Vermischtes

Die toten Onkel

Königswinter.6. März 1942, am Tag meines ersten Geburtstages zeichnet die Wehrmacht meinen Onkel Georg Stoeck mit dem Eisernen Kreuz 2. Klasse aus. Der Unteroffizier in einer Panzer-Jagd-Kompanie hat die Auszeichnung keine zwei Monate überlebt. Er findet den Tod am 27. April in Ponisowje, einem Ort in der Nähe von Smolensk. Dort liegt auch sein Grab, wie das Soldbuch ordnungsgemäß vermerkt. Das Soldbuch gibt Auskunft über seine anderen Einsätze in diesem Krieg, über seine Beförderungen und eben über diesen letzten Einsatz im Russlandfeldzug, der für ihn am 1. Februar 1942 begonnen hat.

Kein Soldbuch ist erhalten geblieben vom anderen Bruder meiner Mutter. Der Obergefreite Walter Stoeck wird im Dezember 1942 vermisst gemeldet – bei Stalingrad. Die Vermisstmeldung ist die grausamste Form der Todesnachricht. Sie lässt noch Hoffnung zu, aber jeder weiß, dass diese Hoffnung in Zeiten des Krieges, in Zeiten dieses Krieges gering, sehr gering ist. Mein Onkel Walter ist gerade mal 20 Jahre alt geworden, mein Onkel Georg hat sein 24. Lebensjahr nicht vollenden können. Beide Onkel werden mich wohl mal im Arm gehalten haben. Vielleicht ist es ihnen gelungen, dem Kleinkind ein Lächeln zu entlocken, aber mehr an Beziehung war nicht, konnte nicht sein.

Vom Vermissten entdecke ich keine Sterbeurkunde bei den Unterlagen meiner Großeltern, von dem „Gefallenen“ gibt es sie sehr wohl, ausgedruckt auf dem Vordruck C 251. Das Wort „verstorben“ ist durchgestrichen, es wird ersetzt durch „gefallen“. Im ganzen Satz heißt es: „Der Unteroffizier, Bauschüler Georg Stoeck, katholisch, zuletzt wohnhaft in Ohlau, Briegerstraße 12 ist am 27. April 1942 in Ponisowje, östlicher Kriegsschauplatz gefallen.“ Eine Todesanzeige für den jüngeren der beiden Brüder meiner Mutter ist offensichtlich unterblieben, denn man hoffte bis zuletzt. Ihren „unsagbaren Schmerz“ bekunden die nächsten Verwandten unter der Traueranzeige für den Unteroffizier Georg Stoeck. Als Letzter in der Reihe der Trauernden steht dort auch der einjährige Neffe. Warum ich? Ich habe doch mit meinen 14 Monaten Leben noch gar kein Bewusstsein dafür, was Tod und Trauer bedeuten. Aber ich werde eingebunden in die Schicksalsgemeinschaft Familie – ein demonstrativer Akt, der mich auch heute noch bewegt. Meine Eltern werden auf der Anzeige getrennt. Denn hinter den trauernden Eltern Viktor und Hedwig Stoeck folgen die Schwestern Hedwig Golombek und Johanna Stoeck, dann der Bruder Walter Stoeck, versehen mit dem Zusatz „z.Zt. im Osten“, der auch dem Schwager Walter Golombek beigegeben ist. Im Osten droht der Tod – mehr als an allen anderen Fronten. Im Osten hat das große Morden im Juni 1941 begonnen. Ihm fiel der jüngere Bruder im Dezember 1942 zum Opfer. Mein Vater hatte Glück, er ist an einen anderen Kriegsschauplatz versetzt worden.

