Vermischtes

Raumfahrt Astronaut Alexander Gerst nun einen Monat auf internationaler Raumstation ISS / Für Weltmeisterschaft bleibt kaum Zeit

„Es gibt kein Oben und Unten“

Moskau.Der deutsche Astronaut Alexander Gerst hat in seinem ersten Monat auf der Internationalen Raumstation (ISS) schon viele Rollen erfüllt. „Er ist hochqualifizierter Laborant, Handwerker und manchmal auch selbst Versuchskaninchen für die Wissenschaft“, sagte Volker Schmid vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR).

Gerst war am 6. Juni als Co-Pilot einer Sojus-Rakete vom russischen Weltraumbahnhof Baikonur zur ISS gestartet und zwei Tage später beim Außenposten der Menschheit angekommen. Dort forscht der Mann aus Künzelsau in Baden-Württemberg nun zusammen mit zwei Russen und drei Amerikanern. Bis Dezember soll der Astronaut der Europäischen Raumfahrtagentur Esa in dem Labor rund 400 Kilometer über der Erde arbeiten.

„Wir stehen fast täglich in Kontakt, und soweit ich das von hier unten beurteilen kann, geht es ihm blendend“, sagte Esa-Sprecher Marco Trovatello der Deutschen Presse-Agentur. In den vergangenen Wochen hat Gerst Fotos von seinem Blick auf die Erdkugel bei Twitter veröffentlicht und immer wieder Einblicke in seinen Arbeitsalltag in der Schwerelosigkeit geteilt.

Rund 300 Experimente

„Eins der wissenschaftlichen Highlights war das französische Grasp-Projekt“, sagte Trovatello. Gerst sollte testen, wie sich die Schwerelosigkeit auf das Greifen von Dingen auswirkt. Dafür zog er sich eine Virtual-Reality-Brille über die Augen und sammelte mit Kopf nach unten Daten, wie es in einem Video erscheint.

„Kopfüber für die Wissenschaft? Nein. Im Weltraum gibt es kein Oben und Unten“, schrieb Gerst dazu bei Twitter. Die Daten sollen helfen, auf der Erde die Behandlung von Schwindelerkrankungen zu verbessern. 41 von rund 300 Experimenten auf Gersts Agenda hat das DLR beigesteuert. Einige davon sind bereits angelaufen. Für das Projekt, „Myotones“ etwa schlüpft Gerst in die Rolle des Versuchskaninchens. Mitte Juni hatte die US-Astronautin und Bordärztin Serena Auñón-Chancellor seine Muskeln und Knochen mit einem Spezialgerät vermessen.

In weiteren Runden solle auch Blut abgenommen und Ultraschall eingesetzt werden, sagte Schmid, der für das DLR Gersts Mission „Horizons“ leitet. Die neuen Erkenntnisse sollen helfen, zum Beispiel Trainings- und Rehabilitationsprogramme zu verbessern. Für ein anderes Experiment hat „Laborant“ Gerst die ISS in eine Art außerirdisches Planetenlabor verwandelt. Dabei wird das Magnetfeld der Erde genutzt, durch das die ISS mit der enormen Geschwindigkeit von gut 28 000 Stundenkilometern rast. Es gehe darum, mit Hilfe von Gesteinsproben – darunter auch Meteoriten – zu „simulieren, wie sich Himmelskörper beim Flug durch das Magnetfeld um die Sonne verhalten“, sagte Schmid.

Vorfreude auf Rückkehr

Davon erhoffen sich die Experten unter anderem Erkenntnisse zur Verbesserung von Luft- und Raumfahrzeugen. Häufig waren auch der „Handwerker“ Gerst und Improvisationstalent gefragt. Erst kürzlich musste er die Sauerstoffversorgung bei einer Luftschleuse reparieren. „Es gibt immer wieder Dinge, die dazu kommen, wie unvorhergesehene Reparaturen. Das erfordert dann eine gewisse Flexibilität und Umplanung“, sagte Schmid. Es sei schwierig, langfristig exakt zu planen.

Kleiner Wermutstropfen für Fußballfan Gerst: „Für die Fußball-WM bleibt leider eher wenig Zeit“, sagte Esa-Sprecher Trovatello. Während der Arbeit könnten die Raumfahrer allenfalls am späteren Abend „mal reinschauen“. Das tut Gersts Freude über seinen zweiten ISS-Aufenthalt keinen Abbruch. „Ich freue mich sehr auf ein halbes Jahr im Weltraum – und auf die Rückkehr nach Hause danach!“, schrieb er auf Twitter.