Vermischtes

Justiz Prozess um Missbrauch von Lügde beginnt / Drei Männer auf Anklagebank

Gericht lässt 28 Opfer als Nebenkläger zu

Archivartikel

Detmold.Es geht um barbarische Taten: Der Strafprozess vor dem Detmolder Landgericht nach dem jahrelangen sexuellen Missbrauch von Kindern auf einem Campingplatz in Lügde wird brutale Gewalt gegen Mädchen und Jungen zutagefördern. In erschütterndem Ausmaß. Die jüngsten Opfer sollen erst vier Jahre alt gewesen sein. Drei Männer – allesamt seit Monaten in Untersuchungshaft – sitzen am Donnerstag auf der Anklagebank.

Dem 56-jährigen Dauercamper Andreas V. werden 298 Straftaten vorgeworfen. 23 Mädchen sollen Opfer seiner Quälereien im Sommer 1998 und von Anfang 2008 bis Ende 2018 geworden sein. Bei zehn Kindern wirft ihm die Staatsanwaltschaft vor, „Beischlaf“ vorgenommen zu haben und Handlungen, die „mit einem Eindringen in den Körper verbunden gewesen sein sollen“. Das sei dem Grunde nach Vergewaltigung, sagt Rainer Becker, Vorsitzender der Deutschen Kinderhilfe.

Der 34-jährige Mario S. soll laut Staatsanwaltschaft in 162 Fällen acht Mädchen und neun Jungen missbraucht haben. Über einen Zeitraum von 20 Jahren – 1999 bis Anfang 2019. Auch er soll vergewaltigt haben. Dem Vorwurf zufolge filmten beide Männer manche Gewalttaten. Zu den Übergriffen soll es auf der Campingplatz-Parzelle von Andreas V. in Lügde (Nordrhein-Westfalen) gekommen sein, aber auch in der Wohnung von Mario S. in Steinheim bei Höxter (ebenfalls NRW). Der dritte Angeklagte, der 49-jährige Heiko V. aus dem niedersächsischen Stade, soll teilweise zu den Taten angestiftet haben.

Der Bielefelder Opferanwalt Peter Wüller hofft, dass die Kinder nicht vor Gericht aussagen müssen. „Kein einziges Opfer sollte erscheinen müssen.“ Wüller vertritt zwei Opfer: ein heute sechsjähriges Mädchen und einen neunjährigen Jungen, die nun psychologisch und psychiatrisch in einer Einrichtung betreut würden. Zur Zeit der Taten sei das Mädchen „fünf Jahre und jünger“, der Junge „acht Jahre und jünger“ gewesen. Beide sollen mehrfach schwer sexuell missbraucht und vergewaltigt worden sein.

Beweismittel verschwunden

Wüller wird die Verhandlungen als Nebenkläger-Vertreter verfolgen. Das Gericht hat insgesamt 28 Opfer als Nebenkläger zugelassen, die von 18 Anwälten vertreten werden. 53 Zeugen hat das Landgericht geladen. Wüller sagt, es gebe zahlreiche Aussagen von Opfern und umfangreiches Bild- und Videomaterial, das die vorgeworfenen Gewalttaten dokumentiere. Er hoffe, dass mindestens für die beiden Hauptangeklagten nach einer Haftstrafe Sicherungsverwahrung angeordnet werde. Was Wüller umtreibt: „Wir haben es nicht mit einem singulären Tatgeschehen zu tun, sondern wir reden von einem massenhaften, jahrelangen Missbrauch von Kindern auf öffentlichem Grund.“ Er könne nicht nachvollziehen, dass so lange niemand etwas bemerkt haben soll.

Der unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig, schildert: „Wenn Missbrauch aufgedeckt wird, lautet eine der ersten Fragen immer: Warum hat keiner etwas bemerkt? Wir haben oft – wie auch im Fall Lügde – eine Täterstrategie des netten, beliebten, scheinbar kinderfreundlichen Menschen, der alle damit blendet und manipuliert.“ Eltern sollten viel größere Sensibilität entwickeln und realisieren, dass Missbrauch auch das eigene Kind treffen könne. „Die unangebrachte Sorglosigkeit, mit der manche Eltern ihre Kinder anderen anvertrauen, ist erschreckend.“

Im Fall Lügde gab es aber Hinweise. Polizei und Jugendämter stehen in der Kritik, weil sie Hinweisen auf den Hauptverdächtigen nicht nachgegangen sein sollen. Auch bei den Ermittlungen gab es Pannen, unter anderem verschwanden Beweismittel. Am Donnerstag hat der nordrhein-westfälische Landtag deshalb einen Untersuchungsausschuss eingesetzt. Ein gemeinsamer Antrag von CDU, FDP, SPD und Grünen wurde am Mittwoch angenommen. Der Ausschuss soll Fehlverhalten auf drei Ebenen aufklären: bei Polizei und Staatsanwaltschaft, Jugendämtern sowie beim Umgang der Landesregierung mit dem Fall.