Vermischtes

Kriminalität Vor fünf Jahren kam es auf der Kölner Domplatte zu Übergriffen auf Frauen / 1210 Anzeigen folgten 36 Verurteilungen

Die Silvesternacht, die alles veränderte

Archivartikel

Berlin.Der Fall ist zu ernst. Die Kanzlerin nimmt die Sache selbst in die Hand, buchstäblich: Angela Merkel (CDU) greift zum Hörer und ruft Kölns Oberbürgermeister Henriette Reker an. Es ist der 5. Januar 2016, ein Dienstag – die Schockwellen der „Silvesternacht“ erreichen vier Tage später die Regierungszentrale.

Die „widerwärtigen“ Übergriffe und sexuelle Attacken auf Frauen von zumeist nordafrikanischen Männern verlangten „nach einer harten Antwort des Rechtsstaates“, so Merkel. Fünf Jahre danach machen wir uns auf der Suche nach der harten Antwort. Es gab sie: für Flüchtlinge, für die Integration, für die Polizei, für die Politik. Aber: am wenigsten für die Täter.

Kriminaldirektor Klaus Zimmermann, der in Köln die Arbeitsgruppe „zweite Silvesternacht“ leitete, erzählt, seither habe sich das Anzeigeverhalten verändert. Auch die Polizei hat dazu gelernt. 2016 erlassen die Behörden ein Böllerverbot, die Polizei ist mit mehr Beamten vor Ort, die bei Zwischenfällen früher eingreifen. 2017 folgt eine massive Informationskampagne und eine eher entspannte Silvesternacht.

Die Polizei in Köln, aber auch die Bundespolizei hatten 2015 auch etwas bei sich selbst entdeckt: die Angst vor dem Versagen. Für den heutigen Innenminister Horst Seehofer (CSU) ist in Köln „eine partielle Ohnmacht des Staates offenbar geworden“. Die Dynamik der Krawalle erklären sich Experten so: Wenn Straftaten ohne Konsequenzen bleiben und anonym begangen werden können, sinkt die Hemmschwelle. „Kein befriedigendes Ergebnis“ ist für Polizist Zimmermann der juristische Abschluss. Die Silvesternacht 2015 führte laut „Mediendienst Integration“ zu 1210 Strafanzeigen, davon 511 wegen sexueller Übergriffe. 355 Beschuldigte, 292 Verfahren, 46 Anklagen. Und wie viele Verurteilte? Antwort: 36, davon nur zwei wegen sexueller Nötigung und einer wegen tätlicher Beleidigung. Sie konnten überführt werden, weil sie die Übergriffe auf Selfies festgehalten hatten. Meist ließen sich die Peiniger nicht zweifelsfrei identifizieren.

Armin Laschet, Ministerpräsident von NRW, hat nun die Opfer um Verzeihung gebeten. Die Frauen seien vom Staat im Stich gelassen worden, sagte der CDU-Politiker in einem Gastbeitrag für den „Kölner Stadt-Anzeiger“. Es sei „unsere Pflicht“, die Opfer um Verzeihung zu bitten, dass der Staat sie in jener Nacht nicht beschützt hat. Weiter sagte er: „661 Frauen haben vor fünf Jahren in Köln einen Alptraum durchlebt, viele von ihnen leiden bis heute unter den Folgen. 661 Frauen wurden in dieser Nacht vom Staat im Stich gelassen.“ Die geringe Zahl der Verurteilungen sei eine „bittere Bilanz“, so Laschet, der 2015 noch nicht im Amt war.

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