Vermischtes

Rassismus In Afrika und Asien boomen Kosmetikprodukte, die Menschen heller machen sollen / Viele fordern nun ein Umdenken

Geschäft mit gebleichter Haut

Archivartikel

Nairobi/Neu Delhi.„Mir wurde gesagt, dass ich zu dunkel bin für’s Fernsehen“, erinnert sich Yvonne Okwara. „Mir wurde gesagt, dass ich mehr Make-Up brauche.“ Die TV-Moderatorin musste sich oft solche Kommentare anhören. Schon früh war ihr klar: „Mein Look und meine Hautfarbe würden mich nicht weit bringen, denn das ist nicht, was die Gesellschaft will.“ Okwara erlebte solche Anfeindungen nicht etwa in den USA oder in Europa – sondern in Kenia. „Selbst unter Afrikanern, Menschen mit dunklerer Haut, gibt es Ebenen des Stigmas.“

Derartige Diskriminierung ist in Afrika und Asien weit verbreitet – und befeuert eine Milliarden-Industrie von Produkten, die die Haut heller machen sollen. Einige beinhalten schädliche Substanzen wie Hydrochinon. Einige beinhalten Bleichmittel, die Ausschläge verursachen können, wie die indische Dermatologin Rashmi Sarkar sagt. Generell hätten viele Cremes einen temporären Effekt und die Konsumenten müssten sie ein Leben lang nutzen.

„Haben wie ein Geist ausgesehen“

Das hält aber viele nicht vom Kauf der Produkte ab. Vaidehi Sriram spürte schon als Kind, was es in Indien bedeutet, einen dunkleren Hautton zu haben. Lehrer hätten das Aussehen von helleren Mädchen gelobt, erzählt die 36-Jährige. Ihre Verwandte sagten, sie sei zu dunkel, um später einen guten Mann zu finden. So taten Sriram und ihre Schwester in ihrer Jugend das, was etliche Frauen und Männer in Asien und Afrika tun: Sie schmierten sich Cremes ins Gesicht und hofften auf eine hellere Haut. „Manchmal haben wir dann so weiß wie ein Geist ausgesehen.“

Die Industrie für hautaufhellende Produkte boomt. Der Markt war 2018 einer Studie des Marktforschungsinstituts Strategy MRC zufolge rund 4,4 Milliarden Dollar wert, bis 2027 sollte er auf 8,7 Milliarden Dollar wachsen. Vor allem die Region Asien-Pazifik werde ein „lukratives“ Wachstum erleben. Die größten Player sind weltbekannte Beauty-Konzerne. Langsam wird die Industrie gezwungen, sich zu verändern. Die Black-Lives-Matter-Bewegung hat den Kampf gegen Rassismus verstärkt. Dazu gehört auch das Hinterfragen von vermeintlichen Schönheitsidealen. „Im Zuge von Anti-Rassismus-Protesten und -Bewegungen überlegen einige Hersteller und Firmen, ihre Hautaufhellungs-Produkte zu ändern oder zu rebranden“, sagt Rupali Swain vom Marktforschungsinstitut GMI.

Produktion komplett einstellen

Dazu gehört der Kosmetik-Gigant Unilever. Deren aufhellende Creme „Fair & Lovely“ ist in Indien sehr beliebt. Bis vor einigen Jahren gab es dafür sogar TV-Spots, in denen Menschen nach dem Gebrauch der Creme – und mit hellerer Hautfarbe – glücklicher und erfolgreicher dargestellt werden. Inzwischen stößt das Wort „fair“ – das auch mit „hell“ übersetzt werden kann – im Markennamen auf Kritik. Daher will der Konzern das Produkt nun in „Glow & Lovely“ umbenennen. „Wir sehen ein, dass Wörter wie „fair“, „white“ und „light“ ein singuläres Schönheitsideal suggerieren, das wir nicht für richtig halten“, sagte eine Unilever-Sprecherin. So habe das Unternehmen jüngst beschlossen, diese Wörter komplett von Verpackungen und aus dem Marketing zu entfernen. Kritiker fordern, dass Unilever die Produktion komplett einstellt.

Die TV-Moderatorin Okwara hat selbst zwar nie Hautaufhellungs-Produkte benutzt, sagt aber: Das eigentliche Problem, das der Industrie, die die Cremes vermarkte, zugrunde liegt, müsse gelöst werden, „Wenn der Hautton tatsächlich egal wäre, (...) gebe es auch keine Hautaufhellungs-Industrie.“ dpa

Zum Thema