Vermischtes

Prozess Apotheker wegen gepanschter Krebsmedikamente vor Gericht

"In Kauf genommen, dass Patienten sterben"

Essen/Bottrop.Vor der Wirtschaftskammer des Landgerichts Essen begann gestern der Prozess gegen den Bottroper Apotheker Peter Stadtmann. Laut Anklage der Staatsanwaltschaft soll Stadtmann jahrelang Krebsmedikamente gepanscht haben. Betroffen sind über 4000 Patienten in sechs Bundesländern, deren Ärzte Chemotherapien von Stadtmann bezogen haben - auch nach Baden-Württemberg wurden Medikamente geliefert. Drei Patienten wurden zudem in Rheinland-Pfalz nach Angaben des Gesundheitsministeriums von dem Apotheker behandelt. Die meisten betroffenen Patienten stammen aus Nordrhein-Westfalen. Die Infusionen enthielten laut Anklage jedoch nicht die angegebenen Wirkstoffmengen, sondern waren verdünnt oder enthielten nur Kochsalz.

Tatbestand des Totschlags?

Fest steht: Der Fall des Pansch-Apothekers ist einer der größten Medizinskandale der vergangenen Jahrzehnte. Wird er vor dem richtigen Gericht verhandelt? Die Staatsanwaltschaft hat im Wesentlichen nur den mutmaßlichen Betrug an den Krankenkassen zur Anklage gebracht. Eine juristische Notlösung: Denn Stadtmann hat über Jahre Medikamente abgerechnet, die in tausenden Fällen weniger Wirkstoffe enthielten als verordnet. Das wäre ein eindeutiges Wirtschaftsverbrechen.

Weniger eindeutig sind die menschlichen Schicksale: Die betroffenen Patienten und die Angehörigen von verstorbenen Krebspatienten fordern, dass sich Stadtmann auch dafür verantworten muss, dass er ihnen möglicherweise lebensrettende Medikamente vorenthalten hat. Ein Vorwurf, der juristisch nur schwer zu belegen ist, denn das System, nach dem der Apotheker gepanscht hat, ist heute kaum noch nachzuvollziehen. "Wir haben es hier mit dem Verdacht eines Tötungsdeliktes zu tun, nicht lediglich mit geldlichen Angelegenheiten", sagt Hans Reinhard, Anwalt eines der Nebenkläger. Er fordert, dass der Fall Stadtmann vors Schwurgericht verlagert wird. "Der Beklagte hat billigend in Kauf genommen, dass Patienten vorzeitig versterben. Das erfüllt den Tatbestand des Totschlags."

Der vorsitzende Richter Johannes Hidding ließ bereits kurz vor Prozessbeginn Patienten und ihre Angehörigen zur Nebenklage zu. Beim Prozessauftakt machte das Gericht dann die Bedingungen für eine Nebenklage deutlich: wer nachweislich Medikamente aus der Bottroper Apotheke bekommen hat und namentlich auf der Liste der betroffenen Patienten steht, die Ermittlern vorliegt. Das ist eine sehr niedrige Schwelle für betroffene Patienten, eine Nebenklage anzustreben. Viele Familien von verstorbenen Patienten fragen sich, ob ihre Angehörigen noch leben könnten, wenn sie keine gepanschten Medikamente erhalten hätten. Es sind auch Personen zur Nebenklage berechtigt, die durch die Tat einen Schaden erlitten haben oder "deren Kinder, Eltern, Geschwister, Ehegatten oder Lebenspartner durch eine rechtswidrige Tat getötet wurden", wie es im Gesetz heißt. Bisher sind 19 Betroffene als Nebenkläger zugelassen.

Nachweis schwierig

Anders als der Richter hielt die Staatsanwaltschaft nur wenige Nebenklagen für möglich. Weil Krebs-infusionen direkt nach der Herstellung ausgeliefert werden, konnten sich die Ermittler fast nur auf die Buchhaltung der Apotheke stützen. Welche Wirkstoffe in welchen Infusionen tatsächlich enthalten waren, lässt sich nicht mehr nachweisen.

Dabei haben Ärzte und auch das Gesundheitsamt Düsseldorf, das sich zu Wort meldet, weil 900 Patientinnen durch ein Düsseldorfer Brustkrebszentrum mit Medikamenten aus Bottrop behandelt wurden, sehr wohl eine Möglichkeit aufgezeigt: mit einer sogenannten Fall-Kontroll-Studie. Hierbei werden die Krankheitsverläufe von Patienten, die aus Bottrop Medikamente bekamen, mit der Krankheitsgeschichte einer vergleichbaren Gruppe abgeglichen. Eine Studie dieser Art könnte belegen, ob die Gesamtheit aller Patienten im Therapieverlauf schlechter abschneidet als Patienten, die von einer anderen Apotheke versorgt worden sind. Die Rechtsanwälte von Stadtmann bestreiten die Vorwürfe.

Der Autor ist Redakteur des Recherchezentrums Correctiv, das sich über Spenden finanziert. Prüfen Sie hier, ob auch Ihr Arzt aus Bottrop beliefert wurde: Eingabe bei Correctiv unter http://bit.ly/2yWnSir.