Vermischtes

Paris Im einstigen Problemviertel Bobigny hat sich eine Künstlerszene etabliert / Auch Touristen werden angelockt

Hippe Kunst statt graue Vorstadt

Archivartikel

Bobigny.Irgendwo zwischen Betonmauern und Baukränen blickt plötzlich Marion Cotillard hervor. Auf einer riesigen Fläche erscheint die Schwarz-Weiß-Abbildung der französischen Schauspielerin auf einer Hausfassade, wie sie ihren sinnlichen Mund schürzt. Verewigt hat sie die US-Künstlerin BK Foxx als Hommage an den „französischen Glamour“ à la Cotillard an einem Ort, der wenig für Glamour bekannt ist: Bobigny, eine Vorstadt im Nordosten von Paris.

Lange galt diese Gegend als sozial angespanntes Pflaster; doch seit einigen Jahren wandelt sich der Trend. Die Künstler zieht es dank günstigerer Mieten und mehr Platz hierher, so dass eine kreative Szene entstanden ist. Auch junge Familien siedeln sich an, die sich die Pariser Immobilienpreise nicht mehr leisten können und den Bauboom fördern.

Und hier führt die „Street Art Avenue“ entlang: Über eine Strecke von neun Kilometern säumen Graffiti- und Straßenkunstwerke an Gebäuden oder alten Fabriken den Canal de l’Ourcq, der von Paris aus gen Westen verläuft. Das Abbild von Marion Cotillard gehört dabei zu den größten und beeindruckendsten, doch blitzen Malereien von allen Seiten und in allen Farben hervor. Auf einem Hausboot hat sich der Künstler Marko 93 mit einer langen Freske verewigt; unter einer Brücke erscheint ein verfremdetes Porträt des Bildhauers César.

Gegend im Wandlungsprozess

Die Werke fügen sich ein in das Programm „Studio Harcourt“, bei dem sich Street-Art-Künstler an Negativen des legendenbehafteten Pariser Fotostudios „Harcourt“, berühmt für seine Schwarz-Weiß-Porträts, inspirierten. Bestaunt werden können sie auch vom Boot aus, das jene Vorstädte am Kanal passiert, die sich in einem erstaunlichen Umwandlungsprozess befinden. Weg von verrufenen Banlieues hin zu Szenegegenden, die dem altehrwürdigen Paris eine andere Facette verleihen: eine jüngere, modernere, kreativere.

Dieses Potenzial will man für den Tourismus erschließen – mit Bootsfahrten, Spaziergängen, Radtouren oder Graffiti-Workshops. „Wir erweitern den touristischen Raum von Paris als zusätzliches Angebot, nicht als Konkurrenz zu den bestehenden Sehenswürdigkeiten“, sagt Daniel Orantin, Tourismus-Direktor für das Departement Seine-Saint-Denis, das im Nordosten an Paris grenzt. Er arbeite eng mit dem Rathaus der Hauptstadt zusammen, die die Touristenströme besser verteilen wolle, damit sie sich weniger auf das Zentrum alleine konzentrieren.

„Paris gehört zu den meistbesichtigten Städten der Welt. Doch der Massentourismus birgt auch das Risiko der Ablehnung durch die Bewohner, wie man es bei anderen stark besuchten Orten wie Venedig oder Barcelona sieht“, so Orantin. Dabei gehörten für Besucher alle Orte, die von der Metro angefahren würden – darunter die Vorstadt Saint-Denis mit ihrem berühmten Flohmarkt und der Kathedrale mit den Königsgräbern – zu Paris, auch wenn das verwaltungstechnisch nicht mehr gelte.

Vom gigantischen Bauprojekt „Grand Paris“, bei dem derzeit Metrolinien neu gebaut oder verlängert werden, um die Vorstädte besser anzubinden, erhofft man sich ein Aufsprengen bisheriger Stadtgrenzen in den Köpfen. Im Bereich der Hotellerie hat sich die Entwicklung bereits vollzogen: Zählt Paris knapp 80 000 Hotelzimmer, so sind es in den drei angrenzenden Departements nochmals knapp 50 000.

Kontrast zum Louvre

Eine Aufwertung ihrer Vorstädte bringe auch der Metropole einen positiven Imagewandel, argumentiert Orantin: „Das Bild von Paris mit seinen historischen Monumenten ist stark auf die Vergangenheit gerichtet. Wer heute eine hippe Stadt besuchen oder feiern gehen will, fährt lieber nach London oder Berlin. Dabei gibt es auch bei uns Kreativität und einen kosmopolitischen Geist, wir organisieren Elektro-Partys und Touren abseits der ausgetretenen Wege.“

Zu ihnen gehört die „Street Art Avenue“ als eine Art Museum unter freiem Himmel – nicht als Konkurrenz zum Louvre, sondern als Kontrast.