Vaterland hatte hohen Wert

Der Text der Todesanzeige für den älteren Onkel ist es wert, festgehalten zu werden:

„Nach Gottes unerforschlichem Ratschluss fiel am 1. Mai 1942 in treuer Pflichterfüllung im Osten, für uns unfassbar, unser lieber, herzensguter, unvergesslicher Sohn und Bruder, Schwager, Onkel, Neffe und Vetter, der Uffz. In einer Pz.-Jg.-Komp. Georg Stoeck, Inhaber des E.K. II.Kl., im Alter von 23 Jahren. Die feste Zuversicht auf ein Wiedersehen in der ewigen Heimat gibt uns die Kraft, den herben Verlust leichter zu überwinden.“

Dem heutigen Betrachter fällt auf, wie selbstverständlich militärisches Vorwissen vorausgesetzt wird. Unsereins muss sich erkundigen und weiß jetzt, dass mein Onkel als Infanterist einer Panzer-Jagd-Kompanie angehörte. Die Überlebenschancen bei solchen Einheiten waren nicht sehr hoch, sagen mir die Experten. Entsprechend hoch waren die Chancen auf das Eiserne Kreuz.

Wiederum hoch waren die Aussichten, den Heldentod zu erleiden, der in diesen Zeiten des Krieges gern beschworen wurde. Von Heldentod ist in dieser Traueranzeige nicht die Rede. Für die preußisch-nüchterne Grundhaltung meines Großvaters verbot sich ein so großes Wort. Wohl aber spricht der Text von „treuer Pflichterfüllung im Osten“. Soldaten tun ihre Pflicht für das Vaterland.

Was dem Vaterland frommt und was nicht, die Vorgaben dafür machte damals der oberste Befehlshaber. Das Vaterland hatte einen hohen Wert, ihm hatte man zu dienen, und im Krieg hatte man sein Leben einzusetzen. Die vaterlandsgläubigen Menschen in diesen Jahren waren nicht in der Lage, zur Kenntnis zu nehmen, dass dieser Oberbefehlshaber ein Verbrecher war, ein Kriegsverbrecher, der Kriege in Gang setzte und im Schatten dieser Kriege noch größere Verbrechen anzettelte. Hitler stand für das Vaterland, er legte die Richtlinien für das Vaterland fest. Das Volk hatte sich zu fügen, die Soldaten hatten zu gehorchen. Befehl und Gehorsam lautet das soldatische Prinzip. Auch die Protagonisten des Widerstandes gegen Hitler haben Jahre gebraucht, um zu erkennen, dass Hitler ein Verbrecher ist und dass es ein Verbrechen ist, ihm Gehorsam zu leisten. „Es lebe das heilige Deutschland!“ hat der Hitler-Attentäter von Stauffenberg gerufen, als er erschossen wurde. Auch dieser Satz dokumentiert, welch hohen Wert das Vaterland einst hatte. Diese blinde Vaterlandsgläubigkeit ist dank Hitler und seit dem Ende des letzten Krieges vorbei. „Es ist süß und ehrenvoll, für das Vaterland zu sterben.“ Dieser Spruch der alten Römer ist seit 1945 kein Aufsatzthema mehr für Abiturienten.

In der Traueranzeige, die mein Großvater formuliert hat, fehlen die großen Worte und die Verneigung vor dem „Führer“. Auch vom „geliebten Vaterlande“ ist nicht die Rede. Mein Großvater war sicher ein national gesinnter Deutscher, ein Nazi war er aber nicht. Aus den Erzählungen meiner Mutter weiß ich, dass er als bekennender Katholik in den 20er Jahren dem Zentrum nahe stand. Auch deshalb sei den Söhnen der Zugang zum Abitur verweigert worden. Zu überprüfen sind diese Hinweise nicht. Ich habe ihn noch als strenggläubigen Katholiken erlebt, der keinen Sonntagsgottesdienst ausgelassen hat. Sein Glaube diktiert auch den Text der Traueranzeige.

Die Trauernden beugen sich dem „unerforschlichen Ratschluss Gottes“ und leben in der „festen Zuversicht auf ein Wiedersehen in der ewigen Heimat“. Dieser Glaube gibt ihnen Halt: Gott der Herr hat das Leben gegeben, er hat jetzt dieses Leben genommen, und spätestens in der ewigen Seligkeit wird es dann Gerechtigkeit geben. Was für ein Glauben, was für ein Vertrauen in Gott! Dieses Gottvertrauen ist uns Heutigen abhandengekommen, vielleicht auch wegen dieses letzten großen Krieges in Europa. Er hat – nach einer neuen Berechnung – 46 409 000 Menschenopfer gekostet. Über 46 Millionen Mal unsagbares Leid.

Pathetische Trauertexte

Traueranzeigen in diesen Zeiten des Krieges waren selten frei von Pathos. Der 20-jährige Vetter meiner Mutter starb im Osten den „Reitertod“, eine Formulierung auf dem Sterbebildchen, die an die großen Zeiten der Kavallerie im 19. Jahrhundert erinnerte. Vollends pathetisch wird es im Text, der den Bezug schafft zu Gott wie Vaterland: „Er gab sein Leben in treuer Pflichterfüllung für sein geliebtes Vaterland. Der Herr berief ihn zu jener größeren Liebe, sein Leben hinzugeben für seine Lieben.“ Die Rückseite des Trauerbildchens zeigt das Bild eines sterbenden Soldaten, um den ein Schutzengel seinen Arm legt. Darunter steht die Zeile aus dem 2. Brief an die Makkabäer: „Sie waren bereit, für Gesetz und Vaterland zu sterben.“ Die Worte Gesetz und Vaterland gehen hier eine unheilige Allianz ein. Für welches Gesetz stirbt der Gefreite am 12. August 1944? Für das Gesetz des Krieges, für den „totalen Krieg“, für die Verbrechen der Wehrmacht, für den Mord in den Konzentrationslagern, für die Ausbeutung der Zwangsarbeiter? Es waren sehr fromme Katholiken, die das Zitat in die Traueranzeige gesetzt hatten. Zu ihren Gunsten kann man nur annehmen: Sie wussten nicht, was sie taten.

In der Sterbeurkunde für meinen Onkel Georg wird das Wort „gestorben“ durch das Wort „gefallen“ ersetzt. Auch mein Onkel Walter, für den keine Sterbeurkunde existiert, ist ein Gefallener. Das Wort Gefallener soll einen Respekt bekunden gegenüber denjenigen, die im Krieg als Soldaten ihr Leben gelassen haben. Gefallene fallen für das Vaterland. Ihrem Sterben wird mit dieser Wortwahl ein höherer Wert beigemessen als dem gewöhnlichen Tod. Große Worte verbinden sich mit diesem Tod: Ehre des Vaterlandes, treue Pflichterfüllung, auch von Heldentod ist die Rede.

Wenige Erinnerungsstücke

Diese großen Worte sollen den Tod für die Hinterbliebenen verklären, ihn als „süß und ehrenvoll“ veredeln. Nicht zu veredeln ist das grausame Sterben auf den Schlachtfeldern. Das Wort von den fallenden Soldaten verharmlost die Art und Weise, wie sie ums Leben kommen. Die industrielle Tötungsmaschinerie kennt kein Erbarmen.

Meine beiden Onkel sind im Jahr 1942 in Russland zu Tode gekommen. Erinnerungen an sie habe ich nicht, ich verfüge nur über sehr wenige Dokumente. Vom älteren Onkel kenne ich das Soldbuch und die Todesanzeige, vom jüngeren Onkel nur zwei Briefe an Eltern und Geschwister. Es sind wohl die letzten schriftlichen Dokumente, die von ihm erhalten geblieben sind. Was ich wohl habe, sind Fotos von den beiden jungen Männern. Sie blicken traurig in die Welt, so als wüssten sie, was auf sie zukommt. Diese Traurigkeit erfasst mich, wenn ich die Bilder sehe. Ich kenne ihr trauriges Schicksal, ich weiß, dass ihr Leben zu Ende gegangen ist, bevor es richtig begonnen hat.

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