Vermischtes

Eurovision Song Contest I Michael Schulte tritt heute für Deutschland im portugiesischen Lissabon an

„Ich bin sehr authentisch“

Lissabon.Ganz in Schwarz gekleidet tritt Michael Schulte aus dem Dunkel vor eine Leinwand, auf die einzelne Worte und Textzeilen seiner Ballade „You Let Me Walk Alone“ projiziert werden. Er singt von seinem Vater, der vor 13 Jahren gestorben ist, von dessen Vermächtnis, davon, wie sehr er diesen wichtigen Menschen in seinem Leben vermisst. Wenn dann, beim gefühlvollen Refrain, Fotografien von Vätern und Söhnen hinter ihm auftauchen, brechen so manche Fans in Tränen aus. Die ungewöhnliche Bühnenshow des Deutschen kommt an in Lissabon. „Gänsehaut pur“, umschreibt es der Präsident des Eurovision Club Germany, Michael Sonneck. „Das Lied berührt mich von der ersten bis zur letzten Minute und ist toll inszeniert.“

Aber kann der Singer-Songwriter mit den roten Locken und der sanften Stimme Deutschland beim ESC-Finale heute damit zurück in die Top Ten holen, was sein Traum wäre? Wenn man den Buchmachern glauben darf, dann schon – und auch seine Startnummer 11 könnte durchaus ein gutes Omen sein: Im vergangenen Jahr war Salvador Sobral mit „Amor Pelos Dois“ ebenfalls als Elfter aufgetreten – und hatte den Eurovision Song Contest nach Portugal geholt.

Emotionaler Moment

Apropos Salvador Sobral. Der Auftritt des 28-Jährigen als Pausen-Act dürfte einer der emotionalsten Momente des Abends werden: Erstens hatten seine Fans monatelang um den herzkranken Schmusesänger bangen müssen, wartete dieser doch im vergangenen Herbst lange vergeblich auf ein Spenderorgan. Im Dezember aber gab es endlich Entwarnung, und Sobral wurde ein neues Herz transplantiert. Dass er nur fünf Monate später wieder auf der ESC-Bühne stehen kann, grenzt fast an ein Wunder.

Zweitens tritt Sobral zusammen mit einem seiner größten Idole auf – der brasilianischen Musiklegende Caetano Veloso (75). Als Duett werden sie den Siegertitel von 2017 singen. „Ich glaube, ich werde in Ohnmacht fallen. Eine Schande, weil ich den Moment nicht voll auskosten kann, aber ich bin total nervös“, gestand Sobral portugiesischen Medien. „Ich kann gar nicht mehr schlafen, das ist alles total surreal.“

Rund um die imposante Altice Arena, die größte Veranstaltungshalle Portugals, laufen die letzten Vorbereitungen auf Hochtouren. Drinnen wird geprobt, damit die Show bis ins letzte Detail sitzt, im Pressezentrum tummeln sich Hunderte Journalisten und Fans, draußen bringen sich Scharfschützen in Stellung – die Sicherheitsvorkehrungen beim ESC sind groß, nichts wird dem Zufall überlassen.

Im Zentrum Lissabons, in den engen Gassen von Chiado und Alfama, ist von dem Trubel allerdings nichts zu spüren. Hier geht das Leben seinen gewohnten Gang, so mancher Einheimischer hat noch gar nicht mitbekommen, dass die Stadt den Song Contest ausrichtet. „Man hat das Gefühl, das ist hier nicht bei allen angekommen“, sagt Anne Halvorsen, die eigens für den ESC aus Deutschland angereist ist. „In Kiew letztes Jahr wurde man überall angesprochen, wenn man mit der Nationalflagge durch die Stadt lief, aber hier hat man das Gefühl, die Leute gucken komisch, weil sie gar nicht wissen, was los ist.“

Davon aber lassen sich die Fans, die aus aller Welt nach Lissabon geströmt sind, nicht unterkriegen. Bei beiden Halbfinals verwandelten sie die Arena in eine Mega-Partyzone und feierten fröhlich rund um die in spektakuläres Licht und Feuerfontänen getauchte Bühne, die wieder einmal vom Deutschen Florian Wieder entworfen wurde.

Opernarien und Popsongs

Was die ESC-Gemeinde besonders begeistert, ist die musikalische Vielfalt in diesem Jahr. Von Opernarien über Elektro-Sound bis hin zu Swing, Rock und Balladen ist alles vertreten. Wer aber ist nun der Favorit unter den 26 Finalisten? Wochenlang wurde die schrille Netta aus Israel mit ihrem Song „Toy“ als Top-Anwärterin auf den Sieg gehandelt – wohl auch, weil die Botschaft perfekt in die #MeToo-Debatte passt. Zuletzt wurde sie bei den Buchmachern aber von Zypern überholt, das mit Eleni Foureira im Glitzer-Catsuit und ihrem Gute-Laune-Popsong „Fuego“ an den Start geht.

Auch Frankreich mit dem Duo Madame Monsieur und dem Lied „Mercy“ über ein auf dem Mittelmeer geborenes Flüchtlingsbaby sowie der schwedischen Nummer „Dance You Off“ von Benjamin Ingrosso werden gute Chancen eingeräumt. Riesenjubel ernteten im Halbfinale zudem Jessica Mauboy aus Australien und der ESC-Sieger von 2009, Alexander Rybak aus Norwegen, ebenso wie der Däne Rasmussen mit seiner Wikinger-Hymne, das ungarische Hardrock-Spektakel von AWS und der Tscheche Mikolas Josef samt Streber-Brille und Lausbuben-Charme.

Gewinner von Sanremo

Bei vielen deutschen Fans in Lissabon steht hingegen Italien ganz hoch im Kurs, das die diesjährigen Gewinner des Musikfestivals von Sanremo ins Rennen schickt, Ermal Meta und Fabrizio Moro. Ihre Anti-Terror-Hymne „Non mi avete fatto niente“ (etwa: „Ihr habt mir nichts antun können“) ist ein Protest gegen die Welle von Anschlägen in Europa, gesungen im Staccato-Stil, eingängig, ohne große Bühnenshow. „Die beiden singen in einer ganz anderen Liga, das sind zwei ganz große Künstler“, sagt Anne Halvorsen.

Lissabon ist bereit, jetzt gilt es. Germany, 12 points? Durchaus möglich. In Deutschland heißt es jedenfalls: Daumen drücken für Michael Schulte, der im Interview sagte: „Ich bin sehr authentisch und lass mich nicht verbiegen und singe einen sehr persönlichen, sehr emotionalen Song. Ich hoffe, dass das bei den Leuten, die vor dem Fernseher sitzen, auch ankommt.“

Info: ESC-Liveticker unter morgenweb.de/vermischtes

Zum Thema