Vermischtes

Es liegt in der Luft

Wer macht Mode und deren Trends – die Modemacher? Nicht nur sie, sagen Experten, denn die Entstehung von Tendenzen ist ein komplizierter Prozess, bei dem nichts dem Zufall überlassen wird. Eine Spurensuche in der französischen Hauptstadt.

Es war dieses Blau. Korallenhaft, kraftvoll, leuchtend, so hatte es sich festgesetzt in den Köpfen von Béatrice Ferrant und Mario Lefranc. Ein perfekter Kontrast zu Orchideen-Orange und Apfel-Grün, die die bestimmenden Farben der Marke Lefranc Ferrant für einen der vergangenen Sommer werden sollten. „Plötzlich hatten wir Lust auf dieses Korallenblau“, erzählt das französische Designer-Duo. „Dabei war es vorher nirgends aufgetaucht, in keinem Katalog, in keiner Farbpalette der Stil-Büros.“ Mit blauen Kleidern und Blusen wollten Lefranc/Ferrant keinen Trend setzen, sondern eine eigene Duftmarke. Letztlich wurde beides daraus – unabhängig voneinander brachten auch andere Modehäuser diesen Farbton in ihren Sommerkollektionen. Zufall, Mysterium, Laune? Mario Lefranc hebt die Achseln. „Es lag in der Luft.“ Also dort, wo alle Trends herkommen. Oder woher sonst? Wer macht die Mode?

Soziologen machen einen Mix aus Couturiers, Marken und Modekonzernen, prägnanten Subkulturen, aber auch populärer Stil-Ikonen wie Paris Hilton oder Kate Middleton verantwortlich. Zunehmend werden Trends auch über das Internet und Mode-Blogs verbreitet. Eine entscheidende Rolle kommt zudem den Stil-Büros zu, die mit einem Vorlauf von bis zu zwei Jahren kommende Tendenzen herausfinden. Sogenannte Fashion-Scouts, also Marketing- und Mode-Spezialisten, erforschen, was Gesprächsthema wird, welche Farben, Schnitte und Stile kommen, welche Filme und Musik, Sportereignisse, Ausstellungen und Messen. Auf der Suche nach Trend-Anzeigern reisen sie durch die Welt. „Alle Einflüsse werden mit einbezogen – und dann muss man filtern“, sagt die Trend-Analystin Julie Greux, die zuvor in einem der vier großen Pariser Stil-Büros, „Promostyl“, arbeitete und an der Pariser Modeschule „Mod‘Art International“ unterrichtete. Ein Beispiel: Die Debatte um Umweltschutz und Klimaerwärmung schlägt sich seit einigen Jahren zunehmend in der Mode nieder. Nachhaltigkeit und Bio-Gewänder sind angesagt: „Das Publikum schaut heute genau auf die Etiketten und nimmt lieber Bio-Bambus als Polyester.“

Reaktion nach Wirtschaftskrise

Ab 2010 habe die Mode auf die Wirtschaftskrise als den dominierenden Einfluss reagiert, sagt die Expertin. „Es ging zurück zu einfachen, sicheren Werten. Die Menschen wollten Stabilität.“ Konkret hieß das: weniger verrückte Entwürfe, keine ständig wechselnden Trends, sondern Stücke, die länger tragbar sind. Gleichzeitig bemühe sich die Mode gerade in der Krise auch um lebensbejahende Leichtigkeit, nach dem Motto: „Positiv, jetzt erst recht“. Inzwischen ist wieder mehr Experimentierfreude und Ausgelassenheit angesagt.

Im Laufe der Zeit haben sich die Trends verändert, stellt Franck Sorbier fest, einer der wenigen Schöpfer von Haute Couture, bei der besonders extravagante, nicht unbedingt alltagstaugliche Entwürfe entstehen. Die großen Strömungen gebe es nicht mehr, weder in der Kunst noch in der Couture, sagt Franck Sorbier: „Früher war es klar und unverkennbar. Die 40er, 60er oder 80er Jahre hatten jeweils ihren eigenen Stil. Heute ist alles unbestimmt.“

Stilbüros arbeiten an 2020-Mode

Das Entstehen eines Trends sei ein komplizierter Prozess, erklärt Greux. Dazu gehört auch das Phänomen, dass bestimmte Erscheinungen wie die Schlaghose oder die Pony-Frisur immer wieder kommen. Meist haben sie eine Generation übersprungen, bis sie den Enkeln wieder zusagen. Erst langwierige Forschungen und Besprechungen ergeben, ob in einer Saison kalte oder warme Farben chic seien, ob Schwarz, Pastell- oder Korallenblau. Den verblüffenden Gleichklang mit der Konkurrenz, wie ihn Lefranc/Ferrant feststellten, kennt auch Julie Greux. „Obwohl man in vielen Einzelgruppen und unabhängig von anderen Stilbüros arbeitet, sind die Ergebnisse oft fast identisch.“

Bereits jetzt erforschen die Stil-Laboratorien, welche Stoffe im Sommer 2020 getragen werden und welche Töne nicht nur Modemacher, sondern auch Pharmakonzerne, Kosmetik-Unternehmen und Autofirmen für ihre Produkte wählen. Also ist Trend-Setting mehr ein wissenschaftlicher denn ein kreativer Prozess? Sowohl als auch, sagt Designer Mario Lefranc. „Es hat mit Gefühl zu tun. Dem Gefühl für die Zeichen der Zeit.“ Sie seien wie ein Schwamm, der aufsaugt, was in der Gesellschaft ist, so beschreiben sich Lefranc/Ferrant. Denn so künstlerisch und innovativ Mode auch sei – „wir haben auch ein Unternehmen zu führen“. Das heißt: Die Schöpfer sind zur Nähe zum Kunden verpflichtet, die Trendsetter passen auf, selbst im Trend zu bleiben. Sie müssen stets ihre Nasen in die Luft halten – dorthin, wo sie liegen, die Tendenzen der Zeit.