Vermischtes

Gesellschaft Vor allem Funktionskleidung gibt beim Waschen Mikroplastik ab – es landet im Meer, in Böden und im Körper

Gut gegen Regen, schlecht für die Umwelt

Archivartikel

Berlin.Wind, Regen, sinkende Temperaturen: Wenn das Herbstwetter Einzug gehalten hat, greifen viele Verbraucher zu Jacken, Fleecepullis oder Hosen, die vom Handel als Outdoor-Bekleidung beworben werden. Je nach Marke, Modell und Preis sollen sie Kälte und Wind besonders gut abhalten. Ein Großteil ist dazu wasserabweisend oder wasserdicht, leicht und atmungsaktiv.

Einfache Funktionsbekleidung bieten Mode- und Sportketten recht preiswert an. Für hochwertigere Outfits, auf denen etwa Logos der Marken Jack Wolfskin, The North Face, Schöffel, Vaude oder Mammut prangen, sind Verbraucher auch bereit, mehrere Hundert Euro auszugeben.

So angenehm warm und trocken die kälteresistenten Klamotten ihre Besitzer im Winterhalbjahr halten mögen: Sobald die wetterfeste Kluft in die Waschmaschine wandert, kann sie allerdings zum Problem für die Umwelt werden.

Ungefiltert ins Abwasser

Mikroplastik, wasserunlösliche Plastikteilchen mit einem Durchmesser von fünf Millimetern und kleiner, können sich beim Waschen der Funktionskleidung durch Abrieb aus den Synthetikfasern lösen. „Die gehen bei den meisten Geräten ungefiltert ins Abwasser“, sagt Rolf Buschmann, Referent für technischen Umweltschutz beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Jedes Jahr gelangen dadurch rund 157 000 Tonnen schwer abbaubare Mikroplastikfasern in die Umwelt, so die Schätzung einer aktuellen Studie der University of Miami (USA), die im September in der Fachzeitschrift „Plos One“ veröffentlicht wurde. Die eine Hälfte davon lande in Gewässern, die andere in Böden.

Polyester macht Großteil aus

Wie die Forscher deutlich machen, ist das Problem von Mikroplastik in der Umwelt nicht neu, nimmt aber in den letzten Jahren dramatisch an Fahrt auf. Demnach sind zwischen 1950 und 2016 beim Waschen von Bekleidung insgesamt 5,6 Megatonnen synthetische Mikrofasern in die Umwelt gelangt. Die Hälfte davon wurde allein seit 2006 abgegeben – und die jährliche Wachstumsrate liege bei rund 13 Prozent. Polyester, das besonders in Sport- und Funktionskleidung verwendet wird, mache mit Abstand den Großteil des Mikroplastiks aus.

Zu einer ähnlich alarmierenden Einschätzung kam 2017 eine Studie der Weltnaturschutzunion (IUCN). Demnach stammen 35 Prozent des Mikroplastiks in den Weltmeeren von Synthetikkleidung. Jedes Jahr gelangen rund 1,5 Millionen Tonnen Mikroplastik ins Meer, zwei Drittel davon sind Fasern aus Kleidung. Drei Viertel des weltweiten Mikroplastik-Aufkommens rechnen die Forscher des IUCN den Privathaushalten zu.

Verbraucher in Deutschland setzen jährlich pro Kopf durchschnittlich rund 5,4 Kilogramm Mikroplastik frei – umgerechnet sind das gut 800 Plastikflaschen. Durch den Abrieb beim Waschen von Synthetikkleidung entstehen demnach 77 Gramm pro Person, so das Ergebnis einer Studie des Fraunhofer-Instituts für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik von 2018.

Das meiste Mikroplastik, das beim Waschen ins Abwasser gelangt, können moderne Kläranlagen zwar herausfiltern – bis zu 95 Prozent oberhalb einer gewissen Größe –, doch ein Großteil des Klärschlamms landet je nach Land als Dünger auf den Feldern. In Deutschland ist diese Art der Düngung bis 2032 teilweise noch erlaubt. So kann das Mikroplastik nicht nur Boden und Pflanzenwachstum beeinflussen, sondern auch in der Nahrungskette landen.

„Würden Sie eine Kreditkarte essen?“, titelte 2019 die Umweltschutzorganisation WWF. Die von ihr beauftragte Untersuchung der University of Newcastle (Australien) ergab: Weltweit nehmen Menschen über Nahrungsmittel und Getränke im Schnitt bis zu fünf Gramm Mikroplastik pro Woche auf, was dem Gewicht einer Kreditkarte entspricht. Wie sich die Plastikaufnahme langfristig auf den menschlichen Körper auswirkt, ist bislang noch unzureichend erforscht. Jüngere Studien zeigen jedoch, dass etwa das Einatmen von Plastikfasern ab einer bestimmten Menge Atemwegsentzündungen auslösen kann. Umweltorganisationen appellieren daher an Textilindustrie und Verbraucher, auf mehr Nachhaltigkeit zu setzen.

„Die deutsche Textilindustrie hat zahlreiche Verfahren und Produkte entwickelt, um aus Kunststoffmüll Bekleidung, Schuhe oder Teppiche zu produzieren“, erklärt eine Sprecherin des Gesamtverbandes der deutschen Textil und Modeindustrie auf Anfrage dieser Redaktion. „Auch in der Filtertechnik ist die deutsche Industrie führend, um Mikroplastik aus Abwässern zu fischen.“ Der Verband verweist auch auf ein Forschungsvorhaben an der Hochschule Niederrhein. Das verfolgt das Ziel, künftig 99 Prozent des Faserabriebs in der Kläranlage aufzufangen.

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