Vermischtes

Gesellschaft Die Rolle der Väter hat sich gewandelt – die Frage lautet nur: Wie sehr?

„In Baby-Kursen bin ich oft der einzige Mann“

Archivartikel

Köln.Johannes Albers kennt das Gefühl, allein unter Frauen zu sein. Das passiert ihm ständig. „Die ganzen Angebote, die es für Eltern gibt, sind doch noch eher weiblich dominiert“, erzählt er. „Ich bin da beim Krabbeln oder im Musikkurs oft der einzige Mann.“ Der 33-Jährige sitzt in seinem Wohnzimmer in Köln und wartet, dass der Grund, warum er zu all diesen Kursen geht, bald aufwacht. Es ist sein kleiner Sohn, der noch im Nebenzimmer schläft. Johannes Albers ist in Elternzeit – zehn Monate.

Für das Jahr 2019 ist Albers ein ungewöhnlicher und zugleich ein gewöhnlicher Vater. Ungewöhnlich an ihm ist, wie lange er eine Job-Pause einlegt. Viele Männer nehmen deutlich weniger Elternzeit und oft auch gemeinsam mit der Mutter des Kindes. Das erklärt, warum Albers in den Krabbel-Gruppen nicht gerade auf Massen von Geschlechtsgenossen trifft. Gewöhnlich ist, dass er es überhaupt tut. Männer, die Elternzeit nehmen, sind normal geworden. Zum Vatertag am Donnerstag lässt sich festhalten: Die Vater-Rolle hat sich gewandelt. Nur: Wie sehr?

Schaut man sich das deutsche Vater-Land an, landet man nicht nur bei Leuten wie Albers – sondern auch bei Jack White. Der Schlager-Produzent, der im März sein sechstes Kind bekommen hat, ließ schon während der Schwangerschaft in der Zeitschrift „Bunte“ wissen, dass Windelnwechsel für ihn nicht infrage komme: „Das habe ich im Leben noch nicht gemacht, und das werde ich auch jetzt nicht machen.“ Er sei der Meinung, dass die Mutter für das Kind verantwortlich sei.

Furcht vor Sanktionen im Job

Man kann einwenden, dass White 78 Jahre alt ist und für eine andere Generation von Vätern steht. Man kann indes auch argumentieren, dass er nur ausspricht, was viele denken, aber nicht mehr sagen, weil sich der Zeitgeist gedreht hat. Noch ein Beispiel? 2015 sagte der ehemalige Bahn-Chef Hartmut Mehdorn (heute 76) im „Spiegel“ über einen Vater, der drei Monate Elternzeit genommen hatte: „Wenn ein Mann, der Karriere machen will, so lange Elternzeit nimmt, dann muss er sich danach wieder hinten anstellen.“

Gibt es sie also noch, die Fraktion der Retro-Väter? Katja Sabisch, Expertin für kritische Männlichkeitsforschung an der Uni Bochum, zögert bei der Antwort. „Man kann ja schon den Eindruck bekommen, dass sich etwas grundlegend gewandelt hat – weil man mehr Väter mit Kinderwagen sieht“, sagt sie. Allerdings könne das daran liegen, dass man heute mehr darauf achte. Die Aufteilung der Familienarbeit bei der Versorgung des Kindes sei „immer noch ganz klar weiblich konnotiert“. Sabischs Einschätzung: „Die Frage ist nicht, wer ab und zu mal eine Windel wechselt – sondern wer geht in Elternzeit und in Teilzeit? Das sind in der Regel noch die Frauen.“

Laut „Väterreport“ (2018) des Bundesfamilienministeriums entscheiden sich fast 60 Prozent der Männer, die Elterngeld beziehen, für die Mindestbezugszeit – zwei Monate. Für drei bis neun Monate entscheiden sich rund 21 Prozent, für zehn bis zwölf Monate noch rund 15. Fast 60 Prozent der Väter mit Kindern unter sechs Jahren wünschen sich aber, mindestens die Hälfte der Kinderbetreuung zu übernehmen.

Sabisch nimmt Väter in Schutz. „Es ist nicht so, dass die Männer das einfach anordnen. Das ist zum Teil schon selbst gewählt. Frauen wollen diesen Aufgabenbereich manchmal einfach nicht abgeben, sie sagen: Ich mache die Elternzeit, ich kann das besser.“ Es handele sich um erlernte Stereotype und Geschlechterbilder. Hinzu komme die Sorge der Väter vor Sanktionen des Arbeitgebers.

Auch Jürgen Kura, Vorsitzender des Vereins Väter in Köln, sieht das Problem nicht unbedingt bei den Vätern. Deutschland hinke der ganzen Diskussion einfach hinterher. „Es gibt zwar das Elterngeld, aber ansonsten tut der Staat nicht viel, um die Strukturen für moderne Väter zu fördern, die sich um ihre Kinder kümmern wollen.“ Das werde noch immer als Privatsache betrachtet.