Vermischtes

Umfrage Rektoren klagen über Mobbing, Beleidigungen und körperliche Angriffe auf Personal

Gewalt gegen Lehrer an jeder vierten Schule

Archivartikel

Berlin.An etwa jeder dritten Grundschule in Deutschland sind Lehrerinnen und Lehrer binnen fünf Jahren laut einer neuen Studie körperlich angegriffen worden. Dies berichteten Schulleiterinnen und Schulleiter, wie aus einer gestern in Berlin vorgestellten Umfrage des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) hervorgeht. Über alle Schulformen hinweg berichtete rund jede vierte Schulleitung von Fällen körperlicher Gewalt gegen Lehrkräfte.

Sogar fast die Hälfte der Schulleitungen (48 Prozent) gab an, dass es an ihrer Schule in den vergangenen fünf Jahren Fälle von „psychischer Gewalt“ gab – also Fälle, bei denen Lehrkräfte direkt beschimpft, bedroht, beleidigt, gemobbt oder belästigt wurden. Fälle von Mobbing, Diffamierung und Belästigung über das Internet gab es laut Studie an jeder fünften Schule.

„Kultur des Schweigens“

Bedrohungen und Beleidigungen waren an Haupt-, Real- und Gesamtschulen am häufigsten (59 Prozent), gefolgt von Grundschulen (46 Prozent) und Gymnasien (33 Prozent). Von Online-Mobbing waren 36 Prozent der Haupt-, Real- und Gesamtschulen betroffen, jedes dritte Gymnasium und 13 Prozent der Grundschulen. Körperliche Angriffe verzeichneten 32 Prozent der Grundschul-Leitungen, zwölf Prozent jener von Haupt-, Real- und Gesamtschulen und vier Prozent der Leitungen von Gymnasien.

Ein Beispiel aus Nordrhein-Westfalen: Als Andreas F. in seine neue Klasse in der Brennpunkt-Grundschule kam, sagte ihm ein Schüler gleich in der ersten Stunde, was Sache ist, wie F. erzählte.

Kaum hatte F. die Schüler gebeten, die Hausaufgaben aufzuschreiben, schallte es ihm entgegen: „Alter, davon träumst du. Mein einer Bruder sitzt im Knast, der zweite in der psychiatrischen Anstalt und den dritten sucht die Polizei. Wenn ich einen davon rufe, bist du so klein mit Hut.“

Schwere Vorwürfe erhebt der VBE-Vorsitzende Udo Beckmann gegen die zuständigen Landesregierungen. Die Bildungsministerien verbreiteten vielfach immer noch das „Märchen“, es handele sich nur um Einzelfälle. Viel zu lange habe Angst vor Reputationsverlust zu einer „Kultur des Schweigens“ geführt, so der Chef der Lehrergewerkschaft.

So halten 39 Prozent der Schulleitungen das Thema Gewalt gegen Lehrer für ein Tabu-Thema an Deutschlands Schulen. 46 Prozent hingegen meinen, mit dem Thema werde an den Schulen offen umgegangen. Aufschluss über die Gründe für Gewalt gibt die Studie nicht. Beckmann meinte, Kinder brächten entsprechende Verhaltensmuster von Zuhause mit. „Wenn sich Eltern selbst so verhalten, dass sie ihre Forderungen gegenüber anderen mit gewalttätiger Sprache oder körperlicher Gewalt durchsetzen, müssen sie sich nicht wundern.“

Streit um Migrantenkinder

Beckmann wies eine Aussage des ehemaligen Recklinghausener Gymnasiallehrers und Buchautors Wolfgang Kindler zurück, der im WDR 5 Morgenecho gesagt hatte: „Wir haben leider das Problem, dass Kinder aus Migrationszusammenhängen häufig körperlich gewalttätiger sind als andere.“ Kindler führte als Beispiel den Berliner Bezirk Neukölln an. „Das kann ich so nicht bestätigen“, sagte der VBE-Chef. Zunehmende Gewalt – gegen den öffentlichen Dienst generell – sei aber ein „gesamtgesellschaftliches Phänomen“ und gehe keineswegs vorrangig von Menschen mit Migrationshintergrund aus.

Die große Mehrheit der Schulleitungen von Schulen mit Fällen von Gewalt oder Mobbing meint, ihnen gelinge es meist, die betroffenen Lehrer ausreichend zu unterstützen. In den anderen Fällen führten das die Befragten vor allem auf uneinsichtige Schüler oder nicht kooperationswillige Eltern zurück.

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