Vermischtes

Forschung US-Experten stellen Behandlungsmethode mit elektrischen Impulsen vor

Gelähmter Patient macht erste Schritte

Archivartikel

Rochester.Ein Gelähmter kann mit etwas Hilfe wieder einige Schritt gehen. Mittels elektrischer Rückenmarkstimulation und 43 Wochen Rehabilitationstherapie konnte der Patient mit 331 Schritten 102 Meter zurücklegen, wie ein Forscherteam von der Mayo Clinic in Rochester (Minnesota, USA) berichtet. Allerdings benötigte er dafür einen Rollator und eine Unterstützung an der Hüfte durch einen Therapeuten. Das Team um Kendall Lee und Kristin Zhao präsentiert seine Technik im Fachjournal „Nature Medicine“. Unbeteiligte Mediziner reagierten skeptisch.

„Nach unserem Wissen ist die Verwendung der elektrischen Rückenmarkstimulation während des aufgabenspezifischen Trainings, einschließlich Steh- und Schrittaktivitäten, neu“, schreiben die Forscher. Erforderlich seien weitere Untersuchungen mit einer größeren Zahl von Probanden, um deren Gültigkeit und Wirksamkeit zu bestimmen.

Heidelberger Spezialist skeptisch

Norbert Weidner, ärztlicher Direktor der Klinik für Paraplegiologie am Universitätsklinikum Heidelberg, hält die Studie prinzipiell für gut gemacht. Der beobachtete Effekt sei wissenschaftlich allemal interessant, aber auch mit den gezeigten Fortschritten könne der Patient nicht seinen Alltag meistern. Zudem sei es eher eine Fallbeschreibung, da nur ein Patient an der Studie beteiligt gewesen sei. „Es ist außerdem ein spezieller Patient, so dass fraglich ist, inwiefern andere querschnittsgelähmte Patienten in gleicher Weise trainiert werden können“, sagte er.

Problematisch sei auch, dass es keine Rückkopplung über die Stellung der Beine im Raum ans Gehirn gebe, was für das sichere Gehen notwendig sei. Bei nicht vollständig Gelähmten, die unterhalb der verletzten Stelle am Rückenmark zumindest noch Bewegungen ausführen können, sieht Weidner ein größeres Potenzial für diesen Heilungsansatz.

Ärztin warnt vor zu viel Euphorie

Auch Jocelyne Bloch vom Centre Hospitalier Universitaire Vaudois in Lausanne (Schweiz) ist vom Ergebnis der Studie nicht ganz überzeugt. „Er kann mit viel Hilfe ein paar Schritte gehen – aber es gab keine neurologische Heilung“, sagte sie mit Blick auf den Patienten. „Doch im Labor einige Schritte zu tun, bedeutet nicht, dass das auch zu Hause und im Alltag klappt und das Leben verändert. Wir sollten also wortwörtlich einen Schritt zurücktreten und die Ergebnisse in der Realität betrachten.“

Weitere Hinweise auf die Möglichkeiten und Grenzen der Methode gibt eine Studie, die im Fachmagazin „New England Journal of Medicine“ erscheint. Darin berichten US-Forscher von vier querschnittsgelähmten Patienten, die mit Elektrostimulation behandelt worden waren. Zwei von ihnen konnten nach intensivem Training wieder einige Schritte gehen, alle vier konnten selbstständig stehen. dpa