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Gesellschaft: 2 Beim Urlaub ist der C0-Ausstoß immer mehr Thema / Forscher sehen Wende

„Größere Flugscham, aber keine Reisescham“

Archivartikel

Berlin.Direkt nach dem Aufstehen sei sie im Meer planschen gegangen und danach habe sie am Pool gefrühstückt. Das schrieb kürzlich Youtuberin Bianca „Bibi“ Claßen („Bibis Beauty Palace“) auf den von Deutschland etwa 8000 Kilometer entfernten Malediven. Es ist wohl eine Typfrage, ob einen bei so einem Instagram-Post Gönnerlust packt oder Fremdscham, gar übertragene Flugscham. Viele blicken jedenfalls inzwischen anders auf solche Urlaubspostings als noch vor zwei Jahren. Die Reisescham geht um.

Hat damit aber tatsächlich eine neue Ära begonnen und ist das schlechte Gewissen auf dem Vormarsch? Werden das Fliegen, die Fernreise und die Kreuzfahrt zu etwas, für das man sich rechtfertigen muss – statt etwas, womit man prahlen kann? Nicht wenige berichten zumindest von Unterhaltungen und Situationen, in denen CO2 plötzlich Thema ist, in denen es das früher nicht gewesen wäre.

Veränderte Gesprächskultur

Ferienforscher Martin Lohmann stellt noch keine allgemeine Reisescham fest, wohl aber größere Flugscham. In Kiel als Leiter des Instituts für Tourismusforschung in Nordeuropa (NIT) verantwortet er die jährliche „Reiseanalyse“ des Vereins Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen (FUR) (siehe Infobox).

Bei den für 2020 geäußerten Reiseplänen ist dem Forscher zufolge trotzdem kurzfristig nicht damit zu rechnen, dass die Zahl der Urlaubsreisen mit dem Flieger stark sinkt. Wohl gebe es aber eine höhere Bereitschaft zu Kompensationszahlungen für den damit verbundenen CO2-Ausstoß, meint Lohmann.

Der Hamburger Youtuber und Kreuzfahrt-Experte Matthias Morr beobachtet angesichts der andauernden Klimadiskussion und der Freitagsdemos auch eine veränderte Gesprächskultur: „Eine Kreuzfahrt ist etwas, mit dem man früher gut angeben konnte. Ich habe von vielen gehört, dass sie das nun lieber gar nicht mehr erzählen, wenn sie Kreuzfahrten machen, um eben dafür nicht angeprangert zu werden.“ Das Kreuzfahrtschiff sei „quasi der SUV der Reisebranche“. So ein riesiges Schiff sei ein starkes Symbol für vieles, was die Fridays-for-Future-Bewegung anprangere.

Gerade Reedereien seien da grade in keiner günstigen Situation, meint Morr. Neue Schiffe sind bestellt – und es sei eine Riesenherausforderung, die Antistimmung zu drehen. „Dieses Problem haben viele Reedereien auch erkannt – da fahren Schiffe entweder deutlich sauberer mit verflüssigtem Erdgas oder der Anbieter kompensiert den CO2-Ausstoß.“

Trotz als Reaktion

Morr beobachtet aber auch eine Art von Trotz in der Bevölkerung: „Ich erlebe bei vielen auch ein ,Jetzt erst Recht’ – nach dem Motto: „Ich will mich jetzt nicht persönlich einschränken, während in anderen Ländern oder Branchen alles so weiterläuft wie gehabt“.“ Es gebe eine Menge Leute, darunter viele Großstadtsingles, die kein Auto haben, aber viel Geld in Reisen investierten. „Das ist für viele schon ein wesentlicher Teil des Lifestyles und ich denke, da werden viele nicht drauf verzichten wollen.“

Reiseforscher Lohmann sieht das alles weniger problematisch: „Reisen haben eine ganze Reihe von positiven Aspekten: Erholung, Erfahrung, Lernen, Glück.“ Sie bringen Erlebnisse, über die zu reden bewährter sozialer Austausch sei. „Dass man nun vor sich selbst und vor anderen mögliche klimaschädliche Effekte seines Reisens rechtfertigen muss, erachte ich nicht als Nachteil“, sagt Lohmann. „Ein bisschen mehr Besonnenheit bei der Planung touristischer Aktivitäten kann ja nicht schaden.“ dpa

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