit bunten Bändern eingeführt, wie ein Lehrer der Voladores-Schule im Takilhsukut-Park erklärt. Die im Wind flatternden Bänder sollten beim Luft-Tanz an die Vögel erinnern. Im Kulturzentrum Takilhsukut-Park, unweit der historischen Ausgrabungsstätte El Tajín, zeigen Mitglieder der Totonaken-Gemeinde Besuchern ihre Traditionen. Das Voladores-Ritual habe es bereits in vorchristlichen Zeiten gegeben, so der Lehrer. Die Unesco hat es 2009 als Immaterielles Kulturerbe anerkannt.

Pro Jahr kommt bei dem Ritual durchschnittlich ein Volador ums Leben, wie der Sprecher des Kulturzentrums, Salomón Bazbaz, erklärt. „Die meisten Unfälle passieren, wenn das Equipment auf den Pfahl gebracht wird“, so Bazbaz. Das größte Risiko trage der „Caporal“, der Anführer, der als Erster nach oben steigt und später ohne Sicherungsseil auf einer kleinen Plattform steht, während sich die Tänzer nach unten drehen. Er spielt während des Tanzes eine Handtrommel und eine Flöte aus Holz. Die Pfähle der Voladores können bis zu 40 Meter hoch sein.

Die Götter milde stimmen

In ganz Mexiko gibt es nach Angaben des Kulturzentrums rund 1000 Voladores. 50 davon sind Voladoras – fliegende Tänzerinnen. In Guatemala werde das Ritual von Mitgliedern der indigenen Völkergruppe der Maya durchgeführt, so Bazbaz. In ganz Mexiko lernten derzeit rund 200 Kinder den Luft-Tanz. Eine der größten Schulen befindet sich im Takilhsukut-Park.

Unterricht in luftiger Höhe bekommt auch Madai. Die Elfjährige steckt wie Heriberto in einem Vogelkostüm und kann es kaum erwarten, ihr Können zu zeigen. „Ich hatte am Anfang ein bisschen Angst“, sagt Madai. Aber mittlerweile sei diese verflogen. Kinder lernen bei ihrer Ausbildung auch die Geschichte hinter dem Ritual. Die Legende berichtet von einer Dürre im Bundesstaat Veracruz. Die Dorfältesten suchten nach einer Möglichkeit, die Götter milde zu stimmen. Deshalb schickten sie eine Gruppe Männer los, um den höchsten Baum des Waldes zu finden. Dieser wurde gefällt und mit einem Tanz gesegnet, bevor die ersten vier Voladores – für jede Himmelsrichtung einer – und der Anführer emporkletterten